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31. Juli 2009, 14:46 Uhr
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Das entmündigte Volk

Nur noch fünf Prozent der Deutschen glauben, dass sie Politik durch Wahlen maßgeblich mitbestimmen können. Volksherrschaft ist zur Zuschauerdemokratie verkommen. Das ruft nach direkter Demokratie - und gibt auch der CSU recht. Von Hans-Ulrich Jörges

Wahlkampf, Staatshilfe, Wahl

Das Vertrauen ins demokratische Ideal ist zur Restgröße verkümmert. Nur noch fünf Prozent der Deutschen glauben, sie könnten die Politik durch Wahlen in starkem Maße mitbestimmen. 38 Prozent halten das gar nicht für möglich. 57 Prozent, ergab eine Forsa- Erhebung für den stern, sind der Meinung, durch Wahlen könne man wenigstens etwas mitbestimmen. Völlig desillusioniert sind Arbeiter. Dass sie die Politik durch Wahlen maßgeblich beeinflussen könnten, meinen null Prozent. Null!

Das ist der Offenbarungseid der repräsentativen Demokratie nach 60 Jahren Republik und Grundgesetz. Mitten im "Superwahljahr". Drei Viertel der Deutschen sind überzeugt, so die bestürzende Erhebung, dass die Politik auf die Interessen des Volkes keine Rücksicht nimmt.

Wahlkampf, Staatshilfe, Wahl

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges© Alfred Steffen

Das speist sich aus prägenden Erfahrungen mit der gewucherten Parteienherrschaft - wie jener, dass die Union vor der Wahl 2005 eine Mehrwertsteuererhöhung um zwei Punkte annoncierte, die SPD dies vehement ablehnte - und man sich am Ende auf drei Prozent einigte. Logik der Politik: 2 + 0 = 3. Fürs Kalkül der Parteien war das ein Fliegenschiss in der Geschichte, für Wähler unvergesslich.

Das Volk fühlt sich entmündigt. Und es ist entmündigt. Allein der Bundestag ist unmittelbar vom Wahlvolk legitimiert (auf Länderebene die Landtage). Alle anderen Verfassungsorgane, Präsident und Kanzler(in) voran, leiten ihre Legitimation davon ab. Verlagern sich die politischen Entscheidungen aber aus dem Parlament in Machtzirkel und Koalitionsrunden, die das Grundgesetz gar nicht kennt, wird der Bundestag also kaltgestellt und nur noch nachträglich zur formalen Absegnung missbraucht, ist Politik de facto demokratiefrei.

"Entparlamentarisierung" nennt das Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier - und urteilt: "Wenn die politische Willensbildung und die materielle Entscheidung nicht im Parlament und nicht im Rahmen parlamentarischer Verfahren stattfinden, verliert das Staatsvolk seine Vertretung und wird der Wahlakt entwertet." Deutschland hat ein Demokratiedefizit. Es ist nur noch Zuschauerdemokratie.

Werden auch noch die Parteien demokratisch entkernt, herrscht die Macht gänzlich freihändig. Parteitage verkommen zu Inszenierungen, sofern sie überhaupt noch gefragt werden. CDU und CSU ließen ihr Wahlprogramm unlängst durch eine Versammlung handverlesener Funktionäre ab absegnen. Ähnliche Nickkonvente abseits der Parteisatzung hatte auch Gerhard Schröder in der SPD in Mode gebracht.

Selbst dort, wo die Länder dem Volk direkte Entscheidung zubilligen, wird es mitunter betrogen. In Berlin scheiterten Volksentscheide über den Flughafen Tempelhof und Religionsunterricht an den Schulen am Quorum von 25 Prozent der Wahlberechtigten - sie erreichten nur 21,7 und 14,2 Prozent. Die Hürde aber hatten selbst die Volksparteien bei der Wahl 2006 nicht geschafft: Die SPD kam auf 17,5, die CDU auf 12,1 Prozent der Wahlberechtigten.

Die tonangebenden Kräfte der Politik haben Angst vor dem Volk. Und verweigern ihm deshalb unmittelbare Teilhabe. In weihevollen Feierstunden wurde jüngst der 60. Jahrestag des Grundgesetzes bejubelt. Eigentlich hätte der 20. Jahrestag der gesamtdeutschen Verfassung gefeiert werden müssen. Denn in Artikel 146 des Grundgesetzes war - und ist! - vorgeschrieben, dass dieses Provisorium nach Wiederherstellung der Einheit durch eine per Volksabstimmung gebilligte Verfassung ersetzt werden muss. Die Verweigerung ist glatter Verfassungsbruch. Franz Müntefering, immerhin, lässt das keine Ruhe.

Doch wer nach direkter Demokratie ruft, wird abgekanzelt. Das ging Horst Köhler so, als er die Direktwahl des Bundespräsidenten vorschlug. Das geht jetzt der CSU so, die eine strikte Bindung der deutschen Europapolitik ans Parlament verlangt - und Volksabstimmungen, wenn wichtige Kompetenzen auf die EU übertragen oder neue Staaten aufgenommen werden sollen. Das ist nicht querulatorisch, wie der CSU in steriler Aufregung vorgeworfen wird, das ist richtig. Denn das Europaparlament, hat das Verfassungsgericht endlich klargestellt, ist nicht vollwertig. Neben dem deutschen Demokratiedefizit klafft ein noch größeres europäisches.

Die Zeit ist reif für eine durchgreifende Demokratisierung. Träumen wir mal. Die Parteien öffnen sich Urwahlen ihres Spitzenpersonals und aller ihrer Kandidaten. Horst Köhler beruft eine verfassungsgebende Versammlung ein, um zu besprechen, was am Grundgesetz zu ändern wäre: Volksentscheide, Direktwahl des Bundespräsidenten, Wahlrechtsreform mit Zugriff der Bürger auf die Rangfolge der Kandidaten auf Parteilisten. Und anderes, Länderfusionen zum Beispiel. Am Ende: Volksabstimmung über die neue Verfassung. Das wird wohl ein Traum bleiben. Eines aber muss durchgekämpft werden: die Rückgabe der Herrschaft ans Volk.

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Ausgabe 31/2009

"Selbst dort, wo Länder dem Volk direkte Entscheidungen zubilligen, wird es mitunter betrogen"

Von Hans-Ulrich Jörges
KOMMENTARE (10 von 22)
 
Administrator (03.08.2009, 14:16 Uhr)
@Aufrufer
Liebe/r Aufrufer,
entschuldigen Sie, aber wir mussten Ihren Beitrag aufgrund des enthaltenen Links entfernen. Ein derartiges Posting müssen wir leider als Werbung einstufen, die laut unserer Regeln nicht zulässig ist.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihre stern.de-Admins
ganzbaf (02.08.2009, 18:50 Uhr)
Klingt für mich...

nach frecher Unterstellung, Tempelhofer ;-p
.
Für mich gilt das jedenfalls nicht. Natürlich würde ich mich Mehrheiten fügen - und dagegen argumentieren, wenn ich anderer Überzeugung bin, Thats all.
Und einmal getroffene Entscheidungen können ja vielleicht auch revidiert werden.
.
Wenn ich mir allerdings die Meinungsmehrheiten in der BRD so ansehe, zB. zu solchen Fragen wie Mindestlohn, Vermögenssteuer, Afghanistankrieg, Tempolimit auf BABs, Nebenjobs für Abgeordete uva so ansehe, gehe ich doch weitestgehend mit diesen Meinungen konform ;-)
.
Das Problem ist Deutschland ist das verhaftete Denken in Parteienkategorien und die Tatsache, das Nichtwählen nicht als Ablehnung "honoriert" wird.
D.h. eigentlicher "Wahlprotest" folgenlos für die Parteien bleibt.
Tempelhofer (02.08.2009, 12:05 Uhr)
@ Atta Troll
Ich verstehe beim besten Willen nicht, dass Leute wie Sie den "Volkswillen" als allein verbindlichen Maßstab erklären, wenn das Volk zufällig das will, was Sie auch gerade wollen.
Entscheidet sich die Mehrzahl der Bürger aber gegen Ihre politischen Positionen, dann gilt der gleiche Maßstab plötzich nicht mehr. Dann ist nur noch die Rede von dummen deutschen Micheln, BLÖD-Lesern, dumme Schafe, usw. Tatsache ist, für Sie ist der Volkswille nur dann von Bedeutung, wenn er mit Ihren Absichten übereinstimmt. Ansonsten ist er irrelevant.
AttaTroll (02.08.2009, 11:56 Uhr)
Unglaublich
Die wenigen Politiker die Politik nach dem Willen des (Wahl)volkes machen wollen, werden von ihren Politikerkollegen und den Medien als "Populisten" verunglimpft. Im Gegenzug bezeichnen die etablierten Parteien ihre permanente Politik GEGEN den Volkswillen (z.B. Afghanistankrieg) frech als "Führungsstärke"
Tempelhofer (02.08.2009, 08:35 Uhr)
@ pitiplatsch
Herr Peter, warum sind Sie nur so böse ?
ganzbaf (01.08.2009, 10:25 Uhr)
Man sollte eine Volksabstimmung darüber initiieren...

ob zukünfig relemäßig Volksabstimmungen durchgeführt werden sollten (-:
.
Schließlich ist schon im Grundgesetz die Rede von "...in Wahlen UND ABSTIMMUNGEN..."
:
Art. 20 GG im Wortlaut
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein DEMOKRATISCHER (=Volk als souveräner Herrscher) und SOZIALER Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht VOM VOLKE aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und (Volks)ABSTIMMUNGEN und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
---
http://de.wikipedia.org/wiki/Volksentscheid
skjold (01.08.2009, 05:03 Uhr)
Den Nagel auf den Kopf
getroffen, Herr Jörges.
Ich hoffe weitere Mitglieder Ihrer Zunft haben auch endlich mal Ihre Fähigkeit zur Erkenntnis und genug Mumm in den Knochen so offen zu schreiben.
Wollen Sie mal einen weiteren Beweis für unsere Scheindemokratie haben?
Ganz einfach:
Versuchen Sie einmal, eine (online) Petition einzureichen.
Thema: Nicht-öffentliche Petitionen abschaffen.
Erstens wird Ihnen gesagt werden, dass Ihre Petition nicht angenommen werden kann, da schon einmal eine solche gestellt wurde.
(Es ist ja nicht so, dass sich bei einem zweiten Anlauf nicht evtl. doch mehr Mitzeichner finden könnten als beim ersten mal)
-Was aber nur die Spitze des Eisberges ist.
Zweitens:
Es kommt noch dicker.
Sie wollen verhindern, dass jemand eine öffentlich Petition zu einem Thema einreicht, zu dem Sie eine ablehnende Haltung haben.
Gar kein Problem: Sie reichen eben diese Petition ein (also eine die das besagte Thema -welches Sie eigentlich ablehnen- BEFÜHRWORTET) und fügen hinzu, dass diese Petition NICHT ÖFFENTLICH sein soll.
Dies hat zwei Effekte:
1.) Niemand kann diese Petition zeichnen, da sie eben nicht öffentlich ist und dementsprechend auch keine Auskünfte über die einreichende Person, noch den genauen Inhalt der Petition verfügbar sind.
2.) Es kann keine Sachgleiche (oder -ähnliche) öffentlich Petition eingereicht werden, da es ja bereits eine entsprechende Petition zu dem Thema gibt.
-Was uns wieder zu 1.) führt.
Wie können Sie sicher sein, dass in der bereits eingereichten nicht-öffentlichen Petition wirklich Ihre Absichten getroffen werden?
Zu diesem Thema hätte ich noch einiges mehr zu erzählen, was ich auch belegen könnte, aber das würde hier wohl den Rahmen sprengen..
Gruß und vielen Dank für Ihre Arbeit!
Pessimist (31.07.2009, 23:44 Uhr)
Die Wahrheit tut weh
Sie bringen es wirklich auf den Punkt, Herr Jörges. Sie empören sich zurecht. Aber es ist ihnen nur einen Zwischenruf wert und solange dieses Thema nicht auf dem Titel erscheint - träumen wir eben schön weiter.
ganzbaf (31.07.2009, 23:10 Uhr)
"Alle 3 Monate werden den Bürgern...
Entscheidungen für Projekte von Bund bis auf Gemeindeebene vorgelegt - zum Einen werden die Bürger in die Mitverantwortung genommen zum Anderen fürchtet man das Votum des Bürgers und somit werden die übelsten Auswüchse (Lobbying) verhindert."
---
Exakt.
Die löbliche Schweiz zeigt das es geht! Und zwar bestens.
Allen Bedenkenträgern zum Trotz ;-)
muzza (31.07.2009, 20:12 Uhr)
Am besten vorgestern
Und zwar richtig:
(1) Allgemeine Abstimmungs- und Wahlpflicht
.
(2) Pflicht zur Beschaffung einer eigenen, steuerlich subventionierten Wahlschnittstelle über die öffentliche Debatten geführt werden
.
(3) Abschaffen der Geheimwahl (Ergebnis ist jederzeit nachprüfbar und muss mehrfach bestätigt werden)
.
(4) Kippen der 5-Prozent-Hürde (etablierte, beschränkte, resultatlose, dirigierbare Machtstruktur wird gelöst)
.
Stufe 0 sollte vielleicht die Gesellschaftliche Ausgrenzung verbieten, es geht aber auch so ganz gut.
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