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So qualvoll stirbt Schlachtvieh

Dreieinhalb Millionen Rinder und 56 Millionen Schweine wurden in Deutschland 2009 geschlachtet. Viele der Tiere mussten unnötige Schmerzen erleiden - weil an der falschen Stelle gespart wird.

Von Manfred Karreman

Das Tier in der engen Betäubungsbox hat offensichtlich Angst. Zwischen seine weit aufgerissenen Augen presst ihm ein Mann das Bolzenschussgerät an die Stirn und drückt ab. Das Rind bricht zusammen, rappelt sich auf wackeligen Beinen wieder auf. Noch einmal schießt der Mann, doch es hebt noch den Kopf, als ein Metallschieber es aus der Box befördert. Das Tier zuckt und windet sich, als eine Kette um sein Hinterbein geschlungen und es vom Fließband hochgezogen wird. Es ist noch immer nicht völlig ohne Bewusstsein, als ein Kopfschlächter das Messer ansetzt, um es durch einen Stich ausbluten zu lassen.

Der "Rückenmarkzerstörer" ist jetzt verboten

Eine Szene aus einem deutschen Schlachthof und beileibe kein Einzelfall bei über dreieinhalb Millionen Rindern, die im vergangenen Jahr in Deutschland geschlachtet wurden. Vier bis sieben Prozent der Rinder sind nicht vorschriftsgemäß betäubt nach dem Bolzenschuss, wissen Experten aufgrund von Untersuchungen in Schlachtbetrieben. Klaus Troeger, Leiter des Max Rubner-Instituts, einer dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz unterstellten Forschungsanstalt, sieht eine Ursache dafür im Verbot des so genannten "Rückenmarkzerstörers".

Seit Jahrzehnten werden Rinder durch einen Bolzenschuss in den Kopf betäubt. Der soll sie "wahrnehmungs- und empfindungslos" machen, wie es das Gesetz verlangt, bevor sie wie alle Schlachttiere durch Blutentzug getötet werden. Fehlschüsse habe es schon immer gegeben, weiß Troeger, "aber früher fiel das nicht auf, weil nach dem Schuss in die Stirn eine Metall- oder Kunststoffrute in das Einschussloch bis in die Wirbelsäule geschoben und mehrmals ein- und ausbewegt wurde". Seit dem 1. Januar 2001 ist der "Rückenmarkzerstörer" aber EU-weit verboten, weil befürchtet wird, dass dadurch BSE-infiziertes Rückenmark verteilt werden könnte, was zum Rinderwahn führt.

Eine Minute pro Rind

Also muss der Betäubungsapparat funktionieren, der Schuss in den Kopf genau sitzen. "Der zweite oder dritte Betäubungsschuss hat längst nicht mehr die Wirkung wie der erste", sagt Troeger. Wobei die Zeit drängt - etwa eine Minute ist einkalkuliert, um ein Rind zu töten. Fehlschüsse halten nur den Betrieb auf.

Deshalb sind viele Tiere noch bei Bewusstsein, wenn sie aus der Betäubungsbox geschoben werden. "Das ist ein Skandal und ein Verstoß gegen die Schlachtverordnung, " sagt Frigga Wirths, "aber wo kein Kläger, da kein Richter." Die Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin, die im Auftrag des Deutschen Tierschutzbundes zahlreiche deutsche Schlachthöfe unter die Lupe genommen hat, stellte fest, dass nicht nur Rinder auf derart qualvolle Weise geschlachtet werden, sondern auch Schweine.

"Wir müssen jetzt auf die Barrikaden gehen"

Noch nie wurden in Deutschland so viele Schweine verarbeitet wie im vergangenen Jahr: über 56 Millionen. Und zwar auf Hochtouren, in manchen Betrieben bis an die Kapazitätsgrenzen. Seit Jahren werden immer mehr Tiere in immer weniger Betrieben geschlachtet - moderne Fleischfabriken bringen es auf 20.000 pro Tag.

Schweine werden nicht mit Bolzenschuss, sondern mit Strom oder Gas betäubt. Die Elektrozange, die ein Arbeiter einem Schwein hinter die Ohren hält, ist für Großbetriebe nicht mehr effektiv, weil hier im Sekundentakt getötet werden muss. Deshalb betäubt man mit Kohlendioxid-Gas, und zwar vollautomatisiert in geschlossenen Anlagen, die etwas kleiner als Einzelgaragen sind.

Dabei drückt ein hydraulischer Metallschieber immer mehrere Schweine gleichzeitig in einen Metallgitterkorb, der dann wie eine Gondel abwärts ins Gas fährt. Bis zu zwanzig Sekunden, so Recherchen des Deutschen Tierschutzbundes, kann dabei der Kampf der Tiere gegen ihre Bewusstlosigkeit dauern. "Zudem reizt das Gas die Atemwege und die Schleimhäute so stark", sagt Veterinärin Wirths, "dass die Tiere im Gas oft in eine heillose Panik geraten."

In der Schweineschlachtung seien von vergleichbaren Vorfällen etwa ein Prozent der geschlachteten Tiere betroffen, schätzt Karsten Fehlhaber, Tierarzt und Professor an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. "Das erscheint zunächst mal nicht viel. Aber wenn man bedenkt, dass wir ungefähr 56 Millionen Schweine im vergangenen Jahr geschlachtet haben, heißt das, dass es doch rund eine halbe Million Schweine sind, die nicht ausreichend betäubt gewesen beziehungsweise nicht sachgerecht entblutet worden sind".

Die Bundestierärztekammer e.V. forderte erst kürzlich das Bundesministerium für Ernährung, Lebensmittel und Verbraucherschutz wie auch die Schlachthöfe nachdrücklich auf, Forschungsprojekte zur sicheren Betäubung von Schlachtvieh stärker zu fördern und die Ergebnisse zügiger in die Praxis umzusetzen. Und verweist auf die Bilanz des Deutschen Tierärztetages im Oktober 2009: "Der erreichte Stand bei der tierschutzgerechten Betäubung und Entblutung der Schlachttiere kann noch nicht befriedigen." Karsten Fehlhaber, Tierarzt und Professor an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, sagt deutlicher, was dieser Beschluss der Bundestierärztekammer nur andeutet: "Wir Tierärzte können und werden diese Gesetzesverstöße nicht als normal akzeptieren, sondern müssen jetzt auf die Barrikaden gehen".

Der Bundesregierung ist das Problem durchaus bekannt. Schon im Tierschutzbericht von 2007 verspricht die Regierung, es solle alles unternommen werden, die Situation nachhaltig zu verändern. In einem Brief an dsa ZDF-Magazin "Frontal 21" räumt das Ministerium ein, der geschilderte Sachverhalt stelle einen Verstoß gegen geltenden Bestimmungen des Tierschutzgesetzes dar.

"Tierschutz kostet Geld"

Auf vielen Schlachthöfen, so die Vorwürfe der Experten, komme es vor, dass Schweine, die am Fließband hängen, versehentlich nicht oder nicht richtig abgestochen werden. Solche Tiere erwachen auf dem Weg ins Brühbad wieder aus der Betäubung. Jedes Jahr, so haben Untersuchungen ergeben, geraten etwa eine halbe Million Schweine lebend in die Brühanlagen. "Das sind furchtbare Schmerzen", sagt Klaus Troeger vom Max Rubner-Institut, "das Schwein wird dabei lebendig mit heißem Dampf verbrüht."

Bei einem derart qualvollen Betäubungs- und Schlachtvorgang kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen im Tierkörper, was die Verbraucher nicht nur am blassen und wässrigen Fleisch merken, sondern auch daran, dass solche Fleisch und Wurstwaren weniger lange haltbar sind. "Dabei gibt es durchaus Methoden", so Troeger, "den Blutentzug und damit den Tod eines Schweines sicher festzustellen." Nur: die kosten Geld.

Einzelne Betriebe wie der Großschlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück erwägen nun den Einbau von speziellen Kontrollgeräten. Mit denen kann gemessen werden, ob genug Blut entzogen wurde und das Tier tatsächlich tot ist, ehe es gebrüht und zerlegt wird. "Wenn solche Firmen die Geräte einbauen, müssen die anderen nachziehen", hofft Troeger.

Auch für die Rinderschlachtung gibt es Anlagen, die Fehlbetäubungen ausschließen. Eine solche Betäubungsbox steht im fränkischen Kulmbach. Der Preis: um die hunderttausend Euro. "Tierschutz kostet natürlich auch Geld", sagt Veterinärin Frigga Wirths vom Deutschen Tierschutzbund e.V., "bei Schweinen wie Rindern, und hier wird eben gespart". Denn dagegen stehe der harte Konkurrenzkampf in der Branche, deren Gewinnmargen eh schon niedrig seien. Der Leiter eines fränkischen Schlachtbetriebs, der nicht genannt werden möchte, sagt: "Die Hersteller von Katzenfutter verdienen heute mehr als wir mit unserem Fleisch."

Mitarbeit: Herbert Uniewski

Mehr zum Thema sehen Sie am Dienstagabend um 21 Uhr im ZDF-Magazin Frontal21.

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