In wenigen Tagen entscheidet das olympische Komitee in Singapur über die Vergabe der Olympischen Spiele 2012. Die Weltöffentlichkeit schaut gespannt nach Südostasien, denn sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Von Nils Schmidt

Der Wettbewerb um die Sommerspiele 2012 geht in die letzte Runde© Picture-Alliance
Mit großer Aufregung sehen die fünf Bewerberstädte für die 30. Olympischen Sommerspiele 2012 der 117. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees in Singapur entgegen. Am 6. Juli werden sich dort New York, London, Paris, Madrid und Moskau ein letztes Mal präsentieren, bevor das IOC die Entscheidung über den Austragungsort der Olympiade fällt. 116 seiner Mitglieder küren in mehreren Abstimmungsrunden die Siegerstadt. Darunter befinden sich unter anderem IOC-Präsident Jacques Rogge, 19 Vertreter der Athletenriege und Mitglieder des deutschen Nationalen Olympischen Komitees (NOK).
"Wir befinden uns in der glücklichen Lage, dass zwei unserer Präsidiumsvertreter gleichzeitig abstimmungsberechtigte IOC-Mitglieder sind", sagt der NOK-Sprecher Michael Schirp. Ehrenpräsident Prof. Walther Tröger und IOC-Vize Dr. Thomas Bach werden sich an der Abstimmung in Singapur beteiligen. Schirp betont die sportpolitische Bedeutung dieser Situation für Deutschland, verweist aber darauf, dass die Abstimmung in Singapur allein Sache des IOC sei.

Hinter vorgehaltener Hand gilt Paris als Favorit für Olympia 2012© Jean-Pierre Muller/AFP
Die Basis für die IOC-Entscheidung in Südostasien bildet der bereits veröffentlichte Prüfbericht einer unabhängigen Evaluierungskommission, da den abstimmungsberechtigten Mitgliedern der eigene Besuch der Bewerberstädte verboten war. Hintergrund ist der Bestechungsskandal um die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2002 nach Salt Lake City. Dessen Bewerbungskomitee war mit großzügigen "Spenden" bei über 20 Mitgliedern des IOC erfolgreich auf Stimmenfang gegangen. Für die Vergabe der Olympiade 2012 bereisten deshalb nicht abstimmungsberechtigte Prüfer die Bewerberstädte und stellten in Kombination mit den eingereichten Unterlagen ihren Bericht zusammen. Paris und London erhielten darin Anfang Juni die besten Urteile.
Dieser Bericht werde natürlich auch die Grundlage für die Entscheidung der beiden deutschen Vertreter bilden, sagt Michael Schirp. "Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass der Olympia-Favorit nicht automatisch auch den Zuschlag erhalten muss", erinnert der NOK-Sprecher an die Vergabepraxis des IOC. Im Juli 2001 wurde in Moskau unter Leitung des damaligen IOC-Präsidenten Samaranch über die Vergabe der Sommerspiele 2008 entschieden. Mit 56 Stimmen siegte Peking haushoch, während der Mitfavorit Paris sich mit nur 18 Stimmen noch hinter Toronto platzierte. Auch die Kür von Sydney für die Spiele 2000 war eine Überraschung, da damals wiederum Peking als Favorit galt.

Die Stadt an der Seine hoffte bereits auf die Spiele 2008 - in Singapur wollen es die Pariser diesmal wissen© Jean-Pierre Muller/AFP
Der britische "Daily Telegraph" bewertet den gegenwärtigen Stand so: "Der Wettbewerb um die Ausrichtung der 2012- Spiele ist ein Dreikampf, da sich Madrid zu den Bewerbern Paris und London gesellte. New York und Moskau scheinen zurückgefallen zu sein." Ein Blick in den Report der Evaluierungskommission bestätigt dieses Bild. Während bei Moskau substantielle Infrastrukturprobleme und das Fehlen eines Medienzentrums angemahnt werden, verliert die Kommission zu Paris kein einziges kritisches Wort. Im Gegenteil, die Metropole an der Seine wird für ihr "kompaktes Konzept" und eine "exzellente Beherbergungssituation" gelobt. Auch die französischen Medien sehen Paris in der Favoritenrolle. "Paris liegt im Rennen an der Spitze", meint "France Soir".
In Paris, das mit seinen Kandidaturen für die Spiele 1992 an Barcelona und 2008 an Peking gescheitert war, will man es dieses Mal wissen. Die Stadt hat für die Ausrichtung der Spiele 2,2 Milliarden Euro eingeplant. Wichtige Sportstätten wie das Olympiastadion "Stade de France" existieren bereits. Außerdem setzt Paris auf kurze Wege für die Athleten. Innerhalb von zehn Kilometern sollen alle Wettkampfplätze vom olympischen Dorf aus zu erreichen sein - vom "Aquatic Center" bis zum futuristischen Turnstadion. Paris promotete seine Kandidatur im Rahmen des Tennisturniers French Open und warb bei einem großen Volksfest auf den Champs Elysées für den olympischen Gedanken. "Paris und Frankreich laden die ganze Welt für 2012 ein", sagte Bürgermeister Bertrand Delanoe in Siegerlaune.