. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
7. April 2006, 14:47 Uhr

Zorro reitet wieder

Er war der Paria in der Union. Zufall, Glück und Stoiber brachten ihn ins Kabinett - als Minister für Rüben und Kühe. Aber Horst Seehofer reicht das nicht. Er fingert längst wieder bei der Gesundheit mit.

Danke, danke, danke: Die Frauenunion empfängt Horst Seehofer zum traditionellen Fischessen im Kloster von Kösching in Bayern. Der Minister liebt die Auftritte an der ergebenen Basis© Regina Recht

Er lehnt sich entspannt zurück, und sein Blick gleitet hinaus aus dem Amtszimmer und hinein in den grauen März hinter den Fenstern. Er faltet bedächtig die Hände. Das macht er gern, dieses Falten, rechte Hand um die linke, und so ruhen sie also in seinem Schoß. Ganz zahm. Dann legt er seinen Kopf ein bisschen schräg, und seine Lippen spielen mit einem flüchtigen Lächeln. "Manche sagen, Sie spielen falsch", sagt man, und er lauscht ruhig diesen Worten. "Manche sagen, man muss Ihnen alles zutrauen, alles", sagt man, und er lauscht weiter und sagt schließlich: "Ja" und "ja, ich weiß". Und sein Blick kehrt zurück aus dem grauen März und richtet sich geradeaus zum Gegenüber und er sagt: "Ja, es gibt diese Etiketten für meine Person, die nehme ich aber nicht so ernst", und sein Lächeln verfängt sich in den Winkeln des Mundes. Da hängt es dann, das Lächeln, sekundenlang, hängt einfach fest. Ein bisschen hämisch jetzt. Ein bisschen spöttisch auch, erkaltet.

Horst Seehofer trägt seine Maske.

Es ist der Tag nach dem Abend, dem wichtigsten Abend im politischen Berlin der vergangenen Woche, jenem Abend also, an dem sich die schwergewichtigsten Politiker der Republik im Kanzleramt trafen, um fünf Stunden lang über das Thema des Jahres zu beraten - über die Gesundheit. Herr Stoiber war dabei und Herr Müntefering auch, Herr Struck eilte heran und Herr Kauder sowieso, und auch wenn Herr Platzeck wegen seines Hörsturzes nicht konnte - eingeladen war der SPD-Vorsitzende natürlich schon. Es saßen also alle Schwergewichte des Landes beisammen. Alle. Außer Herrn Seehofer. "Oh, gestern", sagt dieser Herr Seehofer am Tag nach dem Abend in seinem Büro, "gestern habe ich mich noch bis spät um zehn um die Legehennen gekümmert." Dabei lächelt er dieses Lächeln, das in den Mundwinkeln hängt, unverblümt hämisch jetzt, und sagt schließlich: "Aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich aus dem Kanzleramt höre." Dann macht er eine kleine Pause, sehr effektvoll, und sagt wieder: "Ja, sehr zufrieden."

Horst Seehofer, Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Comeback-Star der CSU nach der letzten Bundestagswahl, er gibt zurzeit den gelassenen Herrn. Ein Bild voller Seele, ein Bild voller Ruhe. Weil er weiß, dass er am gestrigen Abend irgendwie mit am Tisch der Kanzlerin saß und ihre Gespräche lautlos dirigierte. Weil er weiß, dass er schon lange nicht mehr physisch anwesend sein muss, um seine Wirkung zu entfalten. Unsichtbar und doch dabei. Nach außen hin haben sie ihm die Gesundheitspolitik, sein Herzensthema, genommen. Doch er ist berühmt geworden durch seinen erbitterten Kampf gegen Merkels Kopfpauschale, gegen "das Ende der Solidarität", wie er das damals so gerne nannte. Diesen Ruhm, den lässt er sich niemals mehr nehmen - Horst Seehofer, dieser Name soll für immer untrennbar mit der Gesundheit des Landes verbunden bleiben.

Und so wandelt er heute, am Tag danach, hochzufrieden durch sein Büro, mit federnden Schritten und dynamischen Knien. Telefoniert hier. Rotiert dort. Süffisant. Ganz und gar aufgeräumt. Und als man sagt: "Gesundheitsministerin Schmidt behauptet, sie telefoniere zwar oft mit Ihnen, aber dabei gehe es immer nur um kranke Vögel", da lacht er schallend und sagt: "Ach, behauptet die Ulla das? Ausschließlich um Vögel? Ist ja herrlich!" Und als man fragt: "Haben Sie mit der Kanzlerin über das Thema Gesundheit gesprochen?", da zieht er nur spöttisch die Brauen hoch und antwortet: "Frau Merkel und ich reden viel miteinander. Und das ist auch gut so."

Später an diesem Tag wird er sich ausgiebig zum Gespräch unter vier Augen mit dem Kopfpauschalenerfinder Rürup treffen. Den nennt er gern "den netten Herrn Professor" oder schlicht "den Bert". Noch später wird er bei einem Bierchen auch mit dem SPD-Gesundheitsexperten Lauterbach in einer Eckkneipe zusammensitzen und über das Für und Wider der Kinderversicherung durch Steuern palavern. Die finden "der Karl" und er nämlich beide gut. Ja, an diesem Tag nach jenem Abend im Kanzleramt ist beim Thema Gesundheit noch nichts entschieden und doch eines sicher: Horst Seehofer lässt sich nicht auf Legehennen reduzieren. Ohne ihn soll bei der großen Reform des Gesundheitssystems gar nichts gehen. Hinter der Maske des gelassenen Herrn brennt dieser Mann, brennt lichterloh - vor Energie, vor Ehrgeiz.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 15/2006

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe