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Fußball und Bier statt interessanter Gespräche - der Dating-Horror kluger Frauen

In Zukunft wird es mehr Frauen als Männer mit Uni-Abschlüssen geben. Doch führt der berufliche Aufstieg zu einem Leben voller Einsamkeit? Viele Männer sind dem weiblichen Anspruch nach intellektuellen Gesprächen in der Partnerschaft nicht gewachsen.

Eigenschaften wie Eloquenz und Durchsetzungsstärke bringen Frauen im Beruf nach oben - in einer Partnerschaft sind andere Stärken gefordert.

Eigenschaften wie Eloquenz und Durchsetzungsstärke bringen Frauen im Beruf nach oben - in einer Partnerschaft sind andere Stärken gefordert.

Gut ausgebildete kluge Frauen sollten ihren Lebens- oder Liebespartner auf der oder im beruflichen Umfeld suchen - denn auf der freie Wildbahn des modernen Datings erleben sie nur Horrorgeschichten. Dem britischen Boulevard-Blatt "Daily Mail" klagten gut ausgebildete und umwerfend aussehende Frauen ihr Leid. (We're just too clever to find a boyfriend!) Dating ist ein Minenfeld, jeder Schritt kann das Verderben bringen, entweder weil sie ihren Partner vor den Kopf stößt - oder weil er die Erwartungen der Damen nicht erfüllt.

In Sachen Erwartungen ist Natasha Hooper bereit durchaus Abstriche zu machen. Vor jedem Date stellt sie eine Liste möglicher Gesprächsthemen auf. Der jungen Frau ist bewusst, dass sie mit ihren elitären eigenen Interessen nicht punkten kann. Beim letzten Date entschied sie sich dafür den Politiker Jeremy Corbyn anzusprechen. Politik ist zwar ein gewagtes Thema - doch vor der Wahl sollte der britische Oppositionsführer ein Thema sein, zu dem jeder etwas sagen kann. Dachte Hooper zumindest. Ihrem Date war der Corbyn - "Wer ist denn das?" - vollkommen unbekannt. Umso besser kannte er sich mit Reality-Stars und Fußballern aus. Hooper suchte das Weite. Ihr Dilemma: "Ich bin wirklich nicht Albert Einstein, aber ich finde einfach keinen Mann, den ich intellektuell anregend finde."

Das Drama der Übriggebliebenen

Die Statistik zeigt, dass immer mehr Frauen vor diesem Dilemma stehen. Überall im Westen nimmt die Zahl der Frauen zu, die eine Universität besuchen. In vielen Ländern studieren inzwischen mehr Frauen als . Das bedeutet aber auch, dass es auf dem Dating-Markt einen Überhang gebildeter Frauen gibt. Verschärft wird dieses Problem noch, weil ein Teil der gut ausgebildeten Männer kein Problem mit nicht so gebildeten Partnerinnen hat. In China hat man für die Gruppe der klugen Frauen ohne Mann den wenig schmeichelhaften Namen "Die Übriggebliebenen" gefunden. 

Natasha geht auch die Burschen-Herrlichkeit ihrer Kommilitonen zu weit. Anstatt anregende Gespräche zu führen, wollen die lieber feiern. Deren Welt bestehe nur aus Partys, und Konzerten, klagt die Schönheit. "Einer hat unser Date viermal abgesagt, weil er zu betrunken war." Ihr erster Ausweg führte in Richtung "ältere Herren". Doch dieser Pfad hat auch seine Nachteile, denn diese Männer würden mit ihren Lieblingsthemen rund um Rassen- und Genderproblemen nichts anfangen können.

Handwerker meiden eine Intellektuelle

Becca Porter hat mit 23 Jahren bereits promoviert und muss feststellen: "Das Erfolgsgefühl, das ich beim Lernen empfinde, scheint den meisten Männern fremd zu sein. In der Schule kümmerte ich mich nicht um Jungs, aber ich bin jetzt so weit, dass ich mein Leben mit jemandem teilen möchte."

In ihrer Heimat haben ihre männlichen Altersgenossen meist einen handwerklichen Beruf aufgenommen. Ein Mann lehnte jedes Date ab, weil sie "zu klug" für ihn sei. Zwar überredete Porter ihn dann doch zu einem Treffen, aber es sei ein Alptraum gewesen. Nachdem der Mann bemerkt habe, dass sie studiere, habe er sich nicht mehr getraut, den Mund aufzumachen. "Ich weiß, dass diese Männer mich tief in ihrem Inneren nicht als eine Frau für ein Date ansehen", sagt sie. "Ich habe den Eindruck, dass sie lieber mit einem Mädchen ausgehen würden, das keinen Abschluss hat. Sie wissen nicht, wie sie auf unterschiedlichen Lebenserfahrungen reagieren sollen, und sehen meine Ausbildung als Hindernis."

Von ihren Mit-Studenten aus der wohlhabenden Mittelklasse trennen das Arbeiterkind jedoch die spürbaren Klassenunterschiede und ihr Interesse an Medizin aus einer feministischen Perspektive. "Die glauben sofort, dass ich alle Männer hasse."

Brillant aber allein 

Die 41-jährige Andrea Gould, 41, ist weiter im Leben und auch nicht glücklich. Sie hat zwei Universitäts-Abschlüsse erlangt und resümiert nun, ihr Intellekt habe sie daran gehindert, die Liebe und die Familie zu finden, nach der sie sich sehnte. "Ich war eine hervorragende Studentin, das war für mich ein Hindernis und ein Segen zugleich. Es hat meine Auswahl an Männern enorm eingeschränkt." Im Studium habe es zwei Typen von Männern gegeben. Computer-Nerds und Fußball-Kumpel. Beide hätten nichts mit ihr anfangen können und umgekehrt sei es genauso gewesen. Heute würden die meisten Männer sie schlicht langweilen. 

Dr. Elle Boag, Sozialpsychologin an der Birmingham City University, sagte der "Daily Mail": "Viele Frauen schließen ihr Studium ab und haben dann die Erwartung, dass sie im romantischen Rahmen genau wie in ihrer Karriere durch anregende und hochklassige Gespräche herausgefordert werden." Eine Vision von Romantik, die die wenigsten Männer teilen. Das liegt auch an der Wahl der Studiengänge. Ein Studium im sozialen und künstlerischen Umfeld nährt die Vorstellung, sich mit einem Partner über diese Themen unterhalten zu können. Eine Expertin für Halbleiter-Fertigung und ein Mikrobiologe lernen schnell, dass sie sich über ihren Beruf nur auf Fachtagungen auf Augenhöhe austauschen können. Viele Frauen hingegen erwarten, dass die Gespräche am Küchentisch das Niveau eines intellektuellen Salons erreichen. "Für viele Männer wirkt das einschüchternd, sie fühlen sich von Frauen erniedrigt, die ihnen intellektuell entwachsen sind."

Partnerschaft kein intellektueller Wettkampf 

Andrea Gould besteht jedoch darauf, dass spannende Gespräche nicht zu viel verlangt seien. "Ich bin ja nicht hinter einem Mann mit Geld her. Aber meine Zeit eine Familie zu gründen, läuft jetzt ab und das hinterlässt eine große Leere in mir." Dr. Elle Boag glaubt nicht, dass das Klischee eines ignoranten und dummen Mannes die große Liebe verhindert. Diese tröstende Erklärung würde den Frauen auch kaum etwas nützen. Sie glaubt, dass ihr Stolz auf das Erreichte und die eigene Brillanz den Frauen zum Verhängnis wird. "Heute empfinden Frauen sogar ihr eigenes aggressives Verhalten als eine Form von Empowerment. Dieses Verhalten ist so alltäglich geworden, dass sie es nicht einmal als beschämend ansehen."

Die Basis einer Partnerschaft ist jedoch kein intellektuelles Gesprächsturnier mit harten Bandagen. Vor allem dann nicht, wenn der Partner nur die Leinwand sein soll, auf der die eigene Brillanz projiziert wird. "Ein Uni-Abschluss bringt dich dazu, anders zu denken, aber es macht einen nicht zu einem besseren Menschen. Erfolgreiche Frauen wollen sich immer mehr hervorheben, dabei wären viele besser dran, wenn sie sich etwas mehr in Demut üben."

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