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18. November 2009, 18:59 Uhr

Ski ohne Chichi

Während sich aller Augen auf Vancouver richten, sind wir nach Lake Placid gefahren. Und freuten uns, dass die kleine Stadt im Staat New York auch nach zwei Olympischen Winterspielen ein allürenloser Skiort geblieben ist, an dem es keine Promipartys, aber frost- und trinkfeste Feuerwehrmänner gibt. Von Severin Mevissen

Lace Placid, Skiing USA, Champagner-Schnee, Winterolympiade, Adirondacks, New York

Hauptstraße von Lake Placid© Jürgen Frank/Geo Saison

Tag is up!", ruft Norm und deutet auf eine kleine, rote Flagge, diein etwa 100 Meter Entfernung über dem Eis wackelt: das Signal, dass an seiner Eisangel etwas angebissen hat. Ein Barsch? Eine Forelle? Vielleicht sogar "Champ", das sagen umwobene Seemonster? John, Norms schwergewichtiger Kumpel, setzt sich in Bewegung. "Heart Attack Alley" nennen sie den Weg, den er nun schnell zurücklegen muss, bevor der Fang entkommen kann, und wer einmal in Thermowäsche und Winterstiefeln 100 Meter gelaufen ist, weiß auch, warum. Überraschend behende rennt John über die glatte Oberfläche, und ein bisschen sieht er dabei aus wie ein Eisbär im Tarnanzug. Als er am Loch ankommt, schüttelt er sich auch so. "Entwarnung! Es ist nur der Köder, der noch zappelt", ruft er.

Eigentlich wollten wir jetzt 1400 Meter höher die Pisten des Whiteface Mountain hinunterwedeln, eines Skigebiets, das die Leser der amerikanischen Fachzeitschrift "Ski" zu einem der drei besten der Ostküste wählten: 80 Abfahrten verteilen sich hier auf 115 Hektar; die längsten messen fünfeinhalb Kilometer und bieten mehr als 1000 Meter Höhenunterschied. Lake Placid liegt gerade mal fünf Autostunden von New York entfernt, und seine ausgedehnten Pisten machen es zum idealen Ziel für alle, denen die bekannteren Skiregionen im Westen, in Colorado, Utah oder Kanada, zu weit entfernt sind oder die ihren Winterurlaub mit einer Prise Kultur und Shopping in Manhattan würzen wollen.

Doch mit dem Wedeln wird es für uns erst einmal nichts: Am Morgen frieren uns vor der Hoteltür schier die Nasenflügel an, das Thermometer zeigt minus 35 Grad Celsius. "Bitter" nennen die Einheimischen solche Bedingungen. Auf dem Gipfel herrschen sogar minus 38 Grad. Sehr bitter und zum Skifahren einfach zu kalt. Aber es gibt ja Alternativen. Lake Placid befindet sich mitten im Adirondack State Park, mit fast 25 000 Quadratkilometern der größte Naturpark der USA. Wer mag, kann auf Langlaufskiern oder Schneeschuhen durch die Wälder streifen, sich von Schlittenhunden über Seen ziehen lassen, auf olympischen Eislaufbahnen Pirouetten drehen, gefrorene Wasserfälle besteigen oder - vorausgesetzt, es ist nicht zu bitter - Ski fahren, snowboarden oder einen der umliegenden Gipfel erklimmen. Wer alle 46 packt, darf sich zum Club der Forty-Sixer zählen. Der Rekordhalter, ein Extremsportler namens "Cave Dog", schaffte das in drei Tagen und 18 Stunden. "Crazy Dog" wäre eigentlich der passendere Name, aber egal: Uns ist eh nicht nach Extremsport.

Camps in der Winterwildnis

Stattdessen fahren wir zum Lake Champlain, eisfischen. Eine Stunde östlich von Lake Placid ist es dort mit minus fünf Grad geradezu heimelig warm. Die Pausen zwischen dem Hochschnellen der Signalflaggen vertreiben uns Norm und John mit lokal-kolorierten Schwänken und ordentlich Anglerlatein.

"Ich habe Champ, das Monster, einmal gesehen", versichert uns John nach seinem Sprint. "Im Sommer, am helllichten Tag. Wir fuhren mit einem Zehn-Meter-Boot raus, und plötzlich schwamm etwas neben uns: Es hatte eine Wirbelsäule und war ein gutes Stück länger als das Boot. In fünf Jahren Navy habe ich so etwas nicht erlebt." Fast hätten wir ihm geglaubt, doch irgendwie ließen uns der Zusatz "Wir waren noch nicht mal betrunken" und die Tatsache, dass John seine fünf Marine-Jahre abgekapselt im Torpedoraum eines Atom-U-Bootes gedient hatte, am Wahrheitsgehalt dieser wundersamen Geschichte zweifeln. Erfunden wirken auch die Storys über "the Others", die Anderen: Hört sich ominös an, ein bisschen nach Mysterydrama, bezeichnet aber schlicht alteingesessene, reiche Familien. Die hatten Lake Placid Ende des 19. Jahrhunderts als Spielwiese für sich entdeckt, die Olympischen Winterspiele im Jahre 1932 und 1980 hierhergeholt und haben noch heute das Sagen, wenn es darum geht, ob Häuser, Straßen oder Skilifte gebaut oder Wälder abgeholzt werden dürfen. "Regular Folks" wie Norm & Co., die sich hier ihr Leben verdienen müssen, stößt das manchmal sauer auf, und selbst reiche Promis fühlen sich mitunter durch "die Anderen" gestört: Popstar Shania Twain zog in die Schweiz, nachdem Nachbarn ihr einen Anbau hatten untersagen lassen.

Leider trafen wir keine "anderen, denn die leben zurückgezogen in luxuriösen Blockhütten. Das sind Gebäude, die ungefähr die Grundfläche eines mittleren Bahnhofs haben, sprechende Namen wie "Camp Opeechee" oder "Camp Algonquin" tragen und oft nur per Air Boat zu erreichen sind, einem überdimensionalen Backblech mit Propeller dran, das mit ohrenbetäubendem Lärm übers Eis rast.

Gefunden in

Gefunden in Geo Saison, Dezember 2009, seit dem 18. November am Kiosk, 5 Euro

Seite 1: Ski ohne Chichi
Seite 2: Après-Ski mit Feuerwehrmännern
 
 
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