3. Juli 2009, 11:28 Uhr

Steuerflucht wird deutlich schwieriger

Dem Fiskus gehen jährlich 100 Milliarden Euro durch Steuerflucht verloren. Jetzt will die Bundesregierung mit einem neuen Gesetz den Weg zu den Steueroasen versperren: Künftig müssen Bürger und Unternehmer bei Auslandsgeschäften umfassender Auskunft geben. Und Finanzämter dürfen härter gegen Top-Verdiener vorgehen.

Peer Steinbrück Steuerflucht Gesetz Bundesregierung Kabinett

Oberster Kämpfer gegen Steuerflucht: Finanzminister Peer Steinbrück konnte seine Pläne in abgeschwächter Form durchsetzen©

Im Kampf gegen Steuerflucht gelten in Deutschland künftig strengere Vorgaben. Nach langem Koalitionsstreit verabschiedete der Bundestag am Freitag in Berlin die mittlerweile abgeschwächten Gesetzespläne von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) für Geschäfte mit sogenannten Steueroasen.

Bürger haben nach dem neuem Gesetz die Pflicht, Finanzamt genauer zu informieren, wenn sie Geschäfte in international geächteten Steueroasen machen. Macht der Steuerzahler nicht mit, kann ihm das Finanzamt in Deutschland Vergünstigungen streichen. Dazu zählen der Abzug seiner Betriebsausgaben und Werbungskosten, die Steuerbefreiung für Dividenden oder Entlastungen von der Kapitalertragsteuer.

Härtere Bedingungen für Top-Verdiener

Finanzämter dürfen zudem härter gegen Top-Verdiener im Inland vorgehen. Auch ohne besonderen Anlass sollen Steuerprüfungen gestattet sein bei Privatleuten mit Jahreseinkünften von mehr als 500.000 Euro. Auch müssen sie Aufzeichnungen und Unterlagen über ihre Einkünfte sechs Jahre lang aufheben. Bei Außenprüfungen dürfen Steuerbehörden eine Wohnung nur mit Genehmigung des Steuerpflichtigen betreten. In Kraft treten sollen die Regeln auf Druck der Union allerdings erst später per Rechtsverordnung.

Steinbrück verwies auch mit Blick auf Kritik der FDP darauf, dass mehrere EU-Länder bereits über einen solchen "Instrumentenkasten" verfügten. Steuerbetrug sei kriminell. "Wer Steuern hinterzieht, der schadet dem Gemeinwesen und verhöhnt den Rechtsstaat, und er macht den Staat schwächer in einer Zeit, wo dieser Staat mehr denn je handlungsfähig sein muss." Inzwischen wollten dank des internationalen Drucks 84 Länder die OECD-Standards zum Informationsaustausch über Steuerhinterziehung anerkennen.

FDP spricht von "Show-Gesetz"

Die FDP kritisierte das Gesetz scharf und sprach von einem unverhältnismäßigen Eingriff in die Rechte der Bürger sowie einem reinen "Show-Gesetz". Die Linkspartei warf der Koalition vor, zu spät tätig geworden zu sein. Auch seien strengere Auflagen erforderlich. Die Grünen kritisierten, dass das Gesetz wieder entschärft worden sei. Es sei lediglich ein Minimalkonsens von Union und SPD.

Die Union hatte den ursprünglichen Gesetzentwurf mehrfach als überzogen zurückgewiesen. Sie setzte durch, dass die im Gesetz vorgesehenen Maßnahmen nicht unmittelbar nach der Verabschiedung wirksam werden. Sie sollen erst bei weiter unkooperativen Staaten und später per Verordnung der Bundesregierung umgesetzt werden, der der Bundesrat zustimmen muss. Experten schätzen, dass dem deutschen Staat jährlich 100 Milliarden Euro durch Steuerflucht entgehen.

Auf internationaler Ebene hat sich der Druck auf Steueroasen seit Längerem deutlich erhöht. Mehrere Industrieländer loten ebenfalls Sanktionen aus. Unter anderem die Schweiz, Luxemburg, Österreich und Belgien, die lange in der Kritik standen, sind inzwischen bereit, OECD-Standards einzuhalten. Sie standen als Steueroasen auf einer "grauen Liste" der OECD mit unkooperativen Staaten. Deutschland pocht darauf, dass diese Absicht auch umgesetzt wird.

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Aquarius2 (03.07.2009, 19:42 Uhr)
Für den Anfang schon ganz gut
Aber:
Interessant wird sein, was sich bis zum Jahrsende wirklich verändert hat. Ich habe da so eine Vermutung ...(-)
Richtig interessant werden die von den Steuerberaterkammmern demnächst organisierten Kngresse und Seminare sein, auf denen dieses Thema, und wie man es umgehen kann, behandelt wird.
Mit Sicherheit werden diese Veranstaltungen zur Sicherung der Steuerflucht exklusive Gastredner haben: ehemalige Finanzminister, Wirtschaftsminister, Bundeskanzler - und was da noch so alles als Lobbyist geeignet ist.
Johann58 (03.07.2009, 19:29 Uhr)
@lazarus06
genau so ist es oder haben Sie noch nie etwas angegeben was nicht so ganz der Wahrheit entspricht. Es sind fast immer nur Kleinigkeiten aber es geht nach dem Motto man kann es ja mal versuchen. Die meisten Sachen werden von Finanzbeamten schmunzelnd einfach rausgestrichen und das wars. Da loh nicht der Aufwand etwas zu verfolgen weil das ja dann auch totaler B;oedsinn waere. Als Beispiel dient das beruehmte Arbeitszimmer so lange da was machbar war. Jeder hatte ein Arbeitszimmer. Reden Sie mal mit einem Finanzbeamten, der kann ihnen die allerlustigsten Sachen erzaehlen. Ich bin keiner aber kenne eine ganze Menge von Sachbearbeitern bis zu Konzernpruefern und glauben Sie mir, die koennten Buecher schreiben bei denen Ihnen die Traenen vor Lachen in die Augen schiessen ob der Dummheit und Dreistigkeit was so alles ablaeuft.
h.morun (03.07.2009, 19:28 Uhr)
FDP schützt Steuerhinterzieher?
Ich frage mich nur- wie Dumm muss der Bürger sein, der diese Menschen noch wählt? Sie treten offen ein für die Ackermänner und Zumwinkels. Die sicher Ihre Kinder auf Deutsche Schulen schicken aber in Deutschland nicht die korekte Steuer abführen.
lazarus06 (03.07.2009, 18:22 Uhr)
@Johann58 99% der Steuerplichtigen sind also potentielle Betrüger ?
Bitte klären sie uns auf wie die Mehrzahl der Lohn/Einkommensteuerflichtigen die außer dem Steuer Jahresausgleich und ein paar Pauschbeträge den Fiskus betrügen ! Was soll das ? Sie werden wissen das der Großteil der Staatseinnahmen aus Abhängiger Beschäftigung von dieser Gruppe aufgebracht wird . An die Steuerloch und Abschreibungakrobaten wird der saubere Hr.Steinbrück kaum herankommen .... wollen .
lazarus06 (03.07.2009, 18:13 Uhr)
@lordnelson1 Vielen Dank für diesen Kleinen Ausschnitt
Der Sie und ich wissen das,nur die Spitze des Eisberges darstellt.Leider verstehen es unsere Nieten in Nadelstreifen immer wieder die Tatsachen zu verschleiern,und die Sündenböcke weitab der Realität aus zu deuten.
Johann58 (03.07.2009, 16:42 Uhr)
@lordnelson1
Jetzt verstehe ich den Zusammenhang ni9cht so richtig. Das sind doch alles alte Huete und seit ewigen Zeiten bekannt. Nun wollen die Finanzaemter ja nicht die Wirtschaft umkrempeln obwohl das irgendwo sicher an der Zeit waere. Steinbrueck hat sich bei den Schweizern unbeliebt gemacht obwohl er nur gesagt hat was absolut richtig ist. Wie lange hat man voller Ehrfurcht von Konten in der Schweiz gesprochen und ueberhaupt nicht gemerkt, dass der 'kleine Mann' die Konten mitfinanziert ueber seine Steuern. In Deutschland versuchen jedes Jahr 99% der Steuerzahler den Fiskus zu bescheissen; 5% durch Zufall und 94% mit Absicht. Bei den 94% sind alle die dabei, die es in ganz grossem Stil machen und es nicht einzusehen, dass jemandem die 100Euro fuer ein paar Arbeitsschuhe gestrichen werden, wenn andere Millionen hinterziehen und die Finanzaemter wegen angeblicher Arbeitsueberlastung das nicht verfolgen.
lordnelson1 (03.07.2009, 16:02 Uhr)
Steuerflucht & Co. vs. Geldverbrennung durch Staat - kein weiterer Kommentar nötig
Ein Mini-Auszug auf die Schnelle:
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2007: über die Hälfte der DAX-Konzerne gehören dem Ausland (voran USA und ein anderes, das ich nicht nennen möchte). Steuern zahlen die hier nicht.
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Standorte Deutsche Bank: u. a. USA, Luxemburg, Jersey, Schweiz, Dubai, Irland. Deutsche Bank zahlt in Deutschland keine Steuern. Im Jahre 2000 erhielt sie jedoch !!! 8,0 Mrd. Euro !!! vom Finanzamt rückerstattet !
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WestLB - jeder kennt die Geschichte - mietet Ende 2008 die oberen drei Etagen im neuen New Yorker World Trade Center für die nächsten 15 Jahre. Monatsmiete: 800.000 Euro ( 0.8 Mio x 12 = 9.6 Mio x15 = 144.000.000,00 Euro. Für ein Büro - wenn es dann fertig ist )
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Der amerikanische Chiphersteller AMD siedelt in Dresden an. Wolle 2,4 Mrd. Euro investieren ... erhält vom Staat 1,5 Mrd Euro als Landes- und Bundesbürgschaften in Form von Fördergeldern. Alleine mit den Fördermitteln hätte ein deutsches Unternehmen dort angesiedelt werden können, das auch hier Steuern / Betriebssteuern zahlt.
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Sommer 2000: Telekom kauft marode Firma Voicestream für 40 Mrd. Euro. Wert: gerade mal 10 Mrd. Euro.
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Das Duale System Deutschland - der Grüne Punkt. Ehemals ein Staatsunternehmen. Wert der Firma: 1,6 Mrd. Euro. Plus-Saldo auf dem Bankkonto der Firma: 838 Mio. Euro. VERKAUFT in 2004 für ... 260 Mio. Euro an den amerikanischen Hedgefond KKR. Nochmal! Verkauft hat diese Firma der Eigentümer. Die waren WIR, vertreten durch unsere leiben Politiker. Verkaufen Staatseigentum für gerade mal weniger als ein Drittel der Barvermögen !!!
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Deutsche Filmförderung finanziert Hollywoodfilme. Meist mit Inhalten der deutschen Geschichte. Zwischen 5,5 und 9 Mrd. USDollar sollen zwischen 1998 und 2005 so von Deutschland nach Hollywood geflossen sein …
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Wiedergutmachungszahlungen nach Israel lasse ich hier weg.
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Zahlungen an die EU: von 1990 bis 2002 zahlt BRD netto 278,9 Mrd Euro MEHR, als sie erhalten hat (Studie Uni Heidelberg, Prof. Willekes)
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6 Mrd. Euro jährlich für stationiertes US Militär (ohne Grund und Boden, Bauten, Moderinisierung, Gerätschaft etc.) ... mit US-Außenhandelsdefiziten, Schuldentilgung (?) und Nato zusammen = 167,5 Mrd. Euro jährlich an die USA
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1991 - Golfkrieg 1: Kosten auf Rechnung Deutschland = 6 Mrd. USDollar
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...
auwei (03.07.2009, 15:49 Uhr)
@Johann58
Irgendwie vermischt sich das alles ganz gerne - und so ein Artikel ist offenbar eine willkommene Gelegenheit, seinen Steuerfrust herauszulassen - irgendwie.
Johann58 (03.07.2009, 15:36 Uhr)
@auwei
um nicht anderes geht es hier als darum, dass der Fiskus das geld bekommt was auf illegale Weise dem Staat vorenthalten wird. Es geht nicht darum, dass wir grundsaetzlich mit ueberhoehten Steuern ueber den Tisch gezogen werden. Deswegen verstehe ich die Aufregung hier nicht.
Johann58 (03.07.2009, 15:20 Uhr)
hier nochmal die Frage
wie viele Milliarden Euro an Steuern verschieben Angestellte und Arbeiter in Steueroasen ueber irgendwelche Schlupfloecher? Da meine ich genau die Menschen, die die Hauptlast der Steuern tragen und deren Einkommen-, bzw. Lohnsteuer direkt vom Lohn und Gehalt abgezogen und an den Fiskus abgefuehrt werden. Die jeden Furz mit 19% Mehrwertsteuer bezahlen muessen weil sie absolut Null zurueckbekommen. Worueber regt ihr euch also hier auf. Ich rege mich hier ueber die FDP und ihren Vorsitzenden auf, der zum Steuerbetrug aufruft indem er seiner Klientel die Steuerflucht und Steuerhinterziehung legalisieren will.
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