17. Januar 2010, 13:36 Uhr

Ärztepräsident beklagt ungleiche Behandlung

Im deutschen Gesundheitswesen wird heimlich rationiert, weil nicht genügend Geld zur Verfügung steht, um allen Menschen die optimale Therapie zu verschaffen, beklagt der Ärztekammer-Chef, Jörg-Dietrich Hoppe. Seine Ansicht wird von Medizinethikern und Gesundheitsökonomen bestärkt.

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"Nicht jeder Krebspatient bekommt heute das sehr teure Krebsmedikament", sagt Ärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe©

Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe beklagt, dass es in Deutschland bestimmte medizinische Leistungen nicht mehr für jeden Patienten gebe. "Nicht jeder Krebspatient bekommt heute das sehr teure Krebsmedikament", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Ärzte und Krankenhäuser stünden unter Budgetdruck und entschieden deshalb je nach Fall, bei welchem Patienten sich eine teure individuelle Behandlung besonders lohne. "Im deutschen Gesundheitswesen wird heimlich rationiert, weil nicht genügend Geld zur Verfügung steht, um allen Menschen die optimale Therapie zu verschaffen", sagte Hoppe.

Hoppe forderte Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) auf, eine offene Debatte darüber zu führen, welche Patienten und Krankheiten künftig mit welcher Priorität behandelt werden. "Diese Entscheidung muss die Politik treffen, nicht die Ärzteschaft." Unterstützung erhielt Hoppe von Medizinethikern und Gesundheitsökonomen. Die Diskussion über Rationierung im Gesundheitssystem muss jetzt geführt werden, sagte der Gesundheitsökonom Friedrich Breyer von der Universität Konstanz. Das Wirtschaftswachstum verlangsame sich, und die Menschen würden immer älter. "Wir schaffen es nicht mehr, den Zuwachs an medizinischem Wissen und Kosten durch unsere wachsende Wirtschaft zu finanzieren."

Die Kölner Medizinethikerin Christiane Woopen sagte der Zeitung, dass es in Deutschland ein Tabu sei, darüber zu sprechen, welche Krankheiten mit welcher Priorität behandelt werden. Dieses Tabu sollte dringend aufgehoben werden, sagte Woopen, die auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. Rösler solle diese Priorisierung auf seine Agenda setzen und öffentlich darüber debattieren.

Rösler gab unterdessen bekannt, dass er die Regierungskommission zur Gesundheitsreform im Februar benennen will. "Ich werde dem Kabinett voraussichtlich im Februar einen Vorschlag zur Struktur der Kommission und zum Zeitplan der Kommissionsarbeit machen", sagte Rösler der "Rheinischen Post". Zudem machte er nähere Angaben für den Sozialausgleich bei der geplanten Gesundheitspauschale, die alle Versicherten unabhängig vom Einkommen zahlen sollen. Der für Geringverdiener geplante Steuerzuschuss solle "möglichst unbürokratisch, ohne Antragsverfahren" eingeführt werden, so der FDP- Politiker. Anders als von einigen behauptet würden für den Steuerzuschuss "nicht zweistellige Milliardenbeträge" fällig.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
OttoB (18.01.2010, 12:17 Uhr)
Es würde mich echt interessieren
wieviel Geld der Beitragzahler (ges.und privat) der Krankenkassen für die Rendite der privatisierten Krankenhäuser und Pflegeheime ausgeben müssen.
Die werben immer mit einer lohnenden Geldanlage.
Junge Krankenschwestern und Pfleger arbeiten fast nur noch mit Zeitverträgen denn die Rendite muss erspart werden.
tannebaum (18.01.2010, 10:15 Uhr)
ewiges gejammer...
immer mehr zahlen nichts ein, andere nur wenig. die einnahmen werden nicht gerade besser, aber die sozial- und rentenfälle immer mehr. das es da engpässe gibt, dass ist doch klar. den privatpateinten alles vorwerfen ist populismus pur. ohne die wäre manch praxis längst pleite. denn die gesetzliche schafft schon heute nicht mehr die versorgung aller beteiligten. pharmaindustrie profitiert, alle anderen verlieren.
dennoch geht es mir auf den keks, als hätten wir hier schon verhältnisse a la bangladesh. würden gesetzlich versicherte ihre rechungen sehen, was deren behandlung alles kostet, so würden vielen die augen ausfallen.
jomimo (18.01.2010, 00:03 Uhr)
Monatliche Behandlungen ...
zum Preis von EUR 4.000 sind nicht die Seltenheit z.B. bei Rheuma.
Tempelhofer (17.01.2010, 18:57 Uhr)
@ Otto B
Sie haben recht, das Wort "Gesundheitswirtschaft" ist nicht glücklich gewählt.

Es ist schon eine gewisse Ironie, dass ein Gesundheitswesen umso mehr Probleme bekommt, je besser es funktioniert. Im Vergleich zu früher sind Behandlungsmöglichkeiten und Lebenserwartungen auch für Schwerstkranke deutlich gestiegen. Damit steigen auch die Behandlungskosten. Behandeln ist immer teurer als sterben lassen.

Ich warne daher auch davor, immer davor, von einer "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen zu sprechen. Diese Kostenzunahme ist auch der Preis für eine humane Gesellschaft. Ich bin aber der Meinung, dass auch sozial Schwache in Deutschland durchaus eine überdurchschnittlich gute Krankenversorgung bekommen. Jeder muss aber dazu beitragen, dass dieses System nicht an seine Grenzen stößt.
knilch_59 (17.01.2010, 18:42 Uhr)
@hardius
Das Leben ist nicht gerecht. Nirgends geht es darum, dass jede/r der etwas braucht, das auch bekommt. Der Grundsatz erst etwas leisten, und sich dann etwas leisten können, gilt ja auch für Kleidung und Nahrung!
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Die Versichertengemeinschaft hat einen Anspruch darauf, von jedem einzelnen Mitglied nicht fahrlässig, oder gar vorsätzlich, in Anspruch genommen zu werden. Dieses Prinzip ist heute nicht ausreichend verwirklicht und bedarf dringend einer Motivationsverstärkung!
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Denn sonst droht eben die Rationierung, die der Ärztepräsident durch die Hintertür einfordert. Die will ich nicht, aber jeder andere Ansatz, unser Gesundheitswesen leistungsfähig und bezahlbar zu halten, ist eine Debatte wert!
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Und immer wieder: wer glaubt, dass man das Finanzierungsproblem damit löst, dass man Ärzten 4.000 und den Helferberufen 2.500 Euro Gehalt zuteilt, hat einfach nur einen an der Waffel. Die Leute haben genauso das Recht so viel Geld wie möglich zu verdienen wie jeder andere.
OttoB (17.01.2010, 18:32 Uhr)
@Tempelhofer
Ich habe nichts vom Gesundheitssystem der DDR geschrieben, das kenne ich gar nicht.
Das hat auch nicht das geringste mit Polemik zu tun.
Das Geld was durch die Privatisierung an Rendite ausgezahlt werden muss, geht den Krankenhäusern, Ärzten,Pflegepersonal und Patienten verloren.
Das Gesundheitswesen ist "Gesundheitswirtschaft" geworden, ein Wort unseres Gesundheitsministers in der Pressemitteilung zu Haiti.
Nicht die Volksgesundheit ist wichtig sondern es geht nur noch um Gewinne.
Z.B.Schweinegrippe.
hardius (17.01.2010, 18:14 Uhr)
Eigenverantwortung bedeutet Selektion
Die Politiker sollen entscheiden wem welche Behandlung zu Gute kommt und leben darf?
Das Leben hat so seine Laster.
Wer maßt sich an, Menschen eine mögliche Behandlung zu verwehren wegen dessem Lebensstil?
Hier sind Tür und Tor geöffnet für Willkür und Behandlungsseilschaften!
Tempelhofer (17.01.2010, 17:01 Uhr)
@ Otto B
Das ist doch billige Polemik, die Sie da verbreiten. Unser Gesundheitssystem ist auh für Geringverdiener doch wohl deutlich besser und leistungsfähiger als das sozialistische Gesundheitswesen in der DDR.
knilch_59 (17.01.2010, 16:56 Uhr)
Gesundheit ist zuerst (!) ein Geschäft
Der größte Wirtschaftszweig des Landes mit rund 500 Mia Euro Umsatz. Wer versucht das wegzudiskutieren, belügt sich selbst.
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Die Beschäftigten im Gesundheitswesen sind keine barmherzigen Samariter, sondern haben einen Anspruch darauf von ihrer schweren und verantwortungsvollen Arbeit auch ordentlich leben zu können.
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Wenn der Staat über Staatsverschuldung ein Krankenhaus finanziert, erwarten die Leute, die dem Staat Geld leihen, trotzdem Zinsen und Rückzahlung. Das ist genauso okay, wie wenn ein privater KH-Betreiber eine ordentliche Rendite erwartet.
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Auch Krebsbehandlung stößt an wirtschaftliche Grenzen. Wenn @Roman25 hier erwartet, dass alles bezahlt werden muss, irrt er. Einen demenzkranken 80-jährigen noch einer Chemo wegen Prostatakrebs unterziehen, soll immer (!) richtig sein? Nur, wer entscheidet?
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Die Alten haben die Vollkaskomentalität nicht vorgelebt. Die heute 70-jährigen wussten es teilweise noch nicht besser. In deren Jugend war rauchen noch chic, keine blöde Sucht, in-der-Sonne-liegen war angesagter Zeitvertreib, ... Damals wurde einiges falsch gemacht, weil man um die Gefahren noch nicht genau wusste. Die jungen sind leider (?) in der Lage die Folgen ihres Handelns besser einschätzen zu können, also erwächst hieraus eine ganz andere Verpflichtung.
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Ich bin strikt gegen Rationierung, aber genauso strikt für konsequentes Einfordern von mehr Eigenverantwortung. So zu tun, als sei Gesundheit nicht im Wesentlichen durch einen selbst zu beeinflussen und sich bei jeder Krankheit in einer Opferrolle zu sehen, ist genau das, was unser Gesundheitswesen dermaßen teuer hält. Eben weil Ärzte aus wirtschaftlichen Interesse tendenziell dazu neigen diese Opferrolle zu akzeptieren. Wenn die das nicht täten, würde sich die Debatte über Rationierung weitgehend von selbst erledigt haben.
OttoB (17.01.2010, 16:15 Uhr)
Es wäre mal interissant wieviel
Geld die Krankenkassen ausgeben, damit die Anleger an den privatisierten Krankenhäusern
ihre Rendite bekommen.
Geld ist wichtiger als Menschen, die Volksgesundheit darf kein Geschäft sonder muss eine Aufgabe des Staates sein.
Aber die meißten Wähler haben diesen Raubtier Kapitalismus mit der zwei Klassen Medizin bewusst gewählt.
Danke CDU/CSU FDP und Nichtwähler zu dieser Regierung.
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