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Die Quandts

Sie sind so vermögend wie diskret. Über Generationen schufen sie ein Imperium, zu dem BMW gehört und noch viel mehr. Eine Familienbiografie schildert erstmals Triumphe und Tragödien im Hause Quandt.

Sie steht auf dem Gang vor dem Zugabteil, elegant und ungeschminkt. Gerade 17. Günther Quandt sitzt drinnen. Feist wie ein Südsee-König. Dick bedeutet, reich zu sein. Zumindest damals, Ostern 1919. Das erste Frühjahr nach dem Ersten Weltkrieg. Der Zug dampft von Berlin in die Nacht, Richtung Westen. Plätze sind knapp. Nur neben Quandt und seinen beiden Begleitern ist noch etwas frei. Reisende minderer Schönheit wehrt das Trio mit einer kleinen Lüge ab: reserviert für den badischen Gesandten. Doch dann kommt das Mädchen. Möchten Sie sich setzen, fragen die sittenstrengen Großbürger und bemühen sich wahrscheinlich, väterlich aus ihren Anzügen zu gucken. »Volles Blondhaar«, erinnert sich der Industrielle Quandt später, »ein gutgeschnittenes, regelmäßiges Gesicht, eine schlanke Gestalt.«

Sie heißt Magda, wird später als Frau Goebbels berühmt und möchte geheiratet werden. Von einem wie Günther Quandt, der im Krieg vom Tuchfabrikanten zum Großunternehmer aufgestiegen ist. Das zählt. Auch wenn er das Resthaar im Bogen über seinen kahlen Schädel kämmt. »Sardellen« nennt Magda die Dinger bald. Schön ist er nicht, aber alles andere als Durchschnitt. In den nächsten 30 Jahren wird Günther Quandt, Nachfahre holländischer Calvinisten und Sohn des brandenburgischen Fabrikbesitzers Emil Quandt, den Grundstein für eines der größten Familienimperien des Landes legen. Für die letzte bedeutende deutsche Industriedynastie. Seine Söhne werden BMW erobern, seine Enkelinnen zählen heute zu den reichsten Frauen Deutschlands.

Die Geschichte

der Familie Quandt ist ein Epos voller Triumphe und Tragödien, mit erschossenem Gatten im Ehebett, Flugzeugabstürzen und Höhenflügen; und KZ-Baracken auf dem Firmengelände, die nach 1945 fast spurlos verschwunden sind. Anders als bei Krupps oder Flicks blieb die Rolle von Deutschlands diskretester Wirtschaftssippe im Nationalsozialismus über Jahrzehnte im Verborgenen. Der Hamburger Autor Rüdiger Jungbluth hat sie nun erstmals durchleuchtet. Die meisten lebenden Quandts brachte er dazu, sich ein wenig zu öffnen. Er wühlte sich durch Archive und Nachlässe. Jungbluth legt offen, worauf sich der immense Reichtum der Familie gründet: auf unternehmerisches Geschick - aber auch auf die Ausnutzung von Menschen und Verhältnissen.

Vieles nahm

seinen Anfang in den Ostertagen 1919, als Günther Quandt Magda begegnet. Sie ist auf dem Weg zurück in ihr Mädchenpensionat in Goslar. Dort kaum angekommen, erhält sie eine Nachricht. Der Mann mit der komischen Frisur bittet, sie aufsuchen zu dürfen. Getarnt als Freund ihres Vaters. Er warte auf Mitteilung, »ob Ihnen mein Besuch erwünscht sei«. Natürlich ist er das. Bei der Begrüßung trägt er mattgelbe Maréchal-Niel-Rosen in der Hand, aber die sind nicht für Magda, sondern sollen die Pensionsmutter gütig stimmen. Günther Quandt kommt mit jedem Regime zurecht. Mit Pensionsmüttern genauso wie mit Diktatoren oder Monarchen, ja selbst mit Sozialdemokraten.

Das alles kann Magda nicht wissen. Vielleicht interessiert es sie auch nicht. Aber dass Quandt selbst die Flitterwochen wegen dringender Geschäfte abbricht? Magda ist lebenslustig, frech und froh. Träumt vom Leben im Luxus, das ihr der Unternehmer bieten kann. Und denkt nicht an den Preis, den sie selber dafür zahlen wird. Der Gatte wird ihr das Frühstücken im Pyjama genauso austreiben wie alles andere, was ihm als Zeichen innerer Haltlosigkeit erscheint.

Für den knapp 40-jährigen Witwer und Vater zweier Söhne ist das Leben Kampf, »Lebenskampf«. Bei ihren Reisen um die Welt sieht Magda mehr Fabriken für Trockenbatterien als Touristenattraktionen. Zu Hause muss sie über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen. »Gelesen und genehmigt, Günther Quandt«, pflegt der Hausherr das Kassenbuch abzuzeichnen. Sie will Spaß, er ein Imperium. Vom »Rausch des Aufbaus eines gewaltigen Konzerns« wird Jahrzehnte später der Staatsanwalt im Entnazifizierungsverfahren sprechen. Aufbau und Zerstörung - davon handelt die Geschichte der Quandts. Die Kriege und Krisen, die Günther dafür braucht, liefert das 20. Jahrhundert. »Krieg«, schreibt Golo Mann, »macht die Starken stärker und die Schwachen schwächer.«

Des einen Untergang ist des anderen Chance. Und als Kapitalist - oder, anders gesagt, als renditeorientierter Anleger - ist Günther Quandt der Konkurrenz um Jahrzehnte voraus. Er ist schon ein Raider, als in Deutschland noch niemand diesen amerikanischen Begriff für gerissene Firmenaufkäufer kennt. »Hast du, bist du was«, bleute ihm Vater Emil ein, der es vom Gehilfen zum Unternehmer gebracht hatte. Früher als andere spürt Günther Quandt, wo das Geld am lohnendsten angelegt ist. In der Hyperinflation setzt er auf Sachwerte statt Geld; entdeckt unterbewertete Firmen auf dem Kurszettel, wie die Accumulatoren-Fabrik AG (Afa), und zeigt den Angsthasen, was eine feindliche Übernahme ist. »Dieser Ankauf erfolgte in geradezu musterhaft diskreter Weise«, notiert er über den Angriff auf das Kapital der Accumulatoren-Fabrik, die später Varta heißt und über Jahrzehnte das Kernstück des Quandt-Reiches bildet. Der 72-jährige jüdische Bankier Carl Fürstenberg leitet den Aufsichtsrat mehr als 20 Jahre lang - bis Günther Quandt kommt. »Mit einer großen geistreichen Rede«, schreibt der, »glaubte Herr Fürstenberg, unsere Wünsche zerstreuen zu können.« Nichts da. Auch wenn der Alte über »derartige Manieren entsetzt« ist - er muss weichen.

Rastlos rafft Quandt

Macht und Besitz. Vor allem solchen, der Wertsteigerungen verspricht. An einem Sonnabend im Juli 1928 bringt ihm ein Putsch gegen die Geschäftsleitung die Kontrolle über die Berlin-Karlsruher Industriewerke, die zu Kriegszeiten Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) hießen und bald wieder so heißen werden. Die traditionsreiche Rüstungsschmiede durchsteht harte Zeiten, seit ihr Stammgeschäft von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs verboten wurde. Aber Quandt wittert, dass Waffen in Deutschland eine große Zukunft haben. 1939 - zehn Jahre später - brüstet sich die DWM in einer Jubiläumsschrift, auch in den schweren Jahren sei die »feste Zuversicht« bewahrt worden, »dass der Wiederaufbruch der Nation nicht mehr fern sei, dass endlich die Zeit kommen müsse, die die Fesseln von Versailles sprengen würde«.

Draußen in der Welt hat Quandts Strategie Erfolg: Er kalkuliert kühl, setzt seinen Willen durch. Daheim, in der Villa am Griebnitzsee, verhält er sich genauso - und scheitert. Seine Frau, frustriert und unglücklich, ist keine 24, als sie zum ersten Mal in Kur fahren muss. Sie leidet, wird krank. Halt gibt ihr nur Günthers Sohn Hellmut; doch der liegt 1927 in Paris nach einer verpfuschten Blinddarmoperation im Krankenhaus. Sein Zustand ist kritisch. »Ihr müsst immer recht lieb zueinander sein«, sagt der Junge zu Vater und Stiefmutter. »Es klang wie ein Abschiedswort«, erinnert sich Günther Quandt. »Ich hatte das Gefühl, wenn Hellmut stirbt, geht unsere Ehe auseinander.« Am nächsten Morgen, sechs Uhr früh, ist Hellmut tot.

Magda und Günther

Quandt reisen nach Philadelphia, Boston, Buffalo, zu den Niagara-Fällen und in die Autostadt Detroit. Nach Kuba - »welch ein gesegnetes Land«, notiert Günther. Dann weiter, immer auf der Flucht vor dem Ehealltag: Curacao, Venezuela, Trinidad, Barbados, Martinique. Es nutzt nichts. Die Ehe zerbricht. Magda ist endlich frei und, dank großzügiger Unterhaltszahlungen, reich. Nur im Kopf, da ist alles leer - viel Platz für Dr. Joseph Goebbels. Die ganz private Verbindung der Quandts zum Nationalsozialismus beginnt, als Magda im Spätsommer 1930 eine Wahlveranstaltung der aufstrebenden Hitler-Partei besucht. Hauptredner ist der Gauleiter von Berlin, Goebbels. Ein verkrachter Kleinbürger mit Klumpfuß und großen Ambitionen. »Magda war entflammt«, berichtet ihre Mutter. Die Tochter will ganz nah bei ihm sein. Wird seine Privatsekretärin. Es dauert nur einige Monate, bis Goebbels in sein Tagebuch schreibt: »Abends kommt Magda Quandt. Und bleibt sehr lange. Und blüht auf in einer berückenden blonden Süßigkeit. Wie bist du meine Königin? (1)« Die in Klammer gesetzte Zahl deutet auf den ersten Sex hin. Bald folgen höhere Ziffern in den Aufzeichnungen: »Sie war gut zu mir. Sie scheucht mir alle Sorgen weg. Ich liebe sie sehr (6,7).« Hitler wird Trauzeuge des ungleichen Paares und kurz darauf Dauergast in dessen Berliner Haushalt, wo Magda ihn bekocht. Wenn das Dritte Reich eine »First Lady« hatte, dann das Mädchen mit dem Blondhaar, das einst Günther Quandt bezauberte.

Der dagegen verkörpert das Establishment der Weimarer Zeit, das sich gegenüber den Emporkömmlingen mit Hakenkreuzbinden behaupten muss. »Herr Quandt kommt zu Besuch. Fließt über vor... Das macht der Sieg«, schreibt Goebbels eine Woche nach der Machtergreifung 1933. Günther Quandt drängt sich den Herren nicht mehr auf als andere, er passt sich nur an - wozu eine Parteispende seiner Afa wohl ebenso gehört wie der Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1933 unter der Mitgliedsnummer 2636406.

Die Geschäfte zwingen eben zu manchem Kompromiss. Und was für Geschäfte das sind! »Militärtuch, Akkumulatoren, Trockenbatterien, Schusswaffen, Munition, Leichtmetall - wer das alles herstellt, heißt mit Recht Wehrwirtschaftsführer«, jubelt die Wochenzeitung »Das Reich« über den Vorzeigeindustriellen. Dem »größten Deutschen aller Zeiten: Unserem geliebten Führer« (O-Ton Quandt) verdankt das Familienimperium kräftiges Wachstum. In Posen hat allein die Halle der neuen Afa-Anlage 42.000 Quadratmeter, in Lübeck baut Quandt einen gigantischen Schießstand, in London zittert Kriegspremier Winston Churchill vor nichts so sehr wie vor den deutschen U-Booten, die mit Strom aus Afa-Batterien angetrieben werden. Die V2, eine mörderische Rakete, soll mit Hilfe von Quandts Batterien den Weg ins Ziel finden. »Rums haut es rein in die ahnungslose Großstadt«, begeistert sich Goebbels.

Im Osten Europas

folgt die Afa den deutschen Truppen, ist bald in Riga, Krakau und Lemberg aktiv. Und plant bereits für Orte, »die noch nicht eingenommen sind«. Quandts Industriereich ist Teil der Vernichtungsmaschine, die Europa samt den Grundlagen seiner Zivilisation zerstört. »Wenn Krieg ist, ist Krieg«, belehrt Quandt einen Mitarbeiter. »Dann müssen wir so handeln, als würde er nie aufhören.« Und das heißt: Der Wert eines Menschenlebens bemisst sich nach seinem Nutzen. Sein Verbrauch wird ebenso kalkuliert wie der von Öl, Blei oder anderen Rohstoffen. Wobei die Nachschublage bei Menschen günstig ist. Rollen doch aus dem Osten beständig Züge mit Zwangsarbeitern heran. In der Batteriefabrik Hagen schuften in den letzten Kriegsjahren mehr als 1.500 Verschleppte. Von den 7.000 Arbeitern im Werk Posen sind mehr als die Hälfte Zwangsarbeiter. Im DWM-Stammbetrieb Karlsruhe steigt ihre Zahl auf über 4.500. »Strenge Zucht und Ordnung« sichert dort nach Einschätzung des Gauarbeitsamtes eine interne Strafanstalt.

Günther Quandt

und sein Sohn Herbert - seit 1940 Afa-Vorstand - tun, was viele Industrielle tun, wie Familienbiograf Jungbluth zu Tage fördert. Bisher kaum beachtete Arbeiten von Historikern der Universität Hannover zum Nationalsozialismus in der Region weisen nach, dass auf dem Gelände der Quandt-Firma in Hannover-Stöcken ein KZ betrieben wird. Auf dem riesigen Grundstück entsteht ein Außenlager von Neuengamme. Im Detail rekonstruierten die Historiker die menschenverachtende Praxis: Bis zu 1.500 Menschen müssen tagsüber in der Batterieproduktion schuften und werden nachts in die Barackenstadt gesperrt. Sechs Reichsmark zahlt die Afa pro Tag für jeden Facharbeiter. Kalkuliert wird der Verschleiß von zwei bis drei Menschen pro Tag. Das Rüstungsministerium hält fest: »Die Afa gab noch an, dass sie mit einer durchschnittlichen monatlichen Fluktuation von 80 Arbeitskräften rechnet.«

Ohne Schutzkleidung

arbeiten die Männer mit den gestreiften Häftlingslumpen in bleiverseuchten Teilen der Produktion. Im KZ nebenan herrscht Terror, ein SS-Obersturmführer lässt die Häftlinge nachts stundenlang stramm stehen oder hetzt Hunde auf sie. Ein Küchen-Kapo verdrischt seine Opfer mit Kabelenden. Öffentliche Hinrichtungen sollen Fluchtwillige abschrecken. Weder Günther Quandt noch die Afa haben sich das perverse Nazi-Konzept der »Vernichtung durch Arbeit« ausgedacht. Aber auch in ihren Fabriken wird es in die mörderische Tat umgesetzt. Nirgendwo findet sich ein Hinweis, dass sich die Quandts persönlich an dem Unrecht beteiligen. Wissen sie nichts davon? Schwer vorstellbar, da doch Herbert Anfang 1945 aus der ausgebombten Berliner Afa-Zentrale in die Nähe von Hannover umzieht. Er ist dem Terror ganz nah. Mit keinem Wort erwähnt Günther Quandt in seinen von Jungbluth ausgewerteten Erinnerungen die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Es sei eine schwere Zeit gewesen - auch für ihn verbunden mit einem »erheblichen Maß an Mehrarbeit«, nicht zuletzt für die »soziale Fürsorge«, schreibt er nach dem Krieg: »Ich kann schon sagen: es reichte.«

Während sein Vater im Krieg seinen Geschäften nachgeht, zieht Harald Quandt an die Front. Im Frühjahr 1941 fliegt der Fallschirmjäger nach Kreta. »Am 20. Mai morgens noch vor Sonnenaufgang starteten wir mit unseren Maschinen«, rühmt er sich in der Afa-Firmenzeitung. »So saßen wir denn mit heißen Herzen in stolzer Zuversicht auf unser Kriegsglück.« Der junge Mann sieht aus, als hätte ihn sein Propaganda-Stiefvater Goebbels erfunden: groß, blond; und er ist lange von keinerlei Zweifeln geplagt. Harald Quandt ist verblendet, aber nicht auf Dauer blind dafür, dass sich das Kriegsglück wendet. Irgendwann ergreifen den stolzen Germanen Fatalismus und Resignation. Der Vorzeigekrieger will sein Leben retten und längst nicht mehr das tausendjährige Reich. »Halt die Ohren steif, Alter«, schreibt er seinem Freund Günter Jacob an die Ostfront: »Es geht um uns.« Das Kriegsende erlebt Harald Quandt in einem nordafrikanischen Kriegsgefangenenlager der Briten. Goebbels schickt ihm vor seinem Selbstmord in der zerbombten Reichskanzlei einen letzten Gruß: »Es ist wahrscheinlich, dass du der einzige bist, der übrigbleibt, die Tradition unserer Familie fortzusetzen.«

Frankfurt am Main,

in den sechziger Jahren. Harald Quandt schlendert über die Party eines Architekten. Eine Journalistin beobachtet ihn: »Zwischen den angeregten heiteren Gesichtern starrte eins, mondbleich, in die Runde, unbewegt, still, mit wässrig hellen Augen.« Ihr schien, als »zucke hinter den wächsernen Zügen ein fernes Wetterleuchten... Harald Quandt, reicher Erbe, Sohn der Magda Goebbels«. Der Krieg hat ihm die Jugend gestohlen. Vielleicht hält er sich deshalb über Jahre einen Fachmann für den Aufbau der 80 Quadratmeter großen Modelleisenbahn in seiner Bad Homburger Villa. Aus Schrubberborsten legen die beiden Weizenfelder an, Hunderte von Häuschen bauen sie, bilden Flüsse nach. Harald konstruiert gar eine Maschine, die im Eisenbahnland den Wechsel von Tag und Nacht simuliert. Das »Haus am Tümpel«, wie er seine Villa wegen des künstlichen Sees nennt, ist ein Tempel des Fortschritts: 52 Telefone, über die sich auch die Musikbox steuern lässt.

Harald Quandt

ist ganz oben. Ein Tausendsassa des Wiederaufbaus. Er sitzt in den sechziger Jahren in rund 25 Aufsichtsräten und Vorständen. Als sein Kumpel Bubi Scholz ihm dessen Neubau in Berlin vorführt, sagt der Boxer: »So toll wie dein Haus ist es natürlich nicht.« Darauf Harald Quandt: »Du hast es dir selbst geschaffen. Ich bin kein Vergleich, ich bin ein Erbe.« Was nur die halbe Wahrheit ist. Harald und Herbert Quandt erben nicht nur den Besitz ihres Vaters - auch dessen Art, Geschäfte zu machen, geht auf die nächste Generation über. Sie sind die Wirtschaftswunderboys der Quandts. Auferstanden aus Ruinen. Aber immerhin aus solchen, die ihnen selbst gehören. Dokumente und Aufzeichnungen, die Biograf Jungbluth aufstöberte, zeigen, wie die Quandts für eine atemberaubende Kontinuität der Geschäfte sorgen, während um sie herum alles kollabiert.

Der Krieg ist keine acht Wochen vorbei, da produziert die Afa Batterien für die britischen Besatzer. Inmitten eines Kiefernwaldes in Bissendorf bei Hannover startet Herbert seine Nachkriegskarriere im zerbombten Deutschland. Gekocht wird auf einem eisernen Ofen, und als Rasierspiegel muss das Trümmerstück eines Flakscheinwerfers herhalten. Wieder profitieren die Quandts vom Kollaps der deutschen Währung: Günther Quandts gigantische Schulden - sein Anwalt sprach von zwölf Millionen Reichsmark im April 1948 - schrumpfen durch die Währungsreform auf einen Bruchteil. Für Fabriken, Immobilien, Lagerbestände gibt es keinen Abwertungssatz.

Herbert legt

sofort los, nur kurz gebremst von Auflagen der Alliierten wegen seiner Kriegsvergangenheit. Vater Günther dagegen - der Wehrwirtschaftsführer - verdrückt sich nach Leutstetten, einem Dorf in der Nähe des Starnberger Sees, und wird erst über ein Jahr nach Kriegsende in Moosburg interniert. »Nur zwei Waschhähne für 100. Jede Baracke 100 im Schlafsaal, keine Waschbecken, keine Rinnen. Der ganze Boden schwimmt. Latrinen ohne Wasserspülung im Hof«, erinnert er sich. Seine Schuhe macht er mit Pappeinlagen passend, der Multimillionär isst aus dem Blechnapf. Und er schreibt Memoiren. Gefärbt und lückenhaft, manchmal falsch - und immer von dem Interesse getrieben, sich als Opfer des NS-Regimes darzustellen. 1933 verbrachte er aufgrund einer undurchsichtigen Intrige einige Wochen in Haft - »Steuersache«, notierte Goebbels damals -; im Entnazifizierungsverfahren jammert Quandt, er sei »von der nationalsozialistischen Regierung jahrelang auf das Schwerste verfolgt worden«. Dabei sitzt er während der Hitler-Jahre im Aufsichtsrat von Daimler-Benz und Deutscher Bank, von AEG und Gerling. Hatte insgesamt 29 Posten inne. Ein Widerstandskämpfer? Das wirklich nicht. Aber eben auch kein glühender Nazi.

Seine Bilanz der zwölfjährigen Barbarei klingt wie ein Geschäftsbericht: Alles in allem hat es sich nicht gelohnt. »Wir wären billiger davongekommen«, schreibt er, wenn die Leute gezwungen worden wären, das Führer-Pamphlet »Mein Kampf« wirklich zu lesen: »Ich mache mir selber den Vorwurf, Hitler nicht ernst genommen zu haben.« Am Ende, so das Urteil der Entnazifizierer, war der große Boss nur »mitgelaufen«. Als Günther Quandt 1954 im Alter von 73 Jahren bei einem Urlaub in Ägypten stirbt, stehen die Söhne bereit. Raider wie ihr Vater. Gegen alle Vereinbarungen mit Bruder Harald kauft Herbert Quandt Aktien des verlustreichen Autobauers BMW. Nichts kann ihn stoppen: »Man stimmt zwar immer, ohne laut und deutlich ja zu sagen, schmunzelnd zu, betreibt aber nach kurzer Pause das Spiel weiter.« Als sich Harald endgültig quer stellt, spielt er auf eigene Rechnung. Der BMW-Generaldirektor muss den Anteilseignern 1959 gestehen, dass alle Reserven und die Hälfte des Grundkapitals verloren sind. »Pfui, Schiebung, Staatsanwalt her«, grölen die Kleinaktionäre. Und: »Steh auf, du Bazi.« Als dann auch noch die Sanierungspläne des Vorstands durch einen Trick gestoppt werden, setzt Herbert Quandt alles auf eine Karte - er übernimmt selbst die Sanierung von BMW. Und gewinnt. 20 Jahre später schreibt er: »Ich habe mich damals durch meine Entscheidung gewissermaßen zu meinem Glück gezwungen.« Schon 1963 zahlt der einstige Pleitekandidat wieder Dividenden. Natürlich vor allem an Herbert Quandt.

Dessen gutzehn Jahre

jüngerer Bruder Harald, Oberleutnant a. D., kümmert sich um die ehemaligen Rüstungsbetriebe, die jetzt den zivilen Namen Industrie-Werke Karlsruhe tragen. Nie wieder Krieg, schworen sich die Deutschen. Nur die Familie Quandt, so der Journalist Wolf Perdelwitz, »versprach überhaupt nichts, ließ sich in aller Stille schon früh einen atomstrahlensicheren Bunker in die Bad Homburger Villa einbauen und hoffte aufs Rüstungsgeschäft«. Mit Landminen zum Beispiel. Mörderische Apparate, die wie die 1958 zum Patent angemeldete DM-31 ein halbes Kilo Sprengstoff und Hunderte Stahlsplitter enthalten. Wenn ein Mensch auf den Auslöser tritt, katapultiert ein kleiner Sprengsatz die Mine auf Bauchhöhe, erst dann zündet die Hauptladung. Die Minen tauchen später in Äthiopien, Angola, Sambia und vielen weiteren Ländern auf. Aber damit hat die Familie nichts zu tun, ihr Unternehmen hat dahin nie geliefert.

Harald raucht,

trinkt gern, spielt Akkordeon und Schlagzeug, ist süchtig nach dem Leben. Nach allem, was er als junger Mann verpasst hat. Einmal taucht die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt sogar bei einer Party in seinem Haus auf. Gunter Sachs, damals ein 25-jähriger Nachwuchsplayboy, meint, das Mädchen Rosemarie hätte nicht mehr Aufsehen erregt, »wenn sie direkt mit ihrem roten Mercedes auf der Tanzfläche vorgefahren wäre«. Die Fliegerei ist eine der Leidenschaften des Ex-Fallschirmjägers; auch nachdem er nur knapp einen Unfall auf dem Airport Zürich-Kloten überlebt. Im September 1967 verlässt ihn das Glück. Eine »Beechcraft King Air« mit Harald, seiner Geliebten und vier weiteren Menschen an Bord stürzt auf dem Flug an die Côte d'Azur ab. Ein Schäfer findet das Wrack mit den Leichen.

Herbert, der Ältere,

ist nun Günther Quandts letzter lebender Sohn. Sein vielleicht größter Coup steht noch bevor: Seit 1969 hält er die absolute Mehrheit der BMW-Aktien. Er entschließt sich, den damals erst 41-jährigen Eberhard von Kuenheim an die Spitze des Autobauers zu stellen. Ein Glücksgriff. Kuenheim macht die Firma - und damit den Quandtschen Besitz - in den kommenden Jahrzehnten immer bedeutender und wertvoller. Herbert Quandt hat das Feld bestellt. Er zieht sich immer mehr zurück. Seine Sehbehinderung prägt den Alltag. Die wenigen Vertrauten empfängt er gern in der Dämmerung; in seiner Welt, in der es keine Farben gibt und kein Leuchten. Als er 1982 stirbt, ist sein Nachlass bis ins Kleinste geregelt. Aus der Unternehmerdynastie wird endgültig eine in mehrere Stämme geteilte Gemeinschaft von Erben, in der - wie bei so vielen anderen - die Interessen unter den insgesamt elf Kindern der Quandt-Brüder mal zusammen und mal auseinander gehen.

Bereits in den

siebziger Jahren beginnt eine Serie von Vermögensteilungen; »blutenden Herzens«, wie Herbert notiert. Die Helden des Wirtschaftswunders stehen plötzlich als raffgierige Kapitalisten da. Besonders der Verkauf von Anteilen des urdeutschen Daimler-Konzerns an kuwaitische Scheichs bringt Mitte der siebziger Jahre böse Schlagzeilen. Überlebensgroße Vorfahren und unermesslicher Reichtum - für manche aus dem Quandt-Clan erwächst daraus eine kaum erträgliche Belastung. Haralds Witwe Inge sagte in einem ihrer seltenen Interviews vor 27 Jahren zum stern: Ihre Tochter Gabi würde »einen doppelten Salto mortale machen, wenn sie den Namen Quandt los wäre«. Inge, die Bubi Scholz in den fünfziger Jahren als »lebensvolle, aufgeschlossene Blondine« erschien, kommt mit ihrem Leben nicht zurecht. Die »schöne Witwe«, so der »Spiegel«, raucht bis zu 100 filterlose Zigaretten am Tag; wird depressiv und nimmt Tabletten. »Sie sagte mir: «Ich bin ja so glücklich»«, erinnert sich die Haushälterin Frieda Smyrek, die schon den Goebbels diente, an ein Telefonat mit Inge, als die ihren Vermögensberater heiratet. »Dann hörte ich ihren neuen Mann im Hintergrund sagen: «Noch».« Wenig später, am Heiligabend 1978, ist Inge Quandt tot. Ihr Mann greift in der Nacht zum zweiten Weihnachtstag zum Revolver, legt sich neben die Leiche seiner Frau und schießt sich in den Mund. Niemand hört den Schuss; erst Stunden später wird er gefunden.

Das breit gestreute Vermögen der fünf Töchter Harald Quandts schätzte das »Manager Magazin« im März 2002 auf 2,5 Milliarden Euro. Herberts Witwe Johanna, die in den fünfziger Jahren als Sekretärin bei der Afa anfing, wäre Deutschlands reichste Frau - besäße ihre Tochter Susanne Klatten nicht noch mehr. Allein fast acht Milliarden Euro sind die BMW-Anteile wert, die sie gemeinsam mit Bruder Stefan hält. Zudem gehört Susanne Klatten die Mehrheit an der Pharmafirma Altana, einem einstigen Nischenanbieter, der jetzt in den Standardwerte-Index DAX aufsteigt. Ihr Bruder Stefan, Deutschlands reichster Junggeselle, besitzt neben BMW-Aktien unter anderem die Holding Delton AG, die gerade bei Thiel Logistik eingestiegen ist. Delton kontrolliert auch den führenden Hersteller von Handy-Ladestationen - der in China für Stundenlöhne von unter einem Euro Geräte zusammenschrauben lässt.

Als 1966

ein ehemaliger KZ-Häftling aus Polen den Batteriehersteller Varta um Lohn für seine Arbeit bei der Afa bat, antwortete das Quandt-Unternehmen: Nach der Erinnerung eines »älteren Mitarbeiters« sei für die Arbeit »ein bestimmter Betrag pro Person an das Lager in Neuengamme gezahlt worden«. Geld bekam der Mann nicht. Jan Philipp Reemtsma, dessen Familie in der NS-Zeit ähnlich erfolgreich war wie die Quandts, bat Varta Ende der achtziger Jahre darum, den Erhalt des KZ Neuengamme als Gedenkstätte zu unterstützen. Reemtsma erhielt einen Scheck über gerade mal 5.000 Mark. Was er für ein Versehen hielt, bis Varta um eine Quittung für das Finanzamt bat.

Der Vergangenheit der Familie im Dritten Reich haben die Erben sich erst in den letzten Jahren erkennbar gestellt. Die familiennahen Unternehmen Altana, Varta und Delton beteiligen sich an der Stiftungsinitiative zur Entschädigung der letzten überlebenden Zwangsarbeiter. BMW ist Gründungsmitglied der Initiative. Harald Quandts Töchter ließen dem stern mitteilen, sie hätten den Fonds mit fünf Millionen Mark aus ihrem Privatvermögen unterstützt. Auf Fragen nach der NS-Verstrickung des Varta-Vorläufers Afa entgegnet der Zweimetermann Sven Quandt, der 1979 bereits mit 23 Jahren Varta-Aufsichtsrat wurde: »Man muss trennen zwischen den Unternehmen und den Privatpersonen. Über unser Engagement als Privatpersonen äußern wir uns nicht in der Öffentlichkeit.«

Es war ein makabrer Zufall, dass Sven Quandt die Familientradition fast eingeholt hätte: Siebenmal hat er an der Rallye Paris-Dakar teilgenommen. Ein Wüstenrennen über mehr als 10.000 Kilometer. 1996 fuhr ein Fahrzeug auf eine Mine. Drei Menschen starben. Sven hatte Glück - er entkam knapp einer Waffenart, die auch im Quandt-Imperium hergestellt wurde.

Das Vermögen

Zum Besitz der verschiedenen Familenzweige gehören heute unter anderem Anteile an:
* BMW, wo Johanna Quandt und ihre Kinder Großaktionäre sind;
* Altana, dem von Susanne Klatten kontrollierten Aufsteiger in den Dax;
* Delton, der Holding von Stefan Quandt, die bei Thiel Logistik eingestiegen ist;
* Varta, an der Sven Quandt und Sonja Quandt-Wolf noch mittelbar beteiligt sind;
* Feri, der Vermögensverwaltung, die zum Teil den Töchtern Harald Quandts gehört.

Stefan Schmitz/print

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