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27. Januar 2012, 11:15 Uhr

Reich-Ranicki bewegt den Bundestag

Er sprach leise und wirkte angeschlagen. Literaturpapst Reich-Ranicki hat am Holocaust-Gedenktag eine bewegende Rede im Bundestag gehalten. Dabei schilderte er auch seine Zeit im Warschauer Ghetto.

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Der Literaturkritiker und Überlebende des Holocaust, Marcel Reich-Ranicki: Nach seiner Rede herrschte im Bundestag minutenlang Stille© Hannibal/DPA

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat im Bundestag zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz eindringlich von seinen Erlebnissen während der NS-Herrschaft berichtet. Der Zeitzeuge und Überlebende des Holocausts schilderte in seiner bewegenden Rede, wie er als Protokollant einer Sitzung im Warschauer Getto beiwohnte, mit der die Deportation tausender Juden ins Vernichtungslager Treblinka eingeleitet wurde. "An den beiden zum Konferenzraum führenden Türen waren Wachtposten aufgestellt", sagte er. "Sie hatten, glaube ich, nur eine einzige Aufgabe: Furcht und Schrecken zu verbreiten."

Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka habe bis Mitte September gedauert, berichtete Reich-Ranicki weiter. Was die "Umsiedlung" der Juden genannt worden sei, sei in Wirklichkeit die Aussiedlung aus Warschau gewesen. "Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod", schloss der 91-Jährige seine Rede ab. Anschließend herrschte im Bundestag minutenlange Stille, unterbrochen durch verhaltenen Beifall.

Reich-Ranicki war ganz offensichtlich gesundheitlich angeschlagen. Bundespräsident Christian Wulff und der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle, stützten ihn auf dem Weg zum und vom Rednerpult.

Lammert ermutigt zu Engagement gegen Rechts

Zuvor hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in einer Ansprache Bürger gewürdigt, die sich gegen Rechtsextremismus und Neonazi-Umtriebe engagieren. "Es sind Menschen, die ein Beispiel geben und Mut machen", sagte der CDU-Politiker. Lammert erinnerte an die im vergangenen Herbst aufgedeckte Neonazi-Mordserie. Diese Gewalt und dieser Hass seien nicht zu akzeptieren. Der Parlamentspräsident wies auch darauf hin, dass nach aktuellen Untersuchungen 20 Prozent der Bundesbürger latent antisemitisch eingestellt seien. "Das sind in Deutschland genau 20 Prozent zu viel", sagte er.

An der Gedenkveranstaltung nahmen auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) und der Präsident des Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, teil.

Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Am 27. Januar 1945 waren die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit worden. Auschwitz steht für den Völkermord und die Millionen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden. Seit 1996 erinnert auch der Bundestag jährlich in einer Gedenkstunde an die Befreiung des Vernichtungslagers.

mad/DPA
 
 
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