Presseschau: "Fremdschämen und Fassungslosigkeit"

4. Januar 2012, 14:51 Uhr

Mitleid ist noch die mildeste Reaktion auf das TV-Interview von Christian Wulff. Die Kommentatoren der Zeitungen gehen mit dem Bundespräsidenten hart ins Gericht.

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Kaum ein gutes Haar lassen die Kommentatoren der Tageszeitungen auch nach dem Interview in ARD und ZDF an Bundespräsident Christian Wulff. Schon die Tatsache, dass er sich nicht gegenüber der gesamten Presse, sondern gegenüber dem "Staatsfernsehen" äußerte, sorgte für Kritik. Insgesamt sind sich die Kommentatoren nahezu einig: Wulff bleibt bis auf weiteres ein Präsident auf Bewährung.

Süddeutsche Zeitung: "Ein Präsident begnadigt sich selbst"

Christian Wulff verbraucht all seine Kraft damit, sich zu erklären und seine Fehler zu entschuldigen. Er ist ein Präsident Laokoon - einer, der sich in seinen Widersprüchen verwickelt hat, von ihnen gewürgt wird und sich mit einer und noch einer öffentlichen Erklärung Luft zu verschaffen sucht. Er ist ein Präsident, der sich in seiner Schwäche an seinem Amt festhält, weil ihm das Amt den Halt gibt, den er ansonsten nicht hat. Der Bundespräsident übt, so steht es im Grundgesetz, das Gnadenrecht aus; Christian Wulff ist der erste Bundespräsident, der sich selbst begnadigt."

Leipziger Volkszeitung:"Der letzte 'Ich-bereue-Auftritt'"

Es bleibt der üble Nachgeschmack eines Deja-vu. Mehr als einmal gelobte Wulff Transparenz zur Finanzierung seines Heims - und dann tauchten neue Fragen und Ungereimtheiten auf. Wiederholt sprach er von Fehlern - um neue zu machen. Als oberster Repräsentant des Staates braucht Wulff den Respekt und das Wohlwollen des Volkes. Beides ist arg geschrumpft. Ob Wulff das reparieren kann, muss sich zeigen. Es wird schwer. Fest steht: Noch eine Unsauberkeit und Wulffs Integrität ist weg. Noch einen "Ich-bereue-Auftritt" kann es nicht geben.

Kieler Nachrichten: "Wulff ist selbst schuld"

"Es war ein trauriger Auftritt: ein schwer angeschlagenes Staatsoberhaupt, das zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit reumütig vor die Journalisten treten muss. Ein dramatisch geschwächter Präsident, der im Zuge seiner Kreditaffäre so viel Kredit in der Bevölkerung verspielt hat, dass er sich zum erneuten Bußgang gezwungen sah. Nein, so will man keinen ersten Mann im Staate leiden sehen. Aber so musste es kommen, Wulff ist selbst schuld daran."

Mannheimer Morgen: "Wulff ist längst gescheitert"

Wulff klammert sich ans Amt, weil er nicht wie sein Vorgänger Horst Köhler als ein Gescheiterter enden will. Dabei ist er längst gescheitert, weil er verkennt, dass das Amt des Bundespräsidenten nicht wie das eines Ministerpräsidenten oder eines Kanzlers von den Steherqualitäten und dem Kämpferherz seines Inhabers lebt, sondern von dessen Integrität, Glaubwürdigkeit und menschlichen wie moralischen Vorbildfunktion. Doch genau diese Eigenschaften hat Wulff vollständig verspielt. Wer glaubt ihm noch, wenn er von Anstand, Moral oder Redlichkeit spricht? Dass er dennoch im Amt bleiben will, ist weder für ihn noch für das Land eine gute Nachricht.

Stuttgarter Zeitung: "Homöopathisch dosierte Reue"

"Ein Befreiungsschlag war das nicht. Dazu hätte es größerer Einsicht bedurft - und überhaupt einer anderen Art der Offenbarung. In dieser spektakulären Viertelstunde waren längst nicht alle Fragen unterzubringen, die Wulff noch zu beantworten hätte. Die zur Schau gestellte Reue war homöopathisch dosiert. Zudem klangen viele seiner trotzigen Verteidungsversuche schlichtweg selbstgerecht. Nein, es ist eben nicht so, dass ein führender Politiker, der erste Mann im Staate gar, einfach bei reichen Unternehmerfreunden Urlaub machen sollte. Es verbietet sich schon allein deshalb, um jeden bösen Anschein zu vermeiden. Und es ist und bleibt auch ein Fehler, als Ministerpräsident nicht auf klare finanzielle Verhältnisse zu achten."

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: "Zum Fremdschämen"

"Hat der Bundespräsident im Fernsehen seine Freiheit wieder gewonnen? Hat er sich die Macht zurück erobert über die einzige Waffe, die er hat: sein Wort? Kann er morgen wieder ein ganz normales Staatsoberhaupt sein, eines, das die Gier der Finanzmärkte geißelt, die Bürger auffordert, sich nicht zu bereichern, für Offenheit und Ehrlichkeit als politische Tugenden eintritt, in Unterdrückerstaaten die Pressefreiheit einfordert. Und so weiter. Wohl kaum. Durch seine Fehler hat Christian Wulff seine Möglichkeiten und die seines Amtes schwer beschnitten. Er ist, aus eigenem Verschulden, nicht einmal ein halber Spitzenstaatsbeamter. Das hat sich auch durch seinen TV-Auftritt nicht geändert. Die Kanzlerin hat nach dem gescheiterten Seiteneinsteiger Köhler einen Politprofi gesucht, einen, auf den Verlass sein würde in puncto Seriosität und Stilempfinden. Gerade von Wulff glaubte sie, Unfallfreiheit erwarten zu können. Ein Irrtum. Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als "Fantasie" bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen."

Mindener Tageblatt: "Wulff wird beschädigt bleiben"

"Fassen wir zusammen: Herr Wulff aus Osnabrück, damals noch niedersächsischer Ministerpräsident, hat sich von Freunden Geld geliehen. Das hat er dem niedersächsischen Landtag nicht in hinreichender Deutlichkeit mitgeteilt, als der danach fragte. Er hat auch bei Freunden Urlaub gemacht. Bei dem Versuch, mit der aus diesen Vorgängen resultierenden kritischen Berichterstattung umzugehen, hat er sich nicht gerade als souverän erwiesen - was zu weiterer hochnotpeinlicher Untersuchung seiner Eignung für das höchste Amt im Staate führte. Samt einschlägiger politischer Zweitverwertung. Muss ein Präsident deswegen zurücktreten? Darüber kann man gewiss geteilter Auffassung sein. Fest steht: Mit wachsender Intensität der medialen Tiefenbohrungen und den zunehmend höher tönenden Leitartikeln geriet Volkes Meinung, zunächst noch recht ungerührt, ins Schwanken. Die breitflächig ausgewalzte Intensivdurchleuchtung eines - so vermuten wir mal - Charakters von letztlich auch nicht größerer Komplexität als der überwiegenden Mehrheit des Staatsvolks offenbarte Defizite zum Idealbild des Ersatzmonarchen. Als der muss der Bundespräsident in unserer so nüchternen, weil auch nur von Menschen gelebten Demokratie nun mal herhalten. Und hatte nicht gerade auch schon ein Freiherr alle optimistischen Vorstellungen von der Integrität einer reinen Elite enttäuscht? Ob Christian Wulff mit dem spektakulären Selbstkritik-Interview von gestern Abend seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, liegt nicht in seiner Hand. Der ob so viel Beschäftigung mit diesem Thema inzwischen irritierte Bürger jedenfalls will langsam Ruhe haben, das kennt man aus den Erregungskurven anderer "Affären". Doch selbst wenn ihm das rituelle Rücktrittsopfer erspart bleibt, wird er für den Rest seiner Amtsperiode beschädigt bleiben. Und sicher kein Ersatzmonarch mehr."

Westdeutsche Zeitung: "Er bleibt, weil er bleiben muss"

"Das Fernsehinterview von Christian Wulff hat weder viel Neues gebracht, noch ändert es die Situation. Dass der jüngste Bundespräsident in der Geschichte dieser Republik telegen ist, dass er sich ausdrücken und sehr sympathisch wirken kann, war auch vorher schon bekannt. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass so viele Bürger dem Mann aus Osnabrück immer noch den Rücken stärken. Sie sehen einen netten Familienmenschen, der von der geballten Medienmacht in die Enge getrieben worden ist. Sie verkennen, dass Wulff dazu allen Anlass gegeben hat. Ein Bundespräsident kann sich nicht leisten, was Wulff sich wohl in einem Anfall von Panik geleistet hat. Das muss ihm in den vergangenen Tagen klar geworden sein. Also ging er gestern abermals in die Offensive. Der Erklärung vom Dezember folgte das Interview bei ARD und ZDF. Es war seine letzte Chance. Und was hat es gebracht? Nichts, außer der Erkenntnis, dass Wulff um sein Amt kämpft wie ein Löwe. Dafür hat er persönliche und politische Gründe. Mit Anfang 50 steht der Bundespräsident noch mitten im Berufsleben. Was aber soll noch kommen, wenn er jetzt das Handtuch wirft, wenn er als gescheitert, skandalumwittert aus dem höchsten Amt im Staate scheidet? Dann zeigen viele mit dem Finger auf ihn, tuscheln hinter vorgehaltener Hand über den ehemaligen Bundespräsidenten und seine Familie. Diese Last mindern auch Pension, Chauffeur und Büro auf Staatskosten nicht. Aber auch seine Parteifreunde können Wulff nicht vorzeitig gehen lassen. Kanzlerin Angela Merkel stünde als Verliererin da. Nach Horst Köhler wäre Wulff in ihrer Kanzlerschaft schließlich der zweite Präsident, der vorzeitig abträte. Dies und der Umstand, dass die Kräfteverhältnisse in der Bundesversammlung derzeit nicht eindeutig sind, zwingen die Regierungsparteien dazu, an Wulff festzuhalten. Also macht der Bundespräsident weiter. Doch eine gute Amtszeit wird ihm nicht mehr vergönnt sein. Die Wogen mögen sich glätten, wenn nicht neue unangenehme Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit kommen. Aber die Geschichte wird sich für immer an einen Bundespräsidenten erinnern, der am Ende doch viel zu klein war für dieses große Amt. Das ist bedauerlich."

Südwest Presse: "Wulff darf einstweilen bleiben, aber ..."

"Ohne die schützende Hand Angela Merkels gäbe es den Bundespräsidenten Christian Wulff nicht mehr. Zu desaströs ist das Echo auf das Krisenmanagement eines Staatsoberhaupts, das schon die Nerven und die Selbstkontrolle verliert, wo zwar seine persönliche Integrität zur Debatte steht, aber keineswegs das Schicksal der Nation. Was würde Wulff erst machen, wenn er über Existenzfragen des Landes zu entscheiden hätte? Die Kanzlerin hält erst einmal eisern an Wulff fest, weil sie kein Interesse daran hat, erneut auf die Suche nach einem geeigneten Kandidaten für das höchste Amt in dieser Republik zu gehen. Die schwarz-gelbe Koalition in ihrem fragilen Zustand bietet nicht den nötigen Rückhalt für eine so wichtige Personalentscheidung. Merkels Handeln wird, wie schon bei der im Ergebnis unglückseligen Auswahl von Horst Köhler und dessen Nachfolger, von Machtkalkül und Parteitaktik bestimmt. Christian Wulff darf einstweilen bleiben, aber eine dauerhafte Arbeitsplatzgarantie für den Präsidenten bedeutet die wiederholte Ehrenerklärung der Kanzlerin nicht. Auch nach dem bestellten TV-Interview wird der Chor der Kritiker, Zweifler und Spötter nicht verstummen. Zumal man damit rechnen muss, dass es weitere Anlässe für Wulff geben könnte, vergangenes Fehlverhalten zu bedauern und neuerlich um Verzeihung zu bitten. Diese Aussicht ist weder für ihn selbst noch für sein Publikum behaglich."

Märkische Oderzeitung: "Das Amt ist ihm zu groß"

"Wem nützt ein Präsident, der kaum noch politisches Gewicht erlangen kann? Einfluss und Ansehen lassen sich nur durch Vertrauen erreichen. Genau das Vertrauen auf seine Worte, in seine Redlichkeit und Unabhängigkeit hat Christian Wulff auch mit dem gestrigen Auftritt nicht wiedergewonnen. Trotz aller rhetorischen Trickserei und rabulistischen Erklärungen - dieser Bundespräsident bleibt weitgehend sprachlos.

Nun verschanzt er sich im Schloss Bellevue. Nicht um das Amt zu schützen, sondern um sich über die Zeit zu retten. Dadurch bleibt das oberste Verfassungsorgan nur noch dem Spott seiner Bürger ausgesetzt. Das ist nur peinlich. Für diesen Präsidenten ist das Amt mindestens drei Nummern zu groß."

Wetzlarer Neue Zeitung: "War da nicht was?"

"Das soll es nun gewesen sein. Ein Interview zur allerbesten Sendezeit auf den beiden Hauptkanälen des deutschen Fernsehens. Und abermals eine Entschuldigung. Am Freitag dann empfängt der Präsident die Sternsinger im Schloss Bellevue - als wäre nichts gewesen. Aber war da nicht was? Das ist die Frage, die Christian Wulff von nun an in seinem Amt begleitet. Ganz gleich, was er sagt. Ob zur Solidarität in der Gesellschaft, ob zur Notwendigkeit des Sparens, ob zu den Grundrechten, ob zur Integrität von Politikern, ob zur Aufrichtigkeit im Allgemeinen. Stets wird die die Frage kommen: War da nicht was?"

Die Welt: "Er hat nur noch eine einzige Chance"

"'Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten', heißt es in der Bibel. Den nötigen Durchhaltewillen besitzt Wulff. Das hat er in seinem Fernsehauftritt bewiesen. Es war kein durchweg souveräner Auftritt. Wulff hat noch einmal eine Entschuldigung ausgesprochen, diesmal für den Umgang mit der Presse. Eine weitere Runde von Entschuldigungen möge dem Land erspart bleiben. Stattdessen möge der Bundespräsident zeigen, welche Qualitäten noch in ihm stecken. Die Weisheit, den richtigen Maßstab für Besonnenheit unter schwerem Druck zu finden, sei Christian Wulff zu wünschen. Er hat nur noch eine einzige Chance."

Rhein-Neckar-Zeitung: "Der Rest ist Fassungslosigkeit"

"Als Horst Köhler nach ein paar kritischen Bemerkungen das höchste Amt im Staat wegwarf wie ein altes Hemd, hagelte es Kritik, der Mann halte wohl nichts aus. Zumindest diesen Vorwurf muss sich Christian Wulff nicht machen lassen. Er hält viel aus. Und er bleibt seinem eigenartigen Stil treu: Allem Kritischen ausweichen, aber sich halbherzig entschuldigen. Dass er zugleich ARD und ZDF zum Staatsfunk adelt und die Medien, die seine Affäre ans Licht der Öffentlichkeit zerrten, nämlich die Presse, ausschloss, kann in diesem Zusammenhang vielleicht als die vom Präsidenten angekündigte "Neuordnung" seines Verhältnisses zu den Medien verstanden werden. Souveränes Handeln geht anders. Jedenfalls: Ein Befreiungsschlag war dieses Interview nicht. Wulff darf aus taktischen Gründen Bundespräsident von Angela Merkels Gnaden bleiben. Das ist sehr praktisch für die schwarz-gelbe Koalition. Und das Land wird sich daran gewöhnen, dass zumindest für die nächsten vier Jahre das Wort des Bundespräsidenten kein besonderes Gewicht haben wird. Sarkastisch formuliert möchte man zusammenfassen: Bei Banken kennt er sich offenbar besser aus, als vermutet. Von der Pressefreiheit scheint er dagegen keine Ahnung zu haben. Der Rest ist Fassungslosigkeit."

Westfälische Nachrichten: "Beratungslos und ratlos"

"Der Versuch konnte gar nicht gelingen: Nicht der geballten Bundespressekonferenz stellte er sich. Stattdessen ein Interview nur mit zwei Journalisten, die dazu nicht gerade als Spezialisten in Sachen Wulff-Recherchen aufgefallen waren. Deutlicher konnte er gar nicht kundtun: Ich habe Angst vor Fragen. Dass Wulff wurde, was er ist, verdankt er nicht zuletzt exzellenter medienfachlicher Beratung. Auf dem Karriere-Höhepunkt kippte das um. Nun präsentierte sich ein Präsident der Beschönigungen - beratungslos und ratlos."

nik/DPA/Reuters/AFP
 
 
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