Weniger Polizei = mehr Sicherheit?

31. Oktober 2012, 18:10 Uhr

Schlägereien in Dortmund, Platzsturm in Düsseldorf oder Angriffe auf die eigenen Spieler - Schreckensmeldungen über Gewalt im Fußball häufen sich, doch Experten warnen vor einer einseitigen Debatte. Von Joel Stubert

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Die treuesten der treuen Fans folgen ihrem Verein überall hin. Wie die VfL-Bochum-Anhänger im Pokal gerne auch nach Havelse.©

Flaschen und Steine fliegen durch die Luft. Die Polizei reitet in die Menschenmenge und greift zum Pfefferspray. Die Bilder erinnern an längst vergessene Vorfälle in und um deutsche Fußballstadien. Das 141. Revierderby zwischen Dortmund und Schalke war nicht nur auf dem Rasen brisant. Es kam zu schweren Ausschreitungen, die auch am Mittwochabend drohen. Dynamo Dresden gastiert in der zweiten Runde des DFB-Pokals bei Hannover 96. Vor ziemlich genau einem Jahr sorgten die Dresdner in Dortmund durch Randale im Gästeblock fast für einen Spielabbruch. Nimmt die Gewalt immer weiter? Wenn ja, kann man ihr Einhalt gebieten?

Acht Verletzte sind am Rande des Revierderbyszu beklagen. Eine Bilanz, über die sich die meisten Veranstalter von Stadtfesten sogar freuen würden. "So viele Verletzte wie in einem Jahr Bundesliga gibt es an einem einzigen Tag auf dem Oktoberfest", sagt Helmut Spahn, Sicherheitschef bei der WM 2006 in Deutschland und jetzt in Katar tätig. 1400 Straftaten wurden auf dem Oktoberfest dieses Jahr registriert, 8400 Wiesn-Besucher mussten medizinisch behandelt werden. Eine Summe, die weit über die Bilanz einer gesamten Fußballsaison hinausgeht. In der Spielzeit 2010/11 waren rund 850 Verletzte in der ersten und zweiten Liga zu beklagen. Gewiss, viel zu viele, doch entsprechen sie nicht der allgemeinen Hysterie rund um die Gewalt im Fußball. "Mich ärgert, dass auf der einen Seite von Tradition und Brauchtum gesprochen wird, auf der anderen Seite von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Daran sieht man, dass es zum Teil auch eine verlogene Debatte ist", so Spahn.

Der Eindruck, die Gewalt im Fußball nehme zu, täuscht

Verlogen ist die Diskussion, weil sie einseitig geführt wird. Ständig wird der Eindruck erweckt, dass die Gewalt im Fußball zunehme. "Doch das kann man empirisch nicht belegen", weiß Professor Gunter A. Pilz von der Universität Hannover. Er beschäftigt sich vornehmlich mit der Erforschung der Fankultur und Gewaltprävention im Fußball. "Aber die Qualität der Auseinandersetzungen hat zum Teil Dimensionen angenommen, die besorgniserregend sind", sagt Pilz und meint damit Übergriffe auf eigene Spieler, wie im Fall Kevin Pezzoni, der vor seiner eigenen Haustür angegriffen wurde, oder Übergriffe von Anhängern auf gegnerische Fanbusse.

Das beste Mittel gegen Gewalt im Stadion ist immer noch ein Dialog zwischen den einzelnen Parteien von Fans, Vereinen und Polizei. "Das ist ganz wichtig und das hat in der Vergangenheit nicht mehr so gut geklappt", erläutert der Fanforscher. "Wenn sich die Vereine zunehmend von den Fans entfernen, darf man sich nicht wundern, wenn sich die Fans auch von den Vereinen entfernen und sich zunehmend verlassen fühlen." Hinzu kämen die von den Vereinen geschürten Erwartungen und die hohen Geldbeträge, die Spieler verdienen, was im Falle einer Niederlage gegen sie ausgelegt wird. Ursachen wie diese münden oft in Gewalt.

Der Dialog ist gefordert

Kommunikation und Dialog, das sind Schlagworte, die man häufig hört, wenn es um die Bekämpfung von Gewalt im Fußball geht. "Erfahrene Kollegen sagen, es dauert vier bis fünf Jahre, bis man wirklich Einfluss auf die Szene ausüben kann", erklärt Sebastian Wallelt vom Fanprojekt Dresden in einem ZDF-Beitrag. Sein Verein stand vor einem Jahr in den Schlagzeilen, als Dynamo Dresden in Dortmund gastierte und die Dynamo-Fans mit der Polizei aneinander gerieten. 17 Verletzte wurden verzeichnet. Die Strafe war damals hart: ein Geisterspiel und 100.000 Euro Strafe für den Verein. Die Geduld aufzubringen, zu warten bis die Maßnahmen greifen, können sich die Vereine nicht leisten. Dafür ist der Druck der Politik zu groß - die will schnelle Resultate. Druck, der auch beim DFL-Sicherheitspapier, das derzeit diskutiert wird, eher zu Problemen führte, weil von den Vereinen auf eine ausführliche Diskussion mit den Fans verzichtet wurde.

Fest steht: Das Thema ist brisant. Mit mehr Sanktionen, höherem Polizeiaufgebot und härteren Strafen kommt man dem Problem nämlich nicht bei. Das betont auch Pilz: "Die Frage ist: Arbeitet die Polizei immer richtig? Je nach Strategie, kommen von 250 bis zu 1000 Polizisten zum Einsatz. Und meistens haben die mit 1000 mehr Probleme." Rund 9000 Fans gelten in Deutschland als gewaltbereit und durch Projekte nicht mehr erreichbar. Angesichts von zirka 17 Millionen Stadionbesuchern nicht viele. "Statistisch gesehen gibt es einen Verletzten pro Bundesligaspiel mit durchschnittlich 45.000 Besuchern", weiß Spahn. Dennoch prägen die Gewaltbereiten die Debatte. Bei ihnen muss die Polizei mit aller Härte durchgreifen, muss Verstöße gegen die Gesetze mit Strafen ahnden.

Konfliktmanager sind eine Lösung

Für den Rest gilt: Weniger Polizei ist manchmal mehr. "Man muss mit den Fans reden, muss sie ernst nehmen und ihnen deutlich machen, wo ihre Grenzen liegen. Ich hoffe auf die Selbstregulierung innerhalb der Szene", sagt Pilz. Einen wichtigen Ratschlag hat er noch: "Man muss mit Konfliktmanagern auftreten, dann werden wir auch bei Risikospielen weniger Probleme haben." In Hannover werden beispielsweise diese Vermittler eingesetzt. Sie sind szenekundig und sorgen dafür, dass die Polizei im Hintergrund agiert.

Ein weiterer Test für dieses Modell dürfte den Hannoveranern beim Pokalspiel gegen Dynamo Dresden bevorstehen. 10.000 Anhänger der Dresdner werden in der niedersächsischen Landeshauptstadt erwartet. Polizei, Ordnungskräfte und Fans können nun also zeigen, was sie schon gelernt haben.

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