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Oberklasse Die Mercedes S-Klasse W 140: Der Inbegriff der fetten Kohl-Jahre wird Oldtimer

Der Fahrkomfort setzte Maßstäbe
Der Fahrkomfort setzte Maßstäbe
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Diese S-Klasse war das Auto der Kohl-Ära. Mächtig, zu groß und dem normalen Leben und seinen Maßstäben entrückt. Nun wird die Baureihe W 140 30 Jahre alt und erreicht so den Oldtimerstatus.

Helmut Kohl sagte gern und häufig von sich, sein politisches Kapital sei, dass die Leute von ihm auch einen Gebrauchtwagen kaufen würden. Und wenn es ein Fahrzeug gibt, dass die Zeit von Helmut Kohl symbolisiert, dann die S-Klasse der Baureihe W 140. Die Präsenz des Autos war ebenso imposant wie die Leibesfülle des Kanzlers. Diese S-Klasse war eine rollende Trutzburg, ihre Heimat die Überholspur – jede Form von Bescheidenheit war ihr fremd. Als sie 1991 auf die Welt, hatte die alte Republik den Zenit ihrer Größe erreicht. Die Wirtschaft brummte, die DDR wurde gerade einverleibt.

Es darf ein bisschen mehr sein

Mit Deutschland ging es voran, den Rest der Welt betrachtete man am besten im Rückspiegel des rollenden Statussymbols. Alles war ein bisschen zu fett aufgetragen. Schon die normale Version maß 5,11 Meter und hatte Mühe, in einer Garage unterzukommen. Die SEL-Version (Bezeichnung: V 140) legt noch einmal zehn Zentimeter obendrauf, das gab Bein- und Bauchfreiheit wie in der Businessklasse.

Der Mercedes der Baureihe W 140 sollte alles mitbringen, was damals technisch möglich war. Ganz bewusst wurde diese S-Klasse als Über-Auto konzipiert. Kosten spielten, wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Die Ingenieure folgten den Ansagen des "Mr. Mercedes" Werner Niefer, den Vater der Baureihe W 140, und waren erst dann zufrieden, als die Vorgaben erfüllt waren - buchstabengetreu.

Technische Speerspitze

Natürlich war die Baureihe auch Innovationsträger. Eine verbesserte Karosseriestruktur erhöhte die Sicherheit. Bei den Topmodellen mit Acht- und Zwölfzylindermotoren half die Parameterlenkung beim Rangieren ebenso wie einklappbaren Außenspiegel, wenn es einmal eng wurde. Aber manche Erfindungen zeigten auch überdeutlich, dass hier der letzte Dinosaurier einer dem Tode geweihten Epoche unterwegs war. Elektronische Parksensoren gab es noch nicht. Damit man beim Rangieren ahnte, wo das riesige Fahrzeug zu Ende war, fuhren beim Rückwärtseinparken zwei Peilstäbe aus den hinteren Kotflügeln aus. Natürlich waren die Stangen verchromt. Sie erinnerten aber dennoch an die Gummistangen, die man bis in die 1960er auf den Kotflügeln von schweren Lkw montiert hatte.

Die S-Kasse war ein Monster-SUV in Limousinen-Form. Bei 2,16 Meter Breite mit Spiegeln konnte man den Wagen in Standardgaragen nur verlassen, wenn man geschmeidig wie eine Schlange vom Sitz glitt. Größter Flop: Die S-Klasse konnte nicht nach Sylt, sie war einfach zu breit für den Autozug. W 140 polarisierte. Die "Taz" schrieb wenig überraschend: "Ausgeburt von Ingenieurswahn und Klimakiller-Instinkt". "Auto Motor und Sport" nannte – auch wenig überraschend - die S-Klasse das "beste Auto der Welt".

Abgehoben von der Außenwelt

Diese S-Klasse war eine Burg, die die Außenwelt von den Insassen fernhielt. Die doppelte Verglasung sorgte für eine entrückte Ruhe an Bord. Dazu kam beim 600 SEL ein Sechsliter-Zwölfzylinder mit 300 kW / 408 PS und einem maximalen Drehmoment von 580 Newtonmetern, von denen schon bei 1.600 U/min 500 Nm zur Verfügung standen. Damals bedeute einen 500er fahren noch mindestens acht Zylinder unter der Haube. Auch heute sind für Sammler nur die Modelle mit dem 600er und dem 500er interessant. Der kleinere Achtzylinder des 400er, die Sechszylindern 300 SE, 300 SE 2.8, S 280, S 320 und erst recht die müden Turbodiesel 300 SD, S 300 TD und S 350 TD konnten unter der Haube nicht die Aura einlösen, die diese S-Klasse nach draußen verströmte.

Wo sich heute in den Karosserien alles wölbt und schwellt, herrschte in den frühen 1990ern das Diktat der geraden Linien. Die Baureihe W 140 ist von geradezu erschreckender Aufgeräumtheit. Auch im Innenraum hatten die Designer immer den Grundsatz vor Augen gehabt, dass die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist.

Heute wirkt die in Form gegossene Geometrie-Lehrstunde fast kühl, trotz des verschwenderischen Einsatzes von Holzfurnier und weichem Leder. Der W 140 SEL 600 will nicht unterhalten, er strahlt auch im Interieur die satte Gelassenheit der damaligen Zeit aus.

Bei aller Selbstgefälligkeit war die S-Klasse auch ein Vorreiter in Sachen Recycling: Viele der verbauten Kunststoffbauteile bestehen aus Regranulat, sind markiert, wiederverwertbar und eindeutig gekennzeichnet. Bei der S-Klasse wurde konsequent realisiert, was technisch möglich war. Schon wenige Monate nach Marktstart wurde das klimaschädliche Kühlmittel R-12 gegen die das FCKW-freie Kältemittel R134a ausgetauscht.

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