Sammelduschen, kratzige Decken, knorrige Hausmeister - von wegen. Jugendherbergen sind heute moderne Häuser mit Programm für die ganze Familie. Nur eins ist geblieben: Sie liegen an den schönsten Plätzen Deutschlands.

Gäste der Jugendherberge Bacharach sitzen auf der Terrasse beim Weizenbier, das Rheintal zu Füßen. Die Burg aus dem 12. Jahrhundert schätzen besonders Disneyland-erprobte Japaner und Amerikaner© Frank Wache
Vom Bahnhof ins Mittelalter sind es zehn Minuten. Anfangs noch im Schritttempo, an schiefen Häusern und schiefernen Dächern vorbei, dann geht's mit dem Auto nicht mehr weiter. Nur noch zu Fuß. Sandige Wege, eng geschlungen. Über den Wassergraben führt eine Brücke, unter Schießscharten schlängelt sich ein Gang. Noch ein paar Meter, und man ist angekommen im fast 900 Jahre alten Burghof, dessen Platten die Wärme der Sonne speichern. Hier kann man barfuß laufen. Und kilometerweit schauen. Zu den Füßen liegt das Rheintal, Weltkulturerbe, mit seinen gescheitelten Rebhängen und dem Fluss, der das Licht der Häuserzeilen spiegelt. 22 Euro kostet dieses Panorama - pro Person und Nacht.
Lara und Mark aus Toronto können beides nicht fassen: weder Preis noch Ausblick. Die beiden 24-Jährigen sitzen beim Weizenbier auf Holzbänken im Innenhof von Burg Stahleck, der Jugendherberge in Bacharach. In London, Berlin und Paris sind sie gewesen auf ihrer Reise durch Europa, "aber das hier", sagt Lara und deutet in Richtung der Reben, "das hatten wir nirgendwo". "A real castle!"
Überall, wo Deutschland schön ist, stehen auch Jugendherbergen. Ob als Schiff im Rostocker Hafen, in den Wäldern von Sachsen, am Nordseestrand oder auf tausend Meter Berghöhe. Herrische Herbergsväter, abgestandener Hagebuttentee, kratzige Decken und Sammelduschen am Ende des Flurs? Findet man immer seltener. Häuser von heute bieten Kabelfernsehen und Internet, Seminarräume mit Tagungstechnik. Familien bekommen Kinderbetten, Babyfon und Windeleimer. Gäste buchen online. Fast überall kann man mit Kreditkarte zahlen. Ab 14 Euro gibt es Bett und Frühstück. Das funktioniert, weil 1,9 Millionen Mitglieder im Verband Deutsches Jugendherbergswerk (DJH) organisiert sind und mit ihren Mitgliedsbeiträgen, 15 Millionen Euro jährlich, den Betrieb subventionieren.
Die Burg in Bacharach war ein guter Tipp. Lara und Mark haben sie aus "Rick Steve's Best of Europe 2005", einem Reiseführer für junge Leute mit wenig Geld. In so einem Führer vermerkt zu sein wäre manch anderem Gast-Haus ein paar Tausender Werbebudget wert. Mit Hotelketten kann sich das DJH schon lange messen. Rund zehn Millionen Übernachtungen zählte es 2005, mehr als die Bettenburgen von Ibis und Etap zusammen. Im vergangenen Jahr machte das DJH 265 Millionen Euro Umsatz.
Um sein Netzwerk aus 542 Häusern über die Republik zu spannen, hatte der Verband knapp ein Jahrhundert Zeit: Vor 97 Jahren, im Sommer 1909, fing alles an. Es war die Zeit der Jugendbewegung und der Wandervögel, die Flucht vor Drill und Disziplin der Kaiserzeit in die Natur. Der erste Herbergsvater hieß Richard Schirrmann, ein Lehrer aus dem sauerländischen Altena. Auf Wandertour im Bröltal suchten er und seine Schüler vor einem Gewitter Schutz in einer Schule: "Zwei Klassenzimmer genügen, eins für Buben, eins für Mädel. Die Bänke werden übereinandergesetzt. Das gibt freien Raum für 15 Betten. Jede Lagerstatt besteht aus einem straff mit Stroh gestopften Sack, zwei Betttüchern und einer Wolldecke." Noch im selben Jahr gründete er die erste "Volksschülerherberge" - eine provisorische Unterkunft mit eisernen Bettgestellen. Noch heute gibt es sie, die älteste Jugendherberge der Welt.
Auf der Burg Altena schlafen aber mittlerweile nicht nur Schüler, sondern Familien, Singles, Hochzeitspaare, selbst Hunde sind willkommen - das DJH will seine Häuser fit machen für die neue Zeit. Kinder gibt es weniger, Klassenfahrten werden kürzer, Schulen schließen, vor allem im Osten. Vor zehn Jahren machten Schüler noch die Hälfte der Übernachtungen aus, heute sind es nur noch 40 Prozent. Deshalb investiert das Werk.
Nicht alle Häuser hat das bisher erreicht. Noch gibt es Herbergen des alten Schlags. Mit Sechser-Stockbett-Zimmern, Sperrholzmöbeln und Linoleumböden. Die bestechen dann durch nostalgischen Old-School-Charme - und herzliche Herbergsväter. Karlheinz Nitzschke, 63, ist einer von ihnen. Vor seiner Rezeption in Falkenhain in Sachsen steht ein alter Wohnwagen, der Kiosk. Das Tagesangebot lockt: Pommes und Kaffee. Vom Dach des Wagens baumelt eine Girlande aus bunten Glühbirnen, darunter steht ein Flipper und "Rave Racer" - der Klassiker unter den Autorennsimulatoren. An einem Plastiktisch sitzt ein Mann und trinkt Bier aus der Flasche, sein Bauch drückt gegen den Tisch. "Held der Arbeit" steht auf seinem T-Shirt.
Die Herberge selbst ist dafür ein echter Geheimtipp: Kleine Bungalows verteilen sich am Ufer der Talsperre Kriebstein, es gibt Ruderboote, viel Wald und kaum Menschen. Einige der Hütten sind renoviert, mit Bad, Küche und zwei Schlafzimmern. Nitzschke würde gern mehr solcher Bungalows bauen. Aber ihm fehlen die Mittel. "Zu DDR-Zeiten hatten wir Geld, aber kein Material, heute haben wir Material, aber kein Geld."

Die mittelalterliche Burg Stahleck in Bacharach, hoch über dem Rhein gelegen, wurde 1924 erstmals zur Jugendherberge umgebaut© Frank Wache
Von jährlich rund 40 Millionen Euro, die die 14 Landesverbände des DJH in die Sanierung ihrer Häuser stecken, sieht Nitzschke wenig. Und hat noch Glück. Im Sommer läuft sein Haus gut, nur im Winter macht er dicht; die Mitarbeiter melden sich arbeitslos. Andere Herbergen schließt das DJH gleich ganz, zehn bis zwölf pro Jahr. Um an lukrativeren Orten neue zu bauen.
Auf Sylt steht eine davon, die Herberge "Dikjen Deel" in Westerland wurde im Sommer 2004 eröffnet. Ein Holzhaus in den Dünen, Brandungsrauschen, helle Farben, weite Fenster. Nebenan ein Zeltplatz nur für Jugendliche. Die Nordsee ist in diesem Sommer 23 Grad warm, und wer sich nachts in die Fluten traut, schwimmt mit etwas Glück im Meeresleuchten. "Die Schweinswale kommen ganz nah ran", schwärmt ein Mädchen.
Ein Holzsteg führt zum Badestrand. Die Luft riecht nach Sonnencreme und Sommer. Hier pubertiert die Herbergsjugend. Neckt sich, streckt sich. Erster Kuss, große Liebe. Kummer! Jugendherbergen bleiben Kontaktbörsen, und die Kinder spielen immer noch die Spiele der Eltern, "Tat oder Wahrheit", Flaschendrehen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2006