Es macht stark, es macht aggressiv - und es macht einen kaputt. Anabolika sind ein Teufelszeug. Trotzdem nehmen Zehntausende Jugendliche die künstlichen Muskelhormone. Der stern begleitete einen einsamen Aufklärer.

In seinen Vorträgen zeigt Doping-Bekämpfer Jörg Börjesson tückische Hormontabletten - und Fotos von Bodybuildern, die mit Anabolika ihre Gesundheit ruinierten© Rüdiger Barth
Die Wendeltreppe runter in den Keller, links in das Kabuff, wo keine Luft mehr ist. Wo Jungs wütend Hanteln stemmen und mit den Fäusten in den Hosen zum HipHop wippen. An der Anlage ein kräftiger kleiner Kerl, versunken der Blick, Finger fliegen über die Platten, es ist laut, utzutz, und er scratcht, scratcht, scratcht.
Sie atmen Bässe und Schweiß, die Jungs, und manchmal kommt eines der Mädels rein, befühlt Oberarme und schaut schwerlidrig, als wüsste es was damit anzufangen, und die Augen der Burschen leuchten, vielleicht werden sie niemals mehr so leuchten.
Mittendrin Börjesson. Der ihren lautlosen Feind kennt, es ist derselbe, der ihn fast getötet hätte. Mit ruhiger Hand montiert er Eisenscheiben auf Stangen, führt den Jungen die Gewichte. Trainingsabend im Kölner Jugendzentrum "Offene Tür Ostheim", das sie alle nur OT nennen. Es könnte ebenso gut in Berlin oder Leipzig liegen, überall, wo Wohnblocks einander das Licht nehmen. In der Ecke des Kraftraums liegen Börjessons Poster. Als Kunstwerk aus Muskeln zeigt ihn eines. Ein anderes als Patienten mit geschwollenen Brüsten. Wie schlimm es damals um ihn stand, hat er erst gemerkt, als ihn sein kleiner Sohn fragte: Papa, bist du ein Mann oder eine Frau? Vor drei Jahren die Operation. Fast ein halbes Kilo Gewebe schnitten die Ärzte weg.
Es ist eine Art Kreuzzug, so sieht das Jörg Börjesson, 39, sein entschlossener, verzweifelter Kampf gegen das, was man bei Profisportlern Doping nennt und bei Jungs im Kraftraum - ja, wie? Zehntausende Teenager in Deutschland, so schätzt Börjesson, nehmen Aufbaumittel. Vor allem Jungen aus sozial schwachen Schichten. Die sich jeden Tag zur Begrüßung die Hand geben, ohne sich in die Augen zu schauen, die immerzu breitbeinig herumstehen, die Schultern entfaltet, als müssten sie ihren Platz markieren. Keiner warnt sie vor Anabolika, diesen künstlichen Hormonen, die dem männlichen Sexualhormon Testosteron nachgebaut sind.

Warnendes Beispiel: Jörg Börjesson, 39, erzählt anhand seiner Poster, wie er mit dem Krafttraining begann, wie ihn die Muskelsucht veränderte und wie ihm schließlich Brüste wuchsen© Rüdiger Barth
Die meisten Jungs, sagt Börjesson, fangen als Ergänzung zum Training mit harmlosem Eiweißpulver an, das senkt die Hemmschwelle. Und wenn sie ungeduldig werden, weil ihre Muskeln nicht mehr wachsen, probieren sie ihre erste Anabolika-Kur aus. Es heißt wirklich Kur. Dabei machen die den Körper fertig. Anabolika sind Medikamente, verschreibungspflichtig; trotzdem kommt jeder ran, übers Internet etwa. In billigen 24-Stunden-Studios. Bei Ärzten. Auf der Fibo-Messe.
In Ostheim haben die Sozialarbeiter gemerkt, hier gibt's ein paar Kerle, die haben sich binnen kurzer Zeit unglaubliche Pakete zugelegt, das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. In ihrer Ohnmacht riefen sie bei Börjessons Initiative "Dopingfreies Zentrum" an, baten um Hilfe.
Nun ist er hier. Mit nichts als seiner Geschichte. Die meisten Stammgäste der OT sind gekommen, Bodybuilding, das zieht. Ana nennen sie das Mittel, wie ein Mädchen. Ana kennen alle, auch wenn es die wenigsten nehmen - oder vielmehr, die wenigsten es zugeben. Man weiß das nicht so genau, das liegt an Ana, dass es einem die Arme bläht, ohne dass man dafür ackern muss, und wer gibt schon zu, dass er bescheißt, dass er gar nicht wie ein Wilder trainiert, sondern mit Drogen rummacht?
Hammo gibt es zu. Hammo, 21 Jahre alt, hat schon ein paar Kuren hinter sich. Jetzt trainiert er viermal die Woche, in einem Studio, in dem es keine Freaks gibt, wie er sagt, die richtig breiten Leute. Hammo wird bald ins Gefängnis wandern, für drei Jahre, es wird nicht ganz klar, wofür, scheiß drauf, sagt er, war 'n Fehler, aus Fehlern lernt man doch, oder?
Hammo sitzt oben im Spielzimmer der OT, die Haare über den Ohren ausrasiert, im Gesicht eine Menge Grinsen. Die Tür ist geschlossen. Die erste Kur hab ich mit 18 gespritzt, erzählt er, das war 'ne gute Zeit. Da gibt's Fotos von mir, boah. Wenn du Anabolika nimmst, dann wirste breiter, du schwitzt sofort, kriegst aber auch Pickel, wirst aggressiv. Meine Freundin sagt mir, dass ich dann aggressiver bin. Da kannste aber nix gegen machen.
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Stern
Ausgabe 41/2005