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Frauenquote? In den Ministerien haben Männer die Topjobs

Für die Wirtschaft gilt die Quote: Große Unternehmen müssen in ihren Aufsichtsräten 30 Prozent Frauenanteil haben. Aber wie hält es die Bundesregierung mit ihren eigenen Führungspositionen? Hier die peinlichen Zahlen aus den Ministerien.

Von Andreas Maisch

Frauenquote nicht in Ministerien durchgesetzt

"Hochburgen des Patriarchats": In der Verwaltung der Spitzenpolitik sind Frauen nach wie vor selten

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), derzeit hochschwanger, ist eine engagierte Kämpferin für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Notfalls hilft sie mit Gesetzen nach: Seit Anfang März 2015 sind große, börsennotierte Unternehmen verpflichtet, 30 Prozent ihrer Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen. Sie erwarte, dass die Firmen "es ernst meinen mit der von ihnen selbst so häufig gepriesenen Vielfalt in den Führungsetagen", sagte Schwesig im Dezember.

Gut gebrüllt, Ministerin. Doch meint es die Regierung auch ernst in eigener Sache? Wer besetzt die Topjobs in den Ministerien: Männer oder Frauen? Hält die Spitzenpolitik die Quote ein, die sie der Wirtschaft vorgibt? Das wollte Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion der Linken, genau wissen - und stellte eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. Deren Antwort, die dem stern vorliegt, zeichnet ein düsteres Bild: Unter den 28 beamteten Staatssekretären der Bundesministerien sind gerade einmal fünf Frauen. Das entspricht einem Anteil von weniger als 18 Prozent. Staatssekretäre sind in den Ministerien die höchsten Beamten. Eine Ebene darunter - bei den Abteilungsleitern - liegt der Frauenanteil bei 23 Prozent.

"Hochburgen des Patriarchats"

Damit unterschreitet die Regierung locker die Vorgaben, die sie für große Unternehmen festgelegt hat. Nur fünf von 16 Bundesministerien hatten - Stand 30. Dezember 2014 - auf Abteilungsleiterebene einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent: das Familien-, Justiz-, Entwicklungs-, Umwelt- und Gesundheitsministerium. Neuere Zahlen kann die Bundesregierung nicht nennen. Linken-Politikerin Möhring jedenfalls hält den geringen Frauenanteil in den Spitzen der politischen Verwaltung für skandalös. "Wenn die Bundesregierung mit diesen beachtlichen Hochburgen des Patriarchates ihre eigene Gleichstellungsarbeit als vorbildlich bezeichnet, muss man sich nicht wundern, wenn der Frauenanteil in den Unternehmensvorständen nur 5,9 Prozent erreicht", sagte sie dem stern. Die Bundestagsabgeordnete kritisiert auch, dass es folgenlos bleibe, wenn Gleichstellungsbeauftragte bei Einstellungen in den Behörden nicht oder zu spät beteiligt werden.

Nur ein einziges Ministerium kann für sich in Anspruch nehmen, geschlechterpolitisch vorne zu liegen - was allerdings auch wenig überraschend ist. Traditionell arbeiten im Familienministerium viele Frauen, unter Schwesig kommt die Administration auf mehr als 50 Prozent. In Angela Merkels Kanzleramt hingegen steht eine Abteilungsleiterin sechs Männern gegenüber. Im Bundesinnenministerium liegt der Frauenanteil unter den Abteilungsleitern bei lediglich acht Prozent. Das Finanzministerium hat keine Staatssekretärin und nur zehn Prozent der Abteilungsleiter sind weiblich. Das Landwirtschaftsministerium hatte zum Stichtag 31. Dezember 2014 sogar keine einzige Abteilungsleiterin, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf die parlamentarische Anfrage hervorgeht.

"Frauen sind selbstkritischer"

Astrid Hollmann, stellvertretende Bundesvorsitzende des Beamtenbunds (dbb), erklärt die Ungleichheit damit, dass Frauen, die wegen der Familie in Teilzeit wechseln, mit ihrer Karriere oft nicht mehr recht vorankämen. "Außerdem sind Männer bei Bewerbungen für Stellen oft selbstsicherer. Frauen sind generell selbstkritischer und stellen ihre Qualifikation für hohe Positionen eher infrage", sagt Hollmann im Gespräch mit dem stern. "Es gibt auch im öffentlichen Dienst noch zu wenige Frauen in hohen Führungspositionen, wenn man bedenkt, was jetzt gesetzlich von der Wirtschaft verlangt wird."

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hatte im vergangenen Jahr noch einen gewagten Vergleich gezogen: "Die Frauenquote ist der größte Beitrag zur Gleichberechtigung seit Einführung des Frauenwahlrechts. Nach der politischen Macht bekommen Frauen endlich einen fairen Anteil an der wirtschaftlichen Macht", erklärte Maas, der zusammen mit Schwesig für das Gesetz zur Frauenquote verantwortlich ist. Der Vorwand, es gäbe nicht genug qualifizierte Frauen, lasse die Regierung nicht gelten. Denn, so der Minister: "Noch nie waren so viele Frauen so gut ausgebildet wie heute."

Kaum eine Frau in der Bundesbank

Immerhin beträgt der Frauenanteil in Maas Ministerium bei den Abteilungsleitern gut 40 Prozent. Sein Ressort ist damit das Haus mit dem zweithöchsten Frauenanteil. Wer sich die Statistik genauer anschaut, stellt aber auch Probleme fest. Denn: Eine Leitungsstufe darunter, auf Ebene der Unterabteilungsleiter, liegt der Frauenanteil im Justizministerium nur noch bei rund 13 Prozent.

Ausgerechnet die Verwaltungen des Deutschen Bundestags und des Bundesrats führen der Bundesregierung vor, dass eine hohe Frauenquote möglich ist: Beide Institutionen haben jeweils zur Hälfte Männer und Frauen als Abteilungschefs. Einige andere Bundesbehörden sind jedoch Männer-Hochburgen, allen voran die Deutsche Bundesbank: Nur zwei von 33 Abteilungsleitern sind dort Frauen - das sind nur sechs Prozent.

Das Bundesgleichstellungsgesetz verpflichtet seit Mai 2015 Bundesbehörden, Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils festzulegen. Im laufenden Jahr wird deshalb zum ersten Mal ein Gleichstellungsindex für Bundesministerien und andere oberste Bundesbehörden erscheinen. Die Veröffentlichung ist aber erst für den Sommer geplant. Bis dahin muss sich noch einiges tun. Das räumt auch Schwesigs Ministerium ein: "Die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Deutschland ist leider noch nicht Wirklichkeit geworden. Es sind nach wie vor nur wenige Frauen in Führungspositionen von Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung vertreten", sagte ein Sprecher des Familienministeriums dem stern. "Der Bund soll mit gutem Beispiel vorangehen", teilte das Ressort mit. Soll - das ist bislang nur eine Absicht.

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