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23. Februar 2012, 19:02 Uhr

Leben retten mit Lego

Plastikgewehre, Bauklötzchen und Monsterpuppen: Aus billigem Spielzeug konstruieren Bostoner Forscher dringend benötigte Medizingeräte für Entwicklungsländer. Von Lukas Schürmann

Lego, MIT, Wissenschaft, Entwicklungsländer

Kein Spielzeug mehr: Analysegerät auf Lego-Basis© Nathan Cooke/chefcooke.com

Als Kind hatte José Gómez-Márquez drei Lieblingsfernsehserien: das "A-Team", "MacGyver" und die Cartoonserie "Transformers" - "weil sich da Dinge in andere Dinge verwandeln", sagt er. Etwas ganz Ähnliches versucht der Forscher derzeit mit seiner Arbeitsgruppe am Massachusetts Institute of Technology (MIT): Er verwandelt Dinge in andere Dinge, wenn auch keine Autos in Roboter. Die Wissenschaftler entwickeln vielmehr medizinisches Gerät für die dritte Welt, aus Alltagsgegenständen - wie Spielzeug.

Für Gómez-Márquez ist das nur logisch: "Spielzeug hat eine unglaubliche Versorgungskette", sagt er. "Egal, wohin man auf der Welt reist, überall findet man einen Nintendo DS, ein ausgefallenes Plastikmaschinengewehr oder eine sprechende Puppe - aber Elektrotechnik oder Laborgeräte sucht man vielerorts vergebens. Deshalb schlachten wir Spielzeug aus."

Neue Bestimmung für alten Kram

Mit Erfolg: Aus einem Miniaturriesenrad und einem Fahrrad wird eine Zentrifuge, die auch ohne Stromanschluss funktioniert; aus hohlen, über Kabel und Schläuche verbundenen Lego-Steinen entstehen Minilabore zur Untersuchung von Flüssigkeiten. Neben Spielzeug wollen die Bastler vor allem lokal verfügbare Ressourcen nutzen: Entsprechend funktioniert der Solar-Autoklav der Gruppe, ein Apparat, der Skalpelle, Reagenzgläser und anderes Gerät reinigt, auch nicht mit teuren Spezialspiegeln, sondern mit den reflektierenden Innenseiten von Kartoffelchipstüten.

Doch welcher Ingenieur baut freiwillig Chipstüten in seine Produkte ein? In Gómez-Márquez' A-Team arbeiten Ingenieure von BMW mit Bastlerlaien zusammen, Designer der renommierten Rhode Island School of Design mit Maurern aus Guinea-Bissau. Das Schöne an der Arbeit mit Laien: "Sie wissen nicht, welche Fragen dumm sind. Manchmal schlagen sie etwas völlig Geniales vor, für das man selbst gern den Ruhm einstreichen würde", sagt Gómez-Márquez. Er selbst habe als Bastler begonnen - die besten Ideen habe man eben nicht in der Doktoranden-Arbeitsgruppe, sondern nachts um 3 Uhr an der Kreissäge zu Hause im Keller.

Finanzierung bleibt schwierig

Bei aller Genialität bringt der Do-it-yourself-Ansatz aber nicht nur Vorteile mit sich: Weil bei vielen ihrer kreativen Ideen und Projekte ein hohes Risiko bestehe, dass sie letztlich ins Leere laufen, ist die Finanzierung der Arbeit nicht einfach. Derzeit fördern die Inter-American Development Bank und die oberste US-Gesundheitsbehörde NIH die Forscher. Um Spielraum zu gewinnen, werde man im nächsten Monat damit beginnen, ein erstes Produkt zu verkaufen, sagt Gómez-Márquez: das Medikit, ein Baukasten für Medizinprodukte.

Es besteht aus verschiedenen Spritzen und Teststreifen, chemischen und elektrischen Bauteilen, aus denen Ärzte und Krankenschwestern individuelle Testgeräte herstellen sollen. Die andere dann nachbauen können: Die farbige Markierung verschiedener Bauteile erlaubt es, erfolgreiche Designs einfach per Foto zu publizieren. Der gleichzeitig auf Diabetes und Schwangerschaft untersuchende Apparat etwa kann damit überall auf der Welt schnell nachgebaut werden.

Ziel der Medikits sei es, so sagt José Gómez-Márquez, den Erfindergeist der Mediziner in der dritten Welt anzuregen. Im Idealfall bauten sich diese später selbst eigene Geräte - wie eine Krankenschwester aus der nicaraguanischen Stadt Jinotepe: Weil sie nicht ständig den Füllstand der Tröpfe ihrer Station habe überprüfen wollen, habe sie sich ein Alarmgerät gebaut. Aus dem Abzug eines Plastikgewehrs.

Übernommen aus ...

Übernommen aus ... ... der Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland"

Von Lukas Schürmann
 
 
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