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Die braungebrannten Neonazis

Mit riesigem Aufwand wird gegen das Neonazi-Trio aus Zwickau ermittelt. Nun erhoffen sich die Fahnder die Mithilfe der Bevölkerung. Und präsentierten dazu Fotos und Waffen.

Von Malte Arnsperger, Karlsruhe

  Der Zwickauer Neonazi-Zelle um Uwe Mundlos (l.), Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe werden zehn Morde angelastet

Der Zwickauer Neonazi-Zelle um Uwe Mundlos (l.), Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe werden zehn Morde angelastet

Die Terroristen im Urlaub. Sie sehen gut erholt aus auf den Fotos, braun gebrannt, lächelnd. Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die drei Mitglieder der Zwickauer Zelle, verantwortlich für mindestens zehn Morde, zahlreiche Banküberfälle und Brandanschläge in den vergangenen Jahren. Nun präsentierte das Bundeskriminalamt bei einer Pressekonferenz die Urlaubsbilder der drei Neonazis auf einem Fahndungsplakat. Das mag komisch wirken, schließlich sind Mundlos und Böhnhardt tot, Zschäpe sitzt in Haft. Aber, und das wurde bei der Pressekonferenz in Karlsruhe deutlich: Die Ermittlungen gegen die Terror-Zelle sind noch lange nicht abgeschlossen, noch wissen die Sicherheitsbehörden bei Weitem nicht alles über die Verbrechensserie und deren Hintergründe.

Mit ernster Miene traten BKA-Präsident Jörg Ziercke und Generalbundesanwalt Harald Range in einem überfüllten Saal vor die Journalisten, begleitet von einem Blitzlichtgewitter, beobachtet von mehreren TV-Kameras. Das Interesse an neuen Erkenntnissen über den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU), wie sich Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nannten, ist riesig.

Angekohlte Waffen, aber keine neuen Erkenntnisse

Zwar präsentierten die Ermittler neben den Fotos eine Reihe teils angebrannter und verkohlter Waffen, die in der explodierten Wohnung und dem Wohnmobil der Terroristen gefunden wurden. Darunter auch die Pistolen, mit denen die neun Migranten und die Polizistin in Heilbronn erschossen wurden sowie die Pumpgun, mit denen sich Mundlos und Böhnhardt ihr Leben nahmen. Doch wer auf sensationelle Enthüllungen hoffte, der wurde enttäuscht. Ziercke und Range waren vor allem gekommen, um auf die Öffentlichkeitsfahndung hinzuweisen. "Wir tun derzeit alles, um diese ruchlosen Taten aufzuklären", sagte Range. "Wir benötigen aber auch die Mithilfe der Bevölkerung. Wir erwarten uns davon neue Ermittlungsansätze oder Spuren, die uns sonst verborgen geblieben wären."

Da es bisher nur 250 Hinweise aus der Bevölkerung gegeben habe, formulierte Ziercke konkrete Fragen: Man wolle wissen, wer Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in den vergangenen Jahren gesehen habe? Wer könne Hinweise zu den verschiedenen Fahrzeugen geben, mit denen die drei gefahren sind? Wer habe die Personen auf Parkplätzen gesehen oder könne Angaben zu ihren Wohnorten machen?

Die Ermittler verfolgen mit dem Gang an die Öffentlichkeit zwei Ziele. Zum einen halten sie es für durchaus denkbar, dass die drei rechten Terroristen für weitere Straftaten verantwortlich sind. Deshalb, so kündigten Ziercke und Range an, würden nun auch alle ungeklärten Fälle von schwerer Kriminalität, bei denen man entweder einen rechtsextremen Hintergrund vermutet oder das Motiv unklar ist, aufgerollt.

Viele Fragen, kaum Antworten

Außerdem ist den Fahndern enorm wichtig, weitere Helfer und Unterstützer zu finden und das Netzwerk des NSU zu verstehen. Schließlich, so sagte Ziercke, hätte das Trio "in den vergangenen Jahren aktiv am Leben teilgenommen". Sie hätten Urlaub gemacht, zahlreiche Fahrzeuge angemietet - insgesamt 56. Es muss also viele Menschen geben, die den drei Neonazis zumindest begegnet sind. Ziercke: "Die Erkenntnisse über die Bewegungen dieser Mörderbande sind wichtig, um den Terror bis zu den Wurzeln aufzuklären." Welch große Rolle die gemieteten Autos und Wohnmobile für die Ermittlungen spielen, zeigt sich daran, dass nach bisherigen Erkenntnissen zwölf Anmietungen in zeitlicher Nähe zu Morden oder Anschlägen der Gruppe erfolgte - unter anderem auch kurz vor dem Polizistenmord in Heilbronn.

Diese Tat aus dem April 2007 spielte auch an einer anderen Stelle der Pressekonferenz eine Rolle. So wurde der BKA-Chef zu einem aktuellen stern-Bericht befragt. Dem stern liegen Unterlagen des US-Militärgeheimdienstes vor. Diese zeigen, dass offenbar Verfassungsschützer in der Nähe waren, als die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet wurde. Dies passierte den Unterlagen zufolge, während die US-Ermittler den mutmaßlichen Islamisten Mevlüt K. beobachteten. Nachdem die betroffenen Verfassungsämter die stern-Erkenntnisse schon dementiert hatten, folgte Ziercke: Vom BKA sei niemand zur Tatzeit am Tatort gewesen, zudem habe sich Mevlüt K. zu der fraglichen Zeit wohl nicht in Deutschland aufgehalten.

Skizzen für die Attentate

Ziercke und Range, die trotz anderthalbstündiger Pressekonferenz wenig Neues zu berichten hatten, machten vielmehr deutlich, mit welch großem Aufwand die Ermittlungen gegen den NSU betrieben werden. Zehn Bundesanwälte und mittlerweile weit über 400 Polizeibeamte versuchten "mit hohem Engagement" Licht ins Dunkel zu bringen. Neben den Hinweisen aus der Bevölkerung versprechen sich die Fahnder viel von den rund 2500 sichergestellten Beweismitteln, von denen die meisten in der explodierten Wohnung in Zwickau gefunden wurden. "Die Zelle wollte nichts dem Zufall überlassen. Es gab umfangreiche Tatvorbereitungen, deshalb legen wir große Hoffnungen in die Auswertung der Asservate", sagte Ziercke. Ein Teil dieser Arbeit ist schon erledigt, offenbar mit Erfolg. Denn die Fahnder haben Skizzen und Notizen zu einigen der Tatorte gefunden. Ziercke: "Die Täter haben planvoll gehandelt, das zeigen die bisherigen Auswertungen." Klar scheint nun auch, dass sich die Zelle vor allem durch Banküberfälle finanzierte. Laut Ziercke werden mindestens 14 der Gruppe zugerechnet. Dabei wurden mehr als 600.000 Euro erbeutet.

Wenig Hilfe erhalten die Behörden offenbar von der inhaftierten Beate Zschäpe und den ebenfalls verhafteten mutmaßlichen Helfern. Das lassen die Äußerungen von Ziercke und Range zur Aussagebereitschaft dieser Personen vermuten. Vor allem für die Aussagen des kürzlich festgenommen Ralf Wohlleben dürfte sich die Politik interessieren. Schließlich hat der ehemalige NPD-Funktionär der Mördergruppe wohl eine Waffe und Munition beschafft. Damit gebe es direkte Verbindungen zwischen der rechtsextremen Partei und den Schwerverbrechern. Das von vielen angestrebte neue Verbotsverfahren gegen die NPD bekäme neue - möglicherweise entscheidende - Nahrung. Und das BKA rechnet mit weiteren Verbindungen des NSU zur NPD. Er sei überzeugt, dass die Ermittler weitere Beziehungen entdecken würden, sagte Ziercke, ohne diese Aussage zu präzisieren. Zur Frage eines neuen Verbotsverfahrens wollte er sich allerdings nicht äußern. Die Schlussfolgerungen seien Sache der Politik, erklärte er.

Ziercke, der wegen seiner Äußerungen zu möglichen Verbindungen zwischen der Familie von Michèle Kiesewetter, deren Wohnort und der Neonazi-Bande in die Kritik geraten war, bekräftigte diese Einschätzungen, entschuldigte sich aber bei den Familien der Opfer. Bei den laufenden Ermittlungen würden "auch alte Wunden aufgerissen. Wir können es Ihnen aber nicht ersparen, denn wir müssen allen Spuren nachgehen."

  Das Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes

Das Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes

Hinweise können unter der kostenlosen Hotline Tel. 0800-0130110 oder bei jeder Polizeidienststelle abgegeben werden.

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