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18. Februar 2008, 07:22 Uhr

"Zumwinkel - Liechtenstein - Mist gebaut"

Pleiten, Pech und Pannen: Bei Anne Wills Talksendung wurde zumindest ein bisschen im Dreck gewühlt - Klaus Zumwinkel sei dank. Letztlich blieben wenig konkrete Erkenntnisse übrig. Die Stunde der Moralisten hatte geschlagen. Von Axel Hildebrand

Liechtenstein leiste Beihilfe zur Steuerhinterziehung, sagte Journalist Hans Leyendecker© Johannes Simon/Getty Images

Die Diskussionsrunde um Anne Will am Sonntagabend ähnelte ein wenig dem Besuch im Krankenhaus. Im Bett der Kranke, Bein gebrochen, Nase auch, alles ziemlich im Argen. Blöde Geschichte wirklich, aber: Er hätte ja beim Spielen nicht so leichtsinnig sein müssen. Also wirklich: Not tat das nicht. Das Mitleid mit dem Kranken hält sich in solchen Fällen in Grenzen. Und die Stimmung auch. Anne Will, ausgebildete Krankenschwester in Fällen öffentlicher Ärgernisse, hatte sich eine Truppe von Experten versammelt, die sich zum Fall, nennen wir ihn der Anschaulichkeit halber "Zumwinkel - Liechtenstein - Mist gebaut" alle eine Meinung gebildet hatten. Das hieß zunächst: Analyse der Lage.

Klaus Zumwinkel, bis vor kurzem Vorstandvorsitzender der Deutschen Post und einer der wichtigsten Manager des Landes, soll eine Million Euro Steuern hinterzogen haben. Klaus Zumwinkel sieht zurzeit ziemlich angeschlagen aus. Die Bilder zeigen einen älteren Herrn mit fahlem Gesicht, der entweder zur Vernehmung fährt oder von der Vernehmung kommt. Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag: "Ich kann mir schlecht vorstellen, dass da überhaupt nichts dran ist."

"Beihilfe zur Steuerhinterziehung"

Doch wer ist schuld an der Misere? Nur Klaus Zumwinkel? Oder auch das Fürstentum Liechtenstein? Oder gar die ganze Gesellschaft? Um diese Fragen innerhalb einer Stunde zu klären, hatten sich versammelt: Volker Kauder, Ottmar Schreiner von der SPD, der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, Utz Claassen, ehemaliger Vorstandschef des Energieversorgers EnBW und der Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker.

In einem sind sich alle einig: Das alles geht so nicht. Utz Claassen hat "nicht ein Prozent Verständnis" und Volker Kauder ist schlichtweg "betroffen und enttäuscht." Aber nun zur Frage des Schuldigen. Wer gehört - außer Zumwinkel - noch dazu? Liechtenstein, das kleine Fürstentum, leiste "Beihilfe zur Steuerhinterziehung", findet Hans Leyendecker. Das heißt auch, dass irgendwas gefordert werden muss, Politiker fordern immer, und so sagt Ottmar Schreiner: "Das Treiben kann so nicht weiter hingenommen werden!". Das Bankgeheimnis in Liechtenstein decke die Steuerhinterziehung. Auch Leyendecker, der im Laufe der Jahre in so ziemlich jedem Misthaufen mit dem Beinamen Affäre herumgestiefelt ist, sieht eine "große Schweinerei" und "übelste Gestalten, die dort ihr Geld anlegen".

Deshalb wird das Ganze von Anne Will nun eine Ebene höher gehoben. Es geht jetzt nicht mehr um den konkreten Fall und die Mitverantwortung der Politik, die man auch näher hätte beleuchten könne, sondern um die ganz große Frage: Brauchen wir neue Werte, eine neue Moral in Deutschland?

Das "Betroffenen-Sofa"

Anne Will hat vielleicht selbst ein wenig in sich hineingegähnt, sie muss so etwas wohl fragen. Viel interessanter wäre es ja gewesen, beim konkreten Fall zu bleiben, der Steuerhinterziehung, die in einem selten gigantischen Maße gerade aufgedeckt wird. Dieter Ondracek, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft, konnte dazu eine Menge beitragen. Er wies auf ein Grundproblem hin, nämlich dass die Steuerbeamten zwar von den Bundesländern finanziert werden müssten, der Bund aber die Hälfte der eingenommenen Summen kassiere und so den Anreiz der Länder, weitere Beamte einzustellen, mindere. Ondracek war jedoch auf dieser merkwürdigen Einrichtung "Betroffenen-Sofa" platziert, weit weg von der Runde - und konnte sich entsprechend wenig an der Diskussion beteiligen.

Also, zurück zur Frage der Werte: Alles geht den Bach runter, so der Tenor der Runde, die Manager hätten viel zu hohe Gehälter, die Löhne am anderen Ende seien dagegen viel zu niedrig. Am Ende könnte sogar die ganze Demokratie gefährdet sein. Auch Utz Claassen beklagte den Werteverfall, und nutzte die Gelegenheit, sein neues Buch anzukündigen. Thema: irgendwas mit neuen Werten.

Ach ist das alles depressiv, findet Anne Will am Ende der Sendung und rafft sich auf, die Schlussfrage an Hans Leyendecker zu richten. Wie könne man trotz dieser ganzen Affären noch optimistisch durchs Leben gehen? "Ich bin Rheinländer", sagt der und lacht.

Von Axel Hildebrand
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
JR-Europe.org (18.02.2008, 18:01 Uhr)
Spitze des Eisberges
Spitze des Eisberges schon alleine bei diesem(!) Fall.
Warum? Wenn es nur Weissgeld wäre, bekommt die Steuer nur den eventuell hinterzogenen Zinsertrag. Da es zum größten Teil bei den anderen Schwarzgeld sein wird, kämen Zahlungen in Milliardenhöhe rein. Bestechnungsgelder, Provisionen, Kunsthandel, Schwarzhandel ...
Allerdings hat jetzt jeder genug Zeit, zumindest die Schwarzgeldunterlagen zu beseitigen.
Zu bedenken ist, dass man nur in rauhen Mengen Schwarzgeld machen kann, wenn andere Schwarzgeld geben ... das werden dann Multimilliarden an Steuerrückzahlungen.
Ich finde das Steuersystem hier auch zum kotzen, aber ... ach naja, übermorgen haben sie wieder alles vergessen und an die Schwarzarbeit - auf der anderen Seite - wollen sie eh nicht ran (jedes Jahr 350 000 000 000 Euro ohne Abgaben für KK, Rente, Lohnsteuer). Dann hätten wir, wenn die SPD was dagegen tun würde, keine Parteien links neben ihr.
Ich glaube, die müssen erst geboren werden, welche an das komplexe Thema wirklich ran wollen. Und die müßten auch noch nen überzeugenden Grund liefern, warum sich plötzlich alle dran halten sollen, um auch gewählt zu werden ;-)
Mit besten Grüßen JR-Europe.org
bernie-abg (18.02.2008, 13:51 Uhr)
Ich glaube,...
...in diesem jahr lohnt es sich richtig ein Wettbüro aufzumachen
Die EM und Steuerhinterzieher-ungeahnte Möglichkeiten für Zocker!
(*grins*)
ganzbaf (18.02.2008, 12:01 Uhr)
Langjährige Haftsstrafen...
und Vermögensentzug. Ganz wie bei anderen Kriminellen:
.
Villa, Jacht, Bentley, Frau... äh, Ferrari - weg!
;-Pü
StillerBeobachter (18.02.2008, 11:35 Uhr)
@ Dagegen
Du kannst davon ausgehen, dass der BND die betreffenden Steuerhinterzieher gründlich observiert hat (Telefon, Fax, Internet usw.). Da geht so schnell nichts raus.
Wenn sich die Leute aus Pullach nicht absolut sicher wären, könnten sie den Steuerprellern auch keine Gnadenfrist zur Selbstanzeige gewähren. Dann hätten sie neulich schon zugeschlagen und das Ganze nicht derart medienwirksam inszeniert.
Dewerth (18.02.2008, 11:08 Uhr)
Mensch, Vegefranz....
...leg dir doch mal ne neue Vorsilbe zu. Ich denke da an Firle... Und dann ab in den Enthüllungsjournalismus. Ich hätte da auch schon ein Dauerthema: Gysi und Lafontaine.
Kokosnuss (18.02.2008, 10:32 Uhr)
25 bis 30 Razzien pro Woche
Laut Staatsanwaltschaft sollen ja jetzt die anderen Steuerbetrüger dingfest gemacht werden. So 25 Razzien pro Woche und da ist sicher mindestens ein wirklich Prominenter dabei. Da können wir uns ja noch das ganze Jahr "ergötzen". Wenn ich daran denke, was da von all unseren Moralisten losgelassen wird, kommt`s mir jetzt schon hoch!
vegefranz (18.02.2008, 08:42 Uhr)
wo waren gysi und Lafon

Eigentlich haben noch Gysi und Lafon gefehlt, um ein paar heuchlerische "Wir wollen den Kleinen helfen und die Grossen hängen"-Parolen beizutragen
atetzlaf (18.02.2008, 08:31 Uhr)
Prioritäten setzen
Die Staatsanwaltschaften, sollten sich lieber um die ALG2-Betrüger kümmern, die vor lauter Hunger und ohne jede Perspektive 50Euro erschummeln, aber bitte nicht die Leistungsträger, die in Ihrer Gier Millionen beiseite scheffeln. Im Resultat -O-Ton FDP...- werden diese Zumwinkels nämlich abwandern und im Ausland betrügen. Und dann werden die Deutschen schon sehen, was sie davon haben.
Grüße, christliche.
Christliche -Frau Merkel- christliche...
Salzsteuer (18.02.2008, 08:17 Uhr)
Diese Steuerhinterzieher
sollten sich mal erkundigen was mit einem Schweizer Staatsbürger passiert der seinen Beitrag zur Schweizer Rentenkasse, immerhin über 10% nach oben unbegrenzt, nicht bezahlt.
-Dagegen- (18.02.2008, 08:04 Uhr)
Die Kleinen hängt man...
die Großen läßt man laufen.
Zumwinkel scheint allerdings nicht die richtigen Freunde gehabt zu haben...
Was ist denn dies für eine hochprofessionelle Vorgehensweise?
Da werden Durchsuchungen über die Medien angekündigt.
Bin ich hier im falschen Film?
Ist dies Dummheit oder Strafvereitelung im Amt?
Werden künftig Razzien im Rotlichtviertel eine Woche vorher per Einschreiben mit Rückschein angedroht?
Im übrigen sollten einige einmal ihr Koordinatensystem eichen lassen.
Den feinen Herren war jedes Mittel recht um ihre Raffgier zu befriedigen und jetzt wird der Staat kritisiert, weil er ungewöhnliche Ermittlungswege genutzt hat?
Krank!
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