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22. Oktober 2009, 18:10 Uhr

Raus aus den Hinterzimmern, Genossen!

Hallo SPD? Schön, mal wieder was zu hören. Aber so richtig Sigmar Gabriels Brandbrief ist - der Inhalt ist durch die vorangegangene Postengrabscherei schon diskreditiert. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

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Brandbrief: Sigmar Gabriel, designierter SPD-Parteichef© Fabrizio Bensch/Reuters

Kaum zu glauben, aber wahr. Es gibt sie noch, die SPD. Nichts war zu sehen in den vergangenen Tagen der Koalitionsgespräche. Kaum was zu hören. Allenfalls mal ein paar kritische Halbsätze ihres Finanzexperten Joachim Poß. Und zur Lage der SPD selbst waren ebenso nur selten rücksichtslos analysierender Sätze zu notieren. Die löbliche Ausnahme war der SPD-Linke Hermann Scheer, der sich zu Recht aufgeregt hat über die undemokratische Art, wie sich Parteispitze neu formiert hat. Dabei wurde förmlich nach Posten gegrabscht. Fraktionsvorsitz an den Wahlverlierer Frank-Walter Steinmeier, die Linke Andrea Nahles durfte sich das Generalsekretariat greifen, ruckzuck waren die Jobs der stellvertretenden Parteivorsitzenden verteilt und Sigmar Gabriel zum designierten Parteichef befördert.

Der Partei wurde von oben eine neue Führung verpasst, wobei der Vorwurf berechtigt war, dass offenbar die Brandstifter von gestern jetzt die Feuerwehr spielen wollen, aber noch immer mit den Streichhölzern hantieren. Und natürlich wurde keine Sekunde von den Strippenziehern der neuen Führung die Schuldfrage gestellt: Weshalb denn die Sozialdemokratie in elf Jahren Regierungsbeteiligung von einst 20 Millionen Wählern die Hälfte verprellt hat.

Insofern verdient der künftige Parteichef Gabriel Lob, dass er sich endlich zur Lage der SPD geäußert hat. Bemerkenswert ehrlich geäußert hat. Sie befinde sich in katastrophalem Zustand, benötige eine Reform der Willensbildungsprozesse, müsse endlich wieder die Meinungsbildung von unten nach oben zulassen, die Flügelkämpfe einstellen und die Themen prüfen, mit denen sie ihre politische Glaubwürdigkeit erschüttert habe. Darüber müsse auf dem bevorstehenden Bundesparteitag in Dresden diskutiert und abgestimmt werden.

Die Flügel flattern noch

Klingt ja sehr nach innerparteilicher Demokratie. Wie soll jedoch der Wiederbelebungsprozess erfolgreich sein mit einem Steinmeier an der Fraktionsspitze, der die Agenda 2010 Schröders vehement verteidigt? Von Flügelüberwindung ebenfalls keine Spur. Alle Posten wurden in feinster Balance zwischen rechts, halbrechts und links blitzschnell verteilt. Gabriel bemängelt das auch seinem Brief an die Basis. Verhindert hat er die Operationen der Postengrabscher nicht, sondern mitgefingert. Und was soll der Hinweis, dass man dabei im Parteivorstand endlich mal wieder geheim abgestimmt habe, wenn jeder weiß, dass auf dem Parteitag nichts mehr laufen darf, was nicht ins gefundene Schema passt?

Es trifft zu, wenn Gabriel den Selbstfindungsprozess der SPD als überfällig anmahnt. Mit 20 Prozent liegt sie in Umfragen nur noch knapp vor der FDP. Vor allem aber ist nichts zu hören, auch bei Gabriel nicht, wie das Konzept aussehen könnte, um den Charakter einer Volkspartei zu retten. Was eigentlich ist der Markenkern dieser Partei?

Hier genau liegt der wunde Punkt der SPD. Wer sie wählt, weiß nicht, was er wählt. Sie kommt als politischer Polygamist daher. Läuft es mit den Grünen nicht mehr, macht sie mit den Schwarzen weiter. Inhalte spielen dabei die untergeordnete Rolle, an die Macht will man vor allem oder irgendwie dran bleiben - wie bei der Bundestagswahl. Selbst wenn die eigene Glaubwürdigkeit flöten geht.

Partei ohne Markenkern

Aber wer wählt eine solche Partei in Zeiten, die beim Blick in die Zukunft gesellschaftliche Umbrüche und Unsicherheit signalisieren? Der Wähler will doch wissen: Wie kümmern sich die Parteien um meine Zukunft?

Noch einmal: Die SPD ist eine Partei ohne Markenkern. Ohne diesen hat sie auf Dauer keine Überlebenschance. Denn der Markenkern funktioniert wie ein Schutzpanzer - er bewahrt eine Partei in der plötzlich so weit geöffnete Koalitionsschaft vor weiterem Ausbluten. Für die SPD stellt sich damit die endlich zu beantwortende Frage: Wie und wie weit öffnen wir uns nach links? Wie geht die SPD mit der Endlichkeit wirtschaftlichen Wachstums um? Wie verbindet sie die Notwendigkeit von fairen Reformen im Sozialsystem mit sozialer Fürsorge?

Wie sich die Wahl 2013 verlieren lässt, steht fest: Mit einer im Hinterzimmer flugs zusammen gewürfelten neuen Führung, die inhaltlich nichts verbindet, außer egozentrischer Machtwille. Überzeugende Revitalisierung sieht unter demokratischen Gesichtspunkten gänzlich anders aus. Insofern ist Gabriels Brief eine ernst zu nehmende Botschaft.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
KOMMENTARE (10 von 14)
 
ganzbaf (22.10.2009, 21:40 Uhr)
Schröders Gewinner-Wahlprogammm anno ´97...

war übrigens auch ein eindeutig linkes. Nicht ultraorthodox aber immerhin. Lohnt sich mal nachzulesen...;-)

Was aus Versprechungen machte, ist ja zum Erbrechen bekannt.
oppenwehe (22.10.2009, 21:36 Uhr)
"kaum zu glauben, aber es gibt sie noch..."
Hm. Ich könnte schwören, dass die SPD immer noch stärker ist als die FDP.

Liebe Leute, lasst uns mal machen. Ihr habt uns gestutzt. Aber: wir sind immer noch die älteste Partei Deutschlands. Und die einzige, die den Nazis Widerstand geleistet hat. Und wir werden zurückkommen.

Bis dahin: viel Glück mit Angela und Guido.
ganzbaf (22.10.2009, 21:32 Uhr)
Manesse...

verwechselt wieder mal die gesellschaftliche Mitte mit der politischen Mitte. Und die gesellschaftliche Mitte steht mehrheitlich immer noch links der politischen.
Das sieht mal leicht an diversen "linken" Meinungsmehrheiten zu solch brisanten Themen wie "Mindestlohn", "Reichensteuer" oder "Aghanistan" usw.

Nur dass die gemäßigt Linken bei dieser Wahl mehrheitlich zuhause geblieben sind, und zwar zu recht.
Es gab keine linke Machtoption und die Seeheim-PD Führung mußte empfindlich abgestraft werden.

PS: Barndt war sogar ein bekennender Demokratischer Sozialist und damit eindeutig links. Natürlich mußte er zu RAF-Zeiten auch manche unangenehmen Entscheidungen fällen, mit denen er später allerdings nicht immer besonders glücklich war.
ganzbaf (22.10.2009, 21:11 Uhr)
Der "Markenkern" der SPD...
gehört wieder dahin, wo er hingehört. Und das ist links der Mitte!

Flügelkämpf zukünftig bitte nur noch zwischen Sozialdemokratie, Demokratischen Sozialismus und Marxismus ;-D

Mit dem bloßen Beharren auf substanzlosen Überzeugung und der bornierten Unwilligkeit, Fehler zuzugeben hat die bisherige SPD-Führung jedenfalls jeden übrig gebliebenen Kredit verspielt.
Die sollen gefälligst abtreten oder weggetreten werden.
Sternchen2020 (22.10.2009, 20:55 Uhr)
Die SPD
diesmal bekommt sie die Kurve nicht mehr und das verdientermaßen. Sie hat einen pseudol-neoliberalen Kurs gefahren, der am Ende heftiger ausfiel, als ihn die CDU je gefahren hätte.

Damit hat sie unwiderrruflich ihre komplette Wählerschaft verloren. Verraten und verkauft fühlt sich diese Klientel und zwar in einem unverzeihlichen Maße.

Als zweiter wichtiger Punkte kommt hinzu, dass es deutschlandweit keine Partei gibt, die so mit Intrigen, falschen Spielchen, Tricksereien, Intansparenz und Mundverbote für Mitglieder agiert um an dei Macht zu kommen oder zu bleiben, wie die SPD. Davon haben die Bürger restlos genug.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Die SPD hatte im Verlauf der Geschichte ihre Chance. Nun ist Schluss und zwar endgültig.
manesse (22.10.2009, 20:46 Uhr)
@wanderflke
Sämtliche Kanzler der SPD, auch Willy Brandt, waren Kanzler der Mitte. Willy Brandt war es, der den sogenannten Radikalenerlass unterzeichnete. Die SPD hatte nie eine Chance, eine Mehrheit zu organisieren, wenn sie nicht auch für die Mitte der Wählerschaft interessant war. Ander als Kommentator seppmaier meint, hat es in der Bundesrepublik zu keiner Zeit eine linke Mehrheit gegeben. Erst nach seiner Kanzlerschaft rückte Brandt nach links. Was war die Folge? 1982 wurde Helmut Schmidt gestürzt, weil die FDP plausibel machen konnte, dass Schmidt in der eigenen Partei keine Mehrheit mehr hatte.
seppmaier (22.10.2009, 20:07 Uhr)
meine sicht:
die spd wurde gekapert!
vor ca 15 jahren ging das wort von "new labour" umher. schröder und blair prägten ein neues verstandniss von sozialdemokratie.
schröder und seine manne waren/sind u-boote, vom politischen gegner und der finanz/industrie entsand die spd zu torpedieren.
betrachtet man die jüngere geschichte unter diesem gesichtspunkt wird sie plötzlich völlig plausibel.
es gab in deutschland traditionell eine linke mehrheit. diese wurde duch den verrat der spd ausgehebelt.
wahlen wurden vorsätzlich verloren, die agenda 2010 und nicht zuletzt die öffnung des landes für hegefonds und spekulanten unter eichel.
jede wirkliche machtoption wurde mit dem diktat einer nicht kooperation mit der linken verschenkt.
nun, diese gangster haben ihre mission erfüllt und können getrost abtreten.
DANKE spd!
Wanderflke (22.10.2009, 20:04 Uhr)
"Läuft es mit den Grünen nicht mehr, macht sie mit den Schwarzen weiter..."
Es ist ja viel schlimmer: Wunschkoalitionspartner der SPD war diesmal die Partei der Steuerhinterzieher, und es regte sich in der Partei nicht der geringste Widerstand gegen derartige Ambitionen des Herrn Steinmeier.
Die Partei Willy Brandts existiert nicht mehr, sie wurde von Schröder & Co in die politische Beliebigkeit geführt; ein Weg zur Kariere für diejenigen, die dazu unbedingt ein Parteibuch brauchen. Nur folgt der Beliebigkeit sofort die Bedeutungslosigkeit; die Generation Schröder wird wohl die Letzte gewesen sein, deren Verrat an sozialdemokratischen Idealen fürstlich belohnt wurde. Der designierte Vorsitzende Gabriel, ein begeisterter Mitläufer der Schröder-Mafia, hat den Fehler gemacht, sich nicht rechtzeitig in die Wirtschaft abzusetzen. Sein Versuch, der SPD wieder Glaubwürdigkeit zu verschaffen, ist absolut lächerlich!
Aquarius2 (22.10.2009, 19:57 Uhr)
manesse: "SPD für Koalitionen nach allen Seiten hin offen"
Dies ist m.E. genau der falsche Weg.
Mit dieser Strategie ist man nicht mehr erkennbar, handlungsunfähig und austauschbar.
Genau das, was die SPD derzeit erfährt.
manesse (22.10.2009, 19:38 Uhr)
Ganz falsch wäre es,
würde sich die SPD auf politische Lager festlegen. Ein pragmatischer Kurs, wonach die SPD für Koalitionen nach allen Seiten hin offen ist, um möglichst viele ihrer Inhalte durchzusetzen, ist der richtige Weg. Denn: Sobald die SPD mit allen koalitionsfähig ist, sind die anderen Parteien ja auch flexibel und für andere Bündnisse offen. Automatisch würde durch solche Flexibilität der SPD das Blockdenken auch bei den anderen Parteien aufgelöst. Und das jeweilige Profil aller Parteien würde stärker in den Vordergrund rücken. Freilich muss die SPD klären, worin ihr eigenes unverwechselbares Profil sich manifestiert. Hierauf ist bislang freilich keine für den Wähler verständliche Antwort gefunden, weil sich die Flügel der Partei gegenseitig blockieren.
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