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Die geheimen Kunden der Lobbyisten

Der Ruf nach mehr Transparenz in der deutschen Politik kam von unerwarteter Seite. Es gebe NGOs (also Nichtregierungsorganisationen), die ihrer Arbeit nachgingen, „ohne die Quellen ihrer Finanzierung zu benennen“, beklagte im Oktober Hans-Hermann Tiedje. Überhaupt NGOs! „Die meisten braucht kein Mensch“, urteilte der ehemalige „Bild“-Chefredakteur und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Lobby- und Beratungsagentur WMP Eurocom in einem Gastkommentar für die Zeitschrift „Euro am Sonntag“.

Kurz vor Weihnachten berichtete der stern über den bekannten Medienwissenschaftler Jo Groebel und sein Deutsches Digital Institut (DDI). Über dessen Finanzierungsquellen ist nicht viel bekannt, doch sicher ist, dass Tiedjes Agentur WMP das Institut unterstützt. Groebel fiel wiederholt mit kritischen Äußerungen zur Marktmacht von Google auf – und wie der stern publik machte, gehört zu den Kunden von WMP ausgerechnet der große Google-Konkurrent Microsoft.

Also ein Fall von schwarzer PR? Der „Vorwurf einer verdeckten PR“ via Groebel sei „haltlos“, ließ WMP versichern. Und der Medienprofessor selbst will in seinen Veröffentlichungen nie eine „Contra-Google-Haltung“ eingenommen haben.

Sicher ist zugleich, dass die Tiedje-Agentur ihre Kundenliste und damit ihre Finanzierungsquellen nicht offengelegt sehen möchte. Wer – gestützt auf Firmenunterlegen - die Klienten der Agentur nennen will, dem droht WMP per Rechtsanwalt sogar mit strafrechtlichen Folgen. Die Kundenliste sei nämlich „ein Geschäftsgeheimnis“. Und auch Microsoft fällt nicht gerade durch Transparenz auf: Auf ihrer Website listet die Firma zwar die Namen der PR-Agenturen auf, mit denen sie in Deutschland zusammenarbeitet. Ausgerechnet der Name von WMP fehlt dort jedoch.

Der US-Konzern profitiert damit von einer Gesetzeslücke. In den USA muss Microsoft im Washingtoner Lobbyregister offenlegen, welche Agenturleute das Unternehmen beschäftigt. In Deutschland wird das nicht verlangt. Bei uns erfährt die Öffentlichkeit viel zu selten, welche Firmen eine Agentur wie WMP gebucht haben, um den eigenen Ruf zu verbessern oder Kontakte zu Politiker zu suchen.

Aber wie gesagt: WMP bestreitet den Vorwurf, mit verdeckter sogenannter schwarzer PR Stimmung gegen Konkurrenten der eigenen Kundenunternehmen zu machen. Sicher ist hingegen: Hans-Hermann Tiedje, der langjährige Vorstandschef und heutige Aufsichtsratsvorsitzende von WMP, versucht zwar schon mal gegen Kritiker Staatsanwälte wegen „übler Nachrede“ in Marsch zu setzen. Aber zugleich war der 66-Jährige immer schon gut darin, schlecht über andere zu reden.

Zum Beispiel über Kanzlerin Angela Merkel. Aus Tiedjes Sicht ist sie in der Flüchtlingskrise „komplett überfordert“. Oder Barack Obama: „die größte amtierende Flasche in der Weltpolitik“. Auch einen „Spiegel“-Journalisten, der an Recherchen über dubiose Zahlungen vor der Fußball-WM 2006 mitwirkte, nahm sich Tiedje vor: Nur sein Spitznamen „Hosenriecher“ sei erwähnenswert. Und ja: Auch der Autor dieses Blogeintrags hat einen festen Platz auf der Liste derjenigen, die der Ex-Boulevardjournalist gelegentlich beschimpft.

Kurz: Tiedje scheint sich gerne Leute zu Feinden zu machen. Zugleich standen oder stehen eine Reihe großer Firmen seit Jahren auf der Kundenliste von WMP, vom Autobauer BMW bis zum Briefzusteller Deutschen Post. Und immer wieder gewinnt die Agentur neue zahlungskräftige Kunden, vom Rüstungskonzern Rheinmetall bis eben zum Digitalriesen Microsoft. Auch für das ölreiche Emirat Katar arbeitet WMP – laut Kundenliste mit „viel Aufwand“. Kaum hatte der katarische Fußballverband im Sommer 2015 rechtliche Schritte gegen den Ex-DFB-Präsidenten Theo Zwanziger gestartet, wegen dessen Kritik an der katarischen Sportpolitik, nahm sich auch Tiedje den Fußballfunktionär vor. „Viele halten Theo Zwanziger für einen falschen Fuffziger“, schrieb er Ende Oktober in einem Gastkommentar für „Euro am Sonntag“ – es ging um den Streit um die Fußball-WM 2006.

Natürlich haben Tiedjes öffentlich geäußerte Meinungen nichts damit zu tun, für wen seine Firma WMP gerade arbeitet – jedenfalls gibt es keinen Beleg für solch einen Zusammenhang.

Die kaufmännische Krankenkasse KKH gehört zu den wenigen Unternehmen, die auf Anfrage bestätigen, dass sie Kunde bei WMP sind – in ihrem Fall seit dem Jahr 2013. Schon im März 2012 hatte WMP für ein KKH-Allianz-Forum den späteren SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück als Redner vermittelt. Das kam Ende 2012 heraus. Doch man hätte es gerne bereits gewusst, als Hans-Hermann Tiedje den SPD-Mann im Oktober 2012 in einem „Bild“-Kommentar vehement verteidigte: Steinbrück habe „bei seinen Vortragshonoraren offenkundig nichts falsch gemacht“.

„Wenn ich irgendwohin will, mache ich keinen Umweg“, sagte Tiedje mal. Aber manchmal geht es schon auch mal ein bisschen hinten rum. Neuerdings lobt der WMP-Mann nicht Steinbrück, sondern den SPD-Chef Sigmar Gabriel. Noch vor vier Jahren fertigte Tiedje ihn als „den irrlichternden Parteichef Gabriel“ ab. Seit mindestens eineinhalb Jahren überhäuft Tiedje den heutigen Wirtschaftsminister und Vizekanzler mit Lob, in Gastkommentaren von der Berliner BZ bis zur Neuen Zürcher Zeitung. Er sei „in den vergangenen Monaten sympathisch geworden“, habe beim Besuch des Iran „eine gute Figur“ gemacht und „sicher könnte er auch Kanzler“.

Natürlich hat das nichts damit zu tun, dass Gabriel als Wirtschaftsminister Rüstungsexporte des WMP-Kunden Rheinmetall genehmigen muss.

„Wir arbeiten weder mit Mädchenhändlern oder Waffenhändlern noch mit Drogenhändlern zusammen“, versicherte Tiedje noch im September 2014. Keine Waffenhändler? Gerade für Rüstungskonzerne von Rheinmetall über die Nürnberger Diehl-Gruppe bis zu dem deutsch-französischen Konzern EADS war seine WMP sehr wohl wiederholt tätig.

In einer Kundenliste aus dem Jahr 2004 war so Diehl aufgeführt – unter dem Stichpunkt „Iris“. Damals reduzierte die Bundeswehr ihre Bestellzahlen für die Luft-Luft-Rakete Iris-T des Unternehmens. Für 2004 veranschlagte die WMP-Kundenliste Einnahmen von Diehl von 120 000 Euro.

Vor einigen Jahren schloss WMP überdies einen Beratungsvertrag mit dem Konsortium ISIC21, zu dem der EADS-Konzern gehörte. Die Konsortialpartner wollten damals einen Milliardenauftrag der Bundeswehr ergattern. Es ging um das IT-Projekt Herkules. Zu den Leistungen von WMP sollte laut Vertrag „auch die gezielte Verbreitung und Plazierung von ISIC21 betreffenden Informationen“ gehören. Nach dem Vertrag verpflichtete sich ISIC21 seinerseits „zu strengem Stillschweigen über das dem Konsortium bekannt gewordene Know-How der WMP, insbesondere deren Verbindungswege und Kontakte“.

Normalerweise bucht man Agenturen wie WMP aus zwei Gründen: Damit sie helfen, das Firmenimage aufzupolieren - und um neue Kontakte zu gewinnen, etwa in die Politik. Letzteres bestreitet Tiedje: „Wir versuchen nicht, Politiker zu beeinflussen“, beteuerte er einmal. „Niemand“ von WMP gehe „zu Politikern und sagt, ich mache euch mal bekannt mit Menschen, die Einfluss auf die Gesetzeslage nehmen wollen“.

Doch WMP bietet sehr wohl auch Kontaktpflege in die Berliner Politik an; so legt es zumindest eine interne Präsentation eines Mitarbeiters nahe. Im Juni 2015 mailte er an den heutigen WMP-Vorstandsvorsitzenden Michael Inacker eine Liste von Vorschlägen, die man dem neuen Kunden Leica und dessen Chef Oliver Kaltner unterbreiten könne. Beispiele:

- „Wir entwickeln und erzählen die große Leica-Story. Wir positionieren klar abgegrenzte Botschaften mit großer Hebelwirkung auf Medien, Politik, Gesellschaft – und vor allem auch auf Wettbewerber.“

- „Wir organisieren persönliche Kontakte auf Minister-, Staatssekretärs-, Abteilungsleiter- und Referentenebene.“

- „Wir vermitteln die Teilnahme von Oliver Kaltner an Delegationsreisen der Bundeskanzlerin, von Mitgliedern der Bundesregierung und der EU-Kommission in die globalen und für Leica besonders interessanten Zukunfts- und Wachstumsmärkte.“

Nun mag die Bundeskanzlerin womöglich Wünsche von WMP nicht immer mit der allergrößten Eile abarbeiten – in Anbetracht der heftigen Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik, die sie nicht nur von Hans-Hermann Tiedje, sondern kürzlich auch noch vom heutigen WMP-Vorstandschef Inacker zu hören bekam.

Der beklagte an Merkels Politik jüngst sogar die fehlende „Wahrhaftigkeitskultur“. Es klang, als ob man bei WMP zu dieser Wahrhaftigkeitskultur etwas beitragen könnte.

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