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Nachruf auf Werner Schulz "In Leipzig hatte ich Angst um mein Leben": Abschied von einem DDR-Bürgerrechtler mit eigenem Kopf

Werner Schulz 2011
Werner Schulz 2011
© Karlheinz Schindler / DPA
DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz ist tot. Mit ihm verliert das Land einen streitbaren Menschen – und einen Ratgeber. Ein Nachruf.

Der Bürgerrechtler Werner Schulz war nie für den 3. Oktober als Feiertag zum Gedenken an die Deutsche Einheit. Er wollte den 9. November, den Tag des Mauerfalls. Es wirkt wie ein tragischer Zufall, dass Werner Schulz nun ausgerechnet an diesem Tag gestorben ist – unter dramatischen Umständen, während einer Gedenkveranstaltung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue.

Schulz brach am Rande der Veranstaltung zusammen. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, versuchte noch, ihn zu reanimieren – vergeblich. Den 9. November hatte Schulz einmal einen Tag genannt, "der wie kein zweiter die Geschichte der Deutschen bündelt". Nun gehört auch die Erinnerung an den streitbaren Demokraten Werner Schulz zu diesem Tag.

"In Leipzig hatte ich Angst um mein Leben"

Schulz, geboren 1950 in Zwickau, war in der DDR 1981 Mitbegründer des Pankower Friedenskreises, dem auch Bärbel Bohley angehörte. Es war eine Gruppe, die Treffen von Regime-Kritikern erstmals aus Privatwohnungen unter das Dach der Kirche holte. Mit Bohley engagierte Schulz sich 1989 im Neuen Forum, kritisierte offen den Verlauf der Kommunalwahlen in der DDR im Mai und erlebte die Leipziger Montags-Demonstration am 7. Oktober mit 70.000 Teilnehmern. "In Leipzig hatte ich Angst um mein Leben", erinnerte er sich später. Die DDR-Führung unter Egon Krenz hatte offen Sympathie für ein militärisches Vorgehen gegen die Demonstranten gezeigt. "Das war eine klare Ansage", so Schulz. Doch es blieb friedlich.

Am 9. November verfolgte Schulz die Pressekonferenz von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski am Fernsehen, nahm aber zunächst die Worte zur Grenzöffnung nicht wirklich ernst, wie er ntv später berichtete. Er ging zu einem Freund, um ein Programm für das Neue Forum zu schreiben. Um 22 Uhr kam ein Bekannter, so Schulz, und rief: "Mensch, seid ihr bekloppt, die strömen über die Bornholmer Brücke und ihr sitzt hier rum und bekritzelt Papier!" Weiter erinnerte sich Schulz: "Wir haben sofort alles abgebrochen, jeder wollte da hin." Er holte zuhause seine Frau ab und ging über den Grenzübergang Bornholmer Brücke in den West-Berliner Stadtteil Wedding.

1990 zog Schulz im März als Abgeordneter von Bündnis '90 in die frei gewählte, letzte Volkskammer der DDR ein und wurde so nach der Einheit am 3. Oktober auch Mitglied im Bundestag. Zuvor saß er mit am Zentralen Runden Tisch der DDR. Weil die Grünen im Westen, auch wegen ihrer Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung, an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert waren, saßen Schulz und die Bündnis-Abgeordneten vier Jahre lang allein im Bundestag. Nach der Bundestagswahl 1994 wurde Joschka Fischer Vorsitzender der gemeinsamen Fraktion von Bündnis '90 / Die Grünen und Schulz parlamentarischer Geschäftsführer. Auf Distanz gingen die beiden Politiker, nachdem Fischer bei der rot-grünen Regierungsbildung 1998 Rezzo Schlauch und nicht ihn als Fraktionsvorsitzenden neben Kerstin Müller favorisiert hatte. 2002 unterlag Schulz in einem weiteren Anlauf der Thüringer Abgeordneten Katrin Göring-Eckardt.

Schulz hatte stets einen eigenen Kopf und ärgerte sich später, "wie kleinlaut wir manches in dieser Koalition mitgemacht haben". Er lehnte zum Beispiel die Hartz-Reformen ab, "weil ich das Gesetz für ungerecht gehalten habe". Fischer räumte später nicht nur ein schweres Zerwürfnis mit Schulz ein, sondern auch, dass dieser durchaus zurecht einen führenden Posten beansprucht habe. Doch fürchtete der Außenminister und Vizekanzler offensichtlich einen zu starken Machtanspruch einer Fraktion unter Schulz.

Werner Schulz,  "ein guter Ratgeber in allen Ost-West-Dingen"

2005, als Kanzler Gerhard Schröder und SPD-Chef Franz Müntefering vorzeitige Neuwahlen anstrebten, verglich er das Vorgehen der SPD-Spitze mit dem Verhalten der SED in der Volkskammer und ging per Verfassungsbeschwerde gegen die Auflösung des Bundestages durch Bundespräsident Horst Köhler vor. Die Klage war jedoch nicht erfolgreich. Von 2009 bis 2014 war Schulz dann Mitglied des Europa-Parlaments.

Frank-Walter Steinmeier kam am Mittwoch gegen 13 Uhr die Aufgabe zu, die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung zum 9. November im Bellevue über den Tod von Schulz in Kenntnis zu setzen. Es habe einen Notfall-Einsatz für einen Menschen gegeben, "der uns lieb und teuer war", so Steinmeier "und mir ein guter Ratgeber in allen Ost-West-Dingen". Zuvor waren die Angehörigen informiert worden. Marianne Birthler, Weggefährtin von Schulz in der DDR und bei Bündnis '90 und von 2000 bis 2011 Präsidentin der Stasi-Unterlagenbehörde war im Saal. Die Bemühungen der Notärzte und auch des Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster hätten keinen Erfolg mehr gehabt, so Steinmeier. "Werner Schulz ist tot." Der Bundespräsident bat dann um eine Schweigeminute und brach die Veranstaltung ab.

wue

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