Depression

23. September 2003, 10:28 Uhr

Sie lässt den Körper erschlaffen und die Gefühle ersterben. Die Seele versinkt im Dunkeln. Keine andere Krankheit kann so quälend sein. Aber den meisten Schwermütigen wäre zu helfen - wenn ihr Leiden erkannt und richtig behandelt würde.

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Das Ende einer großen Liebe oder der Abschied vom Berufsleben werfen fast jeden für eine Weile aus der Bahn. Bei manchen jedoch markieren solche Umbrüche den Beginn einer lang anhaltenden Depression.©

Stimmungstiefs gehen vorüber, eine Depression hält lange an

Oft sind die ersten Anzeichen der Krankheit unspektakulär: Der passionierte Hobbygärtner schafft es nicht mehr, sich zum Unkrautjäten aufzuraffen, lässt die Setzlinge ungewässert, den Rasen ungemäht. Die Examenskandidatin gerät tagtäglich über den Büchern ins Grübeln und plagt sich mit Versagensängsten. Findet nachts keine Ruhe. Und morgens keinen Mut für den neuen Tag.

Weil so etwas auch bei schlichten "Durchhängern" vorkommt, ist die erste Zeit einer Depression die Zeit der gut gemeinten Ratschläge: Das wird schon wieder. Spann doch mal aus. Und: Reiß dich zusammen! Aber weder Zuspruch noch Mahnung helfen. Stimmungstiefs gehen vorüber, eine Depression hält über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre an. Sie ist weder mit Willensstärke noch allein mit der Hilfe von Familie und Freunden zu vertreiben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO betrachtet das Leiden, das jeden Zehnten irgendwann trifft, als die belastendste Krankheit, der ein Mensch ausgesetzt sein kann. 15 Prozent aller schwer Depressiven ertragen ihre Qualen nicht auf Dauer und bringen sich um. Das sind in Deutschland Jahr für Jahr 7000 Menschen - 60 Prozent aller Selbstmorde.

Selbst wenn die Krankheit fortschreitet, womöglich gar diagnostiziert ist, nehmen viele die Gefahr nicht ernst. "Depressionen werden oft heruntergespielt und irgendwo zwischen Schnupfen und Einbildung angesiedelt", sagt Professor Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dabei sind schon die organischen Auswirkungen dramatisch: Inzwischen wissen Mediziner, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, für Depressive doppelt so hoch liegt wie für andere Menschen. Durch eine hohe Konzentration des Stresshormons Cortisol gerinnt das Blut schneller. Thrombosen und Embolien können die Folge sein. Auch Diabetes tritt häufiger auf. Hinzu kommen Bewegungsstörungen und Libidoverlust. Womöglich auch Impotenz, ein Ausbleiben der Monatsblutung - und Schmerzen. "In der Depression wird jede Empfindung zu einer Missempfindung", sagtHegerl. "Vorher gut zu ertragende körperliche Beschwerden werden unerträglich. Durch Bewegungsarmut, Muskelverspannung, Appetit- und Schlaflosigkeit können während der depressiven Phase zusätzliche Beschwerden wie Rücken- und Kopfschmerzen auftreten." Sogar das Grundgerüst des Körpers wird torpediert: Nach einigen Monaten der Depression kann durch hormonelle Veränderungen die Knochendichte sinken, besonders Männer laufen Gefahr, eine Osteoporose zu entwickeln.

Noch weitaus zermürbender sind die psychischen Symptome. Das "Kompetenznetz Depression", ein Wissenschaftlerverbund zur Erforschung der Krankheit, beschreibt sie als wochenlangen Rückzug, bei dem die Traurigkeit ihren Sinn verliert, Anstoß zur Neuorientierung zu geben: "Statt nachzudenken, verfällt man ins Grübeln. Statt sich zu erholen, ermüdet man durch ständige Zweifel an sich selbst und der Welt." Der Patient erlebe Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, innere Leere, Schuld, Angst und Verzweiflung. Er sei traurig - oder aber unfähig, überhaupt noch Gefühle zu empfinden ("Ich bin wie versteinert."). Depressive "vermeiden soziale Kontakte, stellen Hobbys ein, können ihre Arbeit nicht mehr bewältigen und ziehen sich ins Bett zurück. Die Mimik und Gestik ist bei vielen Patienten wie erstarrt, die Stimme leise und monoton." Mancher versucht, seine Stimmung mit Alkohol und Beruhigungsmitteln aufzuhellen und wird darüber auch noch süchtig. Die seelische Zermürbung kann so weit gehen, dass jemand sich schon überfordert fühlt, wenn er morgens Zahncreme auf die Bürste drücken soll. Dass er, wenn der Pastenstrang von den Borsten rutscht, resigniert alles fallen lässt und ins Bett zurückkehrt.

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