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40. Tokyo Motor Show: Von Öko-Autos und Boliden

Hauptsache extrem: Auf der Tokyo Motor Show zeigen japanische Autohersteller einerseits umweltfreundliche Human-Mobile, andererseits die schärfsten Spritvernichter. Das bedeutet: Die Konzerne müssen in Zukunft mehr denn je einen Spagat hinlegen, um die Kunden zufriedenzustellen.

Von Frank Janßen, Tokio

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Die Tageszeitung Japan Times stimmte ihre Leser am vorigen Dienstag mit einer merkwürdigen Gegenüberstellung auf die Tokyo Motor Show ein, die noch bis zum 11. November läuft: Toyota habe im dritten Quartal 2007 weltweit nur 2,34 Millionen Fahrzeuge abgesetzt und sei damit hinter dem amerikanischen Konkurrenten General Motors (GM; 2,38 Millionen) bloß auf Platz zwei gelandet.

Zwar stimmt es, dass sich die Leistungsfähigkeit beider Konzerne jeweils um die beeindruckende Zahl von neun Millionen verkauften Einheiten pro Jahr bewegt. Daraus ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu konstruieren, ist jedoch absurd. Toyota hat die Marke jüngst überschritten und steht so gesund da wie nie; GM dagegen befindet sich wegen erdrückender Pensionslasten und katastrophaler Fehler im Management im freien Fall. Die Pressekonferenzen beider Riesen auf dem Makuhari-Messegelände spiegelten stattdessen ein ziemlich korrektes Abbild der Verhältnisse wider. GM enthüllte die Rechtslenker-Version des Geländebrummers Hummer H3, der ungefähr so zukunftsweisend ist wie eine Planwagen vom Großen Treck nach Westen, sowie ein neues Modell der Tochter Saab für den japanischen Markt. Mehr nicht. Das Interesse der anwesenden Presse hielt sich deshalb auch in Grenzen - die GM-Hostessen hatten alle Mühe, die Kopfhörer für den Empfang der Simultandolmetscher unters Volk zu bringen. Mitleid war durchaus angebracht.

Sparsames Hybridmodell

Toyota-Präsident Katsuaki Watanabe dagegen konnte sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. In einem zügigen Vortrag stellte er vor vollem Haus neben Serienprodukten ein gutes halbes Dutzend Konzeptautos vor. Sie demonstrieren die Verfassung eines Konzerns, der im abgelaufenen Geschäftsjahr elf Milliarden Euro Überschuss meldete und davon mehr als die Hälfte (rund sechs Milliarden Euro) in Forschung und Entwicklung steckt. Der Name der Studie 1/X soll an Mathematik und Bruchrechnung erinnern - soll heißen: Der vollwertige Viersitzer wiegt mit 420 Kilogramm nur einen Bruchteil aktueller Modelle und verbraucht die Hälfte des ohnehin schon sparsamen Hybridmodells Prius.

Den Umweltgedanken hält auch die Studie RiN hoch. Das knorrige Design des Elektroautos ist an die japanische Zypressenart angelehnt, den Yakusugi-Baum. Das Fahren mit dem RiN soll nicht nur völlig unschädlich sein, sondern sogar zum Wohlbefinden beitragen: Der von Licht durchflutete Innenraum sowie die aufrechte Sitzposition ist als eine Art Wellness-Programm für die Passagiere gedacht. Neben der bekannten Sitzheizung sind auch eine Sauerstoffeinheit sowie ein Luftbefeuchter an Bord. Darüber hinaus zeigt Toyota den Einsitzer I-REAL. Das zierliche Gefährt soll die Mobilität - besonders jene von Senioren - in verstopften Innenstädten erhöhen und möglicherweise schon in fünf Jahren in Serie gehen.

Fieser Crash beim Driften

Gel-artige Konsistenz

Beeindruckend ist auch der Forschungsaufwand beim deutlich kleineren Konkurrenten Honda, wo dank gleichfalls solider Finanzlage rund drei Milliarden Euro Budget zur Verfügung stehen. Vorstandschef Takeo Fukui rollte im Puyo auf die Bühne. Das Brennstoffzellengefährt soll nicht nur den Insassen Freude bereiten, sondern auch der Umwelt ein hohes Maß an Friedfertigkeit signalisieren - allein schon durch die gel-artige Konsistenz der Karosserie-Oberflächen. Der kleine Honda-Sportwagen CR-Z ist der schon sehr seriennahe Nachfolger des erfolgreichen CR-X und kommt mit Hybridantrieb.

Diese Themen - Leistung und Umweltfreundlichkeit - besetzen zunehmend auch die deutschen Hersteller. Audi zeigt in Tokio das Metroproject Concept, einen mit Hybridantrieb ausgestatteten Vorgeschmack auf den "in etwa zwei Jahren kommenden A1", so Vorstand Rupert Stadler. Dann allerdings wohl noch ohne den elektrischen Helfer, der die Bremsenergie speichert und zum Beschleunigen wieder nutzen kann.

Tiefgreifende Emotionen

Bei all dem grünen Anstrich - japanische Hersteller fühlen sich nicht nur dem Umweltschutz verpflichtet, sondern auch den tiefgreifenden Emotionen. Lexus, Nobeltochter des Umweltengels Toyota, zeigt in Tokio neben der Sportlimousine IS-F auch den Supersportler LF-A. Und bei Nissan enthüllte Vorstandschef Carlos Ghosn (sprich: Gohn) den Bollermann GT-R, der von einem Doppelturbo mit 480 PS in 3,6 Sekunden auf Tempo 100 katapultiert wird. Beide Boliden, der Lexus LF-A und der Nissan GT-R, wurden teilweise übrigens in Deutschland entwickelt: Auf der legendären Nordschleife des Nürburgrings wurden ihre Fahrwerke abgestimmt.

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