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23. Oktober 2009, 15:29 Uhr

Merkels neuer Sisyphos

Wolfgang Schäuble hätte es bequemer haben können. Zum Beispiel im Amt des Bundestagspräsidenten. Stattdessen bekommt er das Schlüsselressort Finanzen. Porträt eines Politik-Besessenen. Von Hans Peter Schütz

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Herr der Scheine: Wolfgang Schäuble, CDU, wechselt ins Finanzministerium© Uli Deck/DPA

Die Frage aller Fragen an Wolfgang Schäuble ist: Warum tut er sich das an? Seit 37 Jahren ist er im Bundestag, er ist der dienstälteste aktive Abgeordneter; eigentlich sollte es nur ein vorübergehender Ausflug in die Politik sein, als er 1972 für die Junge Union kandidierte und gewann. Bleibt er die volle Legislaturperiode im Parlament, und davon ist auszugehen, schließt er zum bisherigen Rekordhalter auf. Zu Richard Stücklen, CSU, der es auf 41 Mandatsjahre gebracht hat. Doch Stücklen saß nicht im Rollstuhl, war kein "Krüppel", wie Schäuble sich selbst zu nennen antut.

Warum also?

Am 12. Oktober 1990 schoss ein Psychopath auf Schäuble, seitdem ist er vom dritten Halswirbel abwärts gelähmt. In den langen Monaten nach seiner Rückkehr aus der Klinik fiel die Antwort auf die wichtigste Frage. Im Keller seines Hauses, gebaut an einem Steilhang im badischen Städtchen Gengenbach, versuchte er zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder Geige zu spielen, um den Fingern ein wenig Beweglichkeit abzuzwingen. Sein Rollstuhl kippte nach hinten um und er lag hilflos am Boden und konnte sich nicht verzeihen, dass er es nicht schaffte, sich alleine wieder aufzurichten. Und er weinte vor Zorn über sich.

Schäubles Lebenssinn

Denn im Gegensatz zu seiner Frau hat Schäuble nie den Wunderglauben an sich heran gelassen, es könne sich wieder zum Besseren wenden. Ingeborg Schäuble: "Ich habe gedacht, dass wir eine Verbesserung seines Zustandes erreichen könnten, wenn er mehr Zeit hätte für sich und seinen Körper." Eines Tages akzeptierte das Ehepaar die Situation. Ingeborg Schäuble schlug ihrem Mann vor, mit der Politik Schluss zu machen. Ein Professor oder ein Richter, so hatte sie sich ihren Ehemann sowieso immer vorgestellt.

Der Rollstuhl ließ die Familie noch näher zusammen rücken; immer war eines der drei Kinder in der Nähe des Vaters. Zuweilen hat sich Ingeborg Schäuble selbst in den Rollstuhl gesetzt, um als "Fußgänger", wie Querschnittsgelähmte Menschen nennen, die auf zwei Beinen stehen können, zu lernen, wie die Welt von unten aussieht. Doch Wolfgang Schäubles Antwort war: "Wenn man mir die Politik nimmt, nimmt man mir den Sinn meines Leben." Ingeborg Schäuble hat diese Antwort akzeptiert, schweren Herzens.

"S'isch wie's isch."

So wie sie ihren Mann immer akzeptiert hat, vor und nach dem Attentat - allerdings mit offenem Visier. Dass Schäuble als wichtiges Mitglied der "Kampfgruppe Kohl" geradezu verbissen für dessen Kanzlerschaft in den siebziger Jahren kämpfte, beobachtete sie mit Distanz. Als die Frage zu beantworten war, ob ein Mann im Rollstuhl Kanzler werden könne, sagte sie mutig: "Nein, denn da habe ich große Bedenken." Klar sei, dass er den Job stemmen würde, aber das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl sei nicht leicht zu vermitteln.

Weshalb hat sie sich nicht energischer eingemischt, als er sein politisches Leben an der Seite Kohls ohne jede Rücksicht auf sich selbst fortsetzte? "Ich und meinen Mann dirigieren? Da kennen sie meinen Mann nicht." Der brummt gerne in schwierigen Lagen "es kummt, wie's kummt" oder murmelt "s'isch wie's isch."

Seite 1: Merkels neuer Sisyphos
Seite 2: Die Geschichte von Sisyphos
 
 
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