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8. Juni 2009, 09:20 Uhr

Verloren im Paradies

Er war ein Held des Sommermärchens 2006. Dann ging er nach Sevilla. Seitdem spielt er wenig, kämpft mit Verletzungen und Heimweh. David Odonkor steht vor der Frage, ob es mit Mitte 20 ums Glück geht oder ums Geld. Von Wigbert Löer

David Odonkor, Sevilla, Josep Nogués, Real Betis, Sommermärchen

Sein Haus ist sein Rückzugsort: David Odonkor im Garten (links) und mit Ehefrau Suzan und dem sechs Monate alten Töchterchen Adriana auf der Terrasse© Gunnar Knechtel

Darf er jetzt hoffen? Josep Nogués, der neue Trainer, schreitet über den trockenen Rasenplatz in Sevilla, dirigiert, gestikuliert, redet. Es ist Mitte April, Nogués spricht viel beim ersten Training, auch mit David Odonkor. Dessen alter Trainer hatte nie was zu ihm gesagt.

Sechs Tage später steht Odonkor in der Startelf von Real Betis. Er hofft. Doch für Wochen wird es in der Primera División sein einziger Einsatz von Beginn an bleiben.

David Odonkor war einer der Welpen des WM-Wurfes, das Gesicht des Sommermärchens, kein Techniker und kein Stratege, aber eine Waffe auf der rechten Außenbahn. Unermüdlich und uneinholbar sprintete er im WM-Spiel gegen Polen am 14. Juni 2006 die Linie runter, es lief schon die Nachspielzeit, als Odonkor in den Strafraum flankte - und Oliver Neuville das 1 : 0 für Deutschland schoss. Das Achtelfinale war erreicht und Odonkor ein Held. Einer wie Schweini und Poldi.

An diesem Freitag spielt die Nationalelf gegen China, am Dienstag darauf gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Odonkor ist nicht dabei. Er wird bei Betis auf der Bank sitzen, wieder mal, auch im letzten Saisonspiel der spanischen Liga, und selbst wenn er seinem Klub nicht verpflichtet wäre: Der Bundestrainer braucht ihn nicht. Bei der Europameisterschaft 2008 durfte er noch eine Halbzeit spielen, seitdem nicht mehr. David Odonkor aus Bünde bei Bielefeld ist tief gefallen. Nicht nur sportlich.

Glück oder Gehalt

Was macht ein Fußballprofi, der nicht zurechtkommt, nicht beim Verein, nicht in der Stadt, nicht in dem Land, in dem er lebt? Die Klappe halten und kämpfen? Und an Millionen Menschen denken, die sofort mit ihm tauschen würden? Wie viel Leid muss man aushalten? Geht es mit Anfang 20 ums Glück oder ums Gehalt? Es waren Fragen wie diese, die sich David Odonkor, nach der WM 2006 für 6,5 Millionen Euro aus Dortmund gekommen, plötzlich stellte.

Er lenkt seinen schwarzen Porsche über den breiten Paseo de la Palmera, als er von seinen ersten Wochen in Spaniens Süden spricht. "Zuerst bist du froh, dass ein großer Verein dich haben und auch noch viel bezahlen will. Und dann stehen für das erste Saisonspiel 18 Leute im Kader. Ich war die Nummer 19." Blühende Vorgärten fliegen vorbei, dahinter Stadthäuser und hohe Palmen, Odonkor schaut geradeaus und klingt, als berichtete er vom Beginn eines Horrorurlaubs. "So fing das hier an."

Er war 22, seine Freundin Suzan, eine Ostwestfälin mit italienisch-türkischen Wurzeln, 19 Jahre alt, als sie in Sevilla landeten und gleich auf sich allein gestellt waren. Betis half nicht mal bei der Haussuche. Zwei verlorene, weitgehend orientierungslose Deutsche ohne Spanischkenntnisse begaben sich nun auf den Immobilienmarkt der 700.000-Einwohner-Stadt - leichte Opfer für gewiefte Makler. Zweimal mieteten sie ein Haus, das sich nach Einzug als dauerfeuchte Bleibe erwies.

Schwarze Tage

Das junge Paar fühlte sich einsam und fremd. Betis trainiert in der Regel nur einmal pro Tag, den Spielern bleibt viel freie Zeit. Odonkor aber ist niemand, der sich eine Stadt erobert. Den Alcázar, die berühmte maurische Burganlage neben der Kathedrale, kennt er bis heute nicht. Sevilla mit seinen lauten, lebensfrohen und stolzen Bewohnern hat ihn nie interessiert. Nichts konnte ersetzen, was ihm so sehr fehlte: Freunde, Familie, Bekannte. Die eigene Sprache. "Ich habe mir nicht vorgestellt, was das heißt, im Ausland zu leben", sagt Odonkor, stadtauswärts steuernd. Fernweh hatte er nie verspürt.

Suzan war schwanger, ein Grund zum Glücklichsein, doch im dritten Monat verlor sie das Kind. Odonkor suchte gerade in einem Elektromarkt ein Ladegerät für sein Handy, als der Anruf seiner Freundin kam. "Es war der schwärzeste Tag in meinem Leben", sagt er. Noch Monate später hing ein Ultraschallbild des Ungeborenen neben ihrem Bett.

Wenige Tage nach der schlimmen Nachricht erlitt Odonkor einen Knorpelschaden im Knie. Operation, Gehversuche, Reha in Deutschland. Einzeltraining, Mannschaftstraining. Ein halbes Jahr Pause. Geduld, Geduld, Geduld. Und keine Chance zu tun, wozu er hergekommen war: es zu packen in der neben England stärksten Liga der Welt.

Vaterglück

Die Verletzung brach noch zwei weitere Male auf. In jeder seiner drei Spielzeiten bei Betis stoppte ihn das Knie für mehrere Monate. Für Odonkor ging es um nicht weniger als seine Existenz als Fußballprofi - zwischenzeitlich sah es so aus, als könnte er nie wieder spielen.

Er erreicht die umzäunte Wohnanlage am Rande eines Golfplatzes, in die er schließlich gezogen ist, sieht seinen Mitspieler Edú Schmidt, einen Brasilianer, flachst kurz auf Englisch mit ihm und erreicht dann das rot gestrichene Haus. Oben im ersten Stock hält gerade jemand eine ausgiebige Siesta: Adriana Odonkor, das Töchterchen, im vergangenen November zur Welt gekommen.

Ihr Vater taucht gleich nach Ankunft ein in seine Familie, die an diesem Tag eine Großfamilie ist. Suzans Eltern Turan, 49, und Rita Barka, 46, sind zu Besuch, auch ihre beiden kleinen Brüder Roberto und Leon. Sie hocken am Holztisch und essen. Sie gucken deutsches Fernsehen. Sie kicken im Garten. Als Adriana aufgewacht ist, nimmt Odonkor sie auf den Arm, kommt auf die Terrasse, stemmt sie hoch in den blauen Himmel und lacht sie an, wie junge Väter das so tun, immer wieder, bis Adriana lächelt.

"Ins Paradies vertrieben"

Die Familie ist sein Rückzugsort. Odonkor steht hier nicht im Mittelpunkt, und genau das gefällt ihm: Er ist ein Mensch, der gern einfach nur dabei ist. Zu seinem eigenen Vater, einem Ghanaer, der seine Frau und die vier Kinder früh verließ, hat Odonkor kaum Kontakt. Seinem Schwiegervater hat er zu Weihnachten ein Tattoo geschenkt. Am Abend wollen sie ins Zentrum fahren, Turan Barka wird sich einen Falken stechen lassen.

Fünf Jahre läuft Odonkors Vertrag, drei hat er hinter sich. "Mallorca wäre praktischer gewesen", sagt er, "da gibt es Direktflüge nach Deutschland." Die lange, für das spanische Fußballgeschäft aber nicht ungewöhnliche Laufzeit hatte noch sein erster Berater Kon Schramm ausgehandelt. Trägt er die Schuld daran, dass Odonkor "ins Paradies vertrieben" wurde, wie eine Zeitung damals schrieb?

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 23/2009

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