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Wie Ride-Sharing den Nahverkehr revolutionieren soll

"CleverShuttle" bietet in Großstädten günstige Fahrgemeinschaften per App an. Bald gibt es so etwas auch für Taxikunden.

Von Lisa McMinn

Taxi-App: "Clever-Shuttle" bietet Fahrgemeinschaften per Taxi

Per neuer Taxi-App: Shuttle-Fahrer Hubert Morcinek, 62, chauffiert preisbewusste Kunden durch Berlin. Die App zeigt Start und Ziel der gewünschten Tour auf einer Karte.

Es ist ein Sommertag im Jahr 2013, Regen klatscht gegen die Fenster des Zugs, und Jan Hofmann ärgert sich. Gleich muss er seinen Rollkoffer durch die Pfützen nach Hause ziehen. Taxifahren wäre praktisch – ist ihm aber zu teuer. Ob wohl noch jemand in seine Richtung muss? Hofmann mustert seine Sitznachbarn, doch er spricht sie nicht an. Irgendwie macht man das doch nicht, in Deutschland.

So ging alles los, sagt Hofmann heute, Schuljungengrinsen, lockeres Hemd, einer von drei Gründern von "CleverShuttle". Die Idee: Taxis mit Fremden teilen und den Preis gleich mit. Vorausgesetzt natürlich, man will in dieselbe Richtung.

Bald könnte Ride-Sharing in ganz Deutschland angeboten werden

Das sogenannte Ride-Sharing soll den Nahverkehr revolutionieren. Soll den Kunden so individuell transportieren wie ein normaler Pkw und – je nach Strecke – fast so günstig wie ein Bus. Anders als der inzwischen in Deutschland verbotene Chauffeurdienst Uber verfügt CleverShuttle seit Anfang 2016 über eine eigene Pkw-Flotte mit Konzession und arbeitet mit angestellten Fahrern. Rufen kann man sie über eine spezielle App in Berlin, München und Leipzig, bald kommen Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und Dresden dazu – für Taxifahrer eine wachsende Konkurrenz. Der Taxiverband will deshalb nachziehen. Spätestens im September soll das zum Teilen in Hamburg getestet werden. Dort wollen auch Moia, ein Unternehmen aus dem VW-Konzern, und die Hamburger Hochbahn ein ähnliches Konzept ausprobieren. Bald könnte Ride-Sharing in ganz Deutschland angeboten werden.

Eine Probefahrt bei CleverShuttle in . Start und Ziel ins Handy eintippen, angeben, dass man nur einen einzigen Sitzplatz braucht, dann überprüft die App, ob Mitfahrer in der Nähe eingesammelt werden können. Die Fahrt vom Hauptbahnhof nach Schöneberg soll 7,90 Euro kosten, egal, ob jemand zusteigt oder nicht. Mit dem Taxi wäre es doppelt so viel. Bei CleverShuttle setzt sich der Preis aus zwei Komponenten zusammen, einer Kilometerpauschale und einem Fahrgastaufschlag. Je mehr Plätze ein Nutzer bucht, desto mehr bezahlt er. Einen Klick nach der Preisinformation poppt ein Foto auf – in diesem Fall von "Hubert". Der Fahrer sei "immer gut gelaunt" steht darunter, seine Kundenbewertung beträgt fünf von fünf Sternen. 20 Sekunden bleiben, um sich für Hubert zu entscheiden, 20 Minuten soll man warten, bis er kommt.

Hinter CleverShuttle steht ein Großinvestor

Hubert Morcinek, 62 Jahre alt und tatsächlich gut gelaunt, fährt seit vergangenem September CleverShuttle. Vorher chauffierte er Promis in schwarzen Limousinen durch die Stadt, nun steuert er einen E-Nissan. Und er macht es gern, sagt er, denn er bekommt elf Euro die Stunde. Morcinek fehlt eigentlich nur ein Diensthandy, noch nutzt er das Privattelefon. "Das nervt", sagt er, "aber das wissen die Jungs schon."

Die Jungs, das sind seine Chefs, neben Jan Hofmann dessen Schulfreunde Bruno Ginnuth und Slava Tschurilin, zwei BWLer und ein IT-Spezialist. Noch fährt ihr Unternehmen mit gerade mal zehn E-Mobilen durch die Innenstadtbezirke Berlins. Noch haben sie gerade mal 300 Kunden am Tag, am Wochenende sind es mehr. Noch sind sie nicht profitabel. Doch hinter CleverShuttle steht ein Großinvestor. Die Deutsche Bahn hält 19 Prozent, die umweltfreundlichen Autos sollen die Transportlücke zwischen Bahnhof und Zieladresse schließen. Bald steigt auch eine große deutsche Autofirma mit ein.

Wir rechnen mit großem Interesse für die Taxi-App

Müssten die traditionellen Taxiunternehmen da nicht auf die Barrikaden gehen statt mitzumachen? "Wir können uns nicht bei jedem Konkurrenten auf die Hinterbeine stellen", sagt Thomas Grätz, Geschäftsführer des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands. Der größte Interessenvertreter der Branche hat aber entschieden, seine App Taxi.eu aufzupeppen. Im Laufe des Jahres soll eine Erweiterung freigeschaltet werden, die es den Taxiunternehmern ermöglicht, Ride-Sharing anzubieten, in allen 72 Städten, in denen die App bislang genutzt werden kann. "Wir rechnen mit großem Interesse", sagt Verbandsgeschäftsführer Grätz.

Beim Testlauf für das Mitfahr-Taxi in sollen Kunden des dortigen Hansa-Funktaxis sich per Smartphone ein Taxi zum Teilen bestellen können. Anders als bei CleverShuttle werden die Kosten für die gemeinsam zurückgelegte Strecke auf die Fahrgäste umgelegt. Und da der Funk rund 800 Wagen hat, dürfte es nicht selten zu Streckenüberschneidungen kommen – anders als zurzeit in Berlin, wo nur 30 Prozent der Fahrten geteilt werden.

Als Hubert die Tour vom Hauptbahnhof nach Schöneberg bekommt, poppt zum Beispiel nur ein potenzieller Mitfahrer auf, er heißt Lars und steht in Kreuzberg. Doch der Algorithmus entscheidet: kein Match, der Umweg ist zu weit. Lars muss warten, bis Hubert aus Schöneberg zurück ist.

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