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Kommunismus-Debatte bei "Maybrit Illner": Wein her! Aber schnell!

Wie viel Kommunismus darf's sein für Deutschland? Seitdem Gesine Lötzsch sich scheinbar als Sympathisantin geoutet hat, steht sie am Pranger. Im ZDF kam es jetzt noch schlimmer für die Linken-Chefin: Sie musste sich von dem rüpelhaften Theatermann Peymann verteidigen lassen.

Von Florian Güßgen

In der Post-Lafontaine-Linkspartei gibt es derzeit einen Trend zur Selbstzerfleischung, der sich in einer West- und einer Ost-Version manifestiert: Die Westfassung sieht so aus, dass sich der Wessi-Vorsitzende Klaus Ernst nach allerlei Peinlichkeiten nicht um sein Image als Luxus-Hallodri schert und stattdessen in einem stern-Interview ein Hedonismus-Bekenntnis erster Güte abliefert. Motto: Wein her, aber guten!

Die vergleichsweise freudlose Ostfassung des Selbstzerfleischungstrends sieht so aus, dass die Ossi- Vorsitzende Gesine Lötzsch alle gegen sich aufbringt, weil sie in einem Artikel über Wege zum Kommunismus philosophiert. Seit gut einer Woche diskutiert das Land darüber, wie viel Marx noch in der Linkspartei steckt und wie geschichtsvergessen diese Partei in der Tiefe ihrer Mitgliedschaft doch ist.

Volkshochschulkurs in Sachen Kommunismus

Am Donnerstagabend hat sich nun auch ZDF-Talkerin Maybrit Illner der Ost-Fassung der Selbstzerfleischung, der "Kommunismusdebatte", angenommen. "Neues Deutschland, altes Ziel" lautete die Kernfrage der ersten Sendung im neuen Jahr. Vor dem TV-Gericht erschienen sind: als Angeklagte Linkspartei-Chefin Lötzsch höchstpersönlich, als Ankläger CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und der Grünen-Europaabgeordnete Werner Schulz, als Verteidiger Theatermann Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensemble. Die gute, alte Sozialdemokratie, gleichsam als Nebenkläger, vertrat der gute, alte Hamburger Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, den die Webseite Illners abgedroschen als "Urgestein der Sozialdemokratie" pries.

Was eine interessante Diskussion über die Linkspartei hätte werden können, über deren Tiefenstruktur, deren Identität, den genetischen Unterschied zur SPD, ihre große Krise in einem so wichtigen Wahljahr, geriet Illner über weite Strecken zu einem abstrakten und bisweilen etwas naiv anmutenden Volkshochschulkurs in Sachen Kommunismus. Die Illnersche Dialektik kam very 60s daher - ud wirkte entsprechend angestaubt: Welche Position vertrat Rosa Luxemburg noch einmal genau? Was ist der Reiz am Kommunismus? Ist er nicht gerade heute eine Alternative, da der fiese Kapitalismus so krankt? Wie viel Freiheit, wie viel Gleichheit brauchen wir? Und: Hat die grausame und blutbesudelte Praxis des Kommunismus die blendende Theorie der Herren Marx und Engels nicht schon längst widerlegt? Um Brecht ging's, natürlich, auch ein wenig.

"Nicht in diesem Ton"

Lötzsch übte sich dabei, wohl auch eingedenk der Prügel aus dem eigenen Lager, wie schon in den letzten Tagen, im Teilrückzug: Sie bekannte sich brav zum demokratischen Sozialismus, zur Demokratie an sich, redete die Bedeutung der Kommunistischen Plattform in ihrer eigenen Partei klein. Man darf doch mal nachdenken. Langweilig und blutleer war das - und eine mitunter müde wirkende Illner tat nichts, um Lötzsch ernsthaft aus der Reserve zu locken oder die Debatte fokussiert zu halten.

Deutlich munterer wirkten dagegen die Herren der Runde. Da kabbelte sich der schlaue, aber immer sehr leidend dreinblickende Ex-Bürgerrechtler Schulz, der den Rückgriff auf den Kommunismus als rückwärtsgewandt und angesichts von Millionen Opfer als zynisch darstellte, mit dem rüpelhaft-aufbrausenden Kaviar-Linken Peymann - ("Nicht in diesem Ton!", schrie der Brecht-Adept). Der "Spießersozialismus" à la DDR, dozierte Peymann etwa, habe keineswegs der Idee des Kommunismus entsprochen. Als Überraschungsgewinner der Show darf sich jedoch Alexander Dobrindt wähnen, der CSU-Mann. Weniger, weil er mit seiner Forderung nach einer umfassenden Beobachtung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz erwartungsgemäß die Rolle des harten Hundes spielte. Sondern eher, weil er mit wenigen, teilweise sogar gewitzten Wortbeiträgen punkten konnte. Sagt etwa Lötzsch: "Man wird doch wohl noch [über den Kommunismus] nachdenken dürfen." Kontert Dobrindt: "Hätten sie nachgedacht, wären sie zu einem anderen Ergebnis gekommen."

Abgesehen von Peymanns Ausrastern und Dobrindts Spitzen gab es am Donnerstagabend jedoch zu wenig Erhellendes oder Unterhaltsames. Statt zu spät auf die Kommunismusdebatte zu setzen hätte Illner besser daran getan, ihre Sendung und ihre Gäste auf die Krise der Linkspartei zu konzentrieren. Dann hätte sie auch nicht die blasse Lötzsch einladen müssen, sondern hätte auf den spritzigeren Gregor Gysi, den Fraktionschef im Bundestag, zurückgreifen können. Der vereinigt nicht nur Hedonismus mit Theoriefestigkeit, sondern findet auch häufig die passenden Worte. Anfang der Woche hatte er unmissverständlich gesagt, was er, Gysi, von der ganzen Lötzsch-Sause hält: "Im Theater heißt es, dass nur eine misslungene Generalprobe zu einer gelungenen Premiere führt."