Ente wird 60 Bauern, Wein und Federvieh

Die Ente war geplant als Auto für ein Entwicklungsland. Platz für zwei Bauern in Stiefeln, plus einen Zentner Kartoffeln und ein Fässchen Wein. Und bot dabei einen korrekten Verbrauch von nur drei Liter Benzin. Eine Liebeserklärung an ein Kultauto.
Von Katja Eden

Es gibt Autos, da fragt niemand, was es denn für eines sei - höchstens ob es eines sei. Und wer in ihnen unterwegs ist, weiß, dass er am Ende der verkehrstechnischen Nahrungskette steht - sogar Fußgänger fühlen sich beim Anblick eines 2 CV (deutsch ausgesprochen ungefähr "döschewo") oder auch Ente genannt wie Goliath. Enten-Fahrer verhalten sich daher wie Motorradfahrer: Vorsichtig! Und sie bestehen auf allem, nur nicht auf der Vorfahrt. Schließlich lassen sich die filigrane Außenhaut und der butterweiche Rahmen falten wie eine Origami-Schachtel. Da werden selbst kleinere Rempeleien zum Gau.

Die Ente ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies, schließlich machen Väterchen Rost und unbarmherzige TÜV-Ingenieure seit 60 Jahren gnadenlos Jagd auf sie. Gerade deshalb muss man sie hegen, pflegen, einfach lieben und immer schön mit Superbenzin füttern. Dann lässt sie immer noch so manche High-Tech-Kiste ganz schön alt aussehen. Denn: Enten-Fahrer kennen alles - Motorschaden, Elektrik-Totalausfall, höhnisches Grinsen und Mitleid - aber keinen Stress und keine Hektik. Denn letztendlich ist der Weg das Ziel.

Nutztier für den Landmann

Dem Bau des 2 CV ging eine lange und turbulente Entwicklungsphase voraus, die bis dahin in der Automobilgeschichte wohl beispiellos ist. Gebaut wurde die Ente nach folgenden Grundkriterien von Pierre Boulangers: Es sollte ein Auto sein, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln, einen Zentner Kartoffeln und ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin verbraucht.

Außerdem sollte es schlechteste Wegstrecken bewältigen können und so einfach zu bedienen sein, dass selbst der ungeübte Fahrer problemlos mit ihm zurechtkommt. Auf dem Pariser Autosalon im Oktober 1948 ging der lang gehegte Traum von Monsieur Boulangers in Erfüllung. Dutzende Prototypen wurden gebaut, bis der Wagen schließlich in allen Details ausgereift war - und mehr als 40 Jahre beinahe unverändert gebaut wurde.

Weitgereistes Federvieh

Ich bin bekennende Entenbesitzerin und zeitweise -fahrerin. Und: Ich liebe dieses Auto! Ich bin mit ihr groß und alt geworden - nicht ganz so alt wie sie jetzt ist, aber den größten Teil meines Lebens wurde ich von Enten begleitet: Als Kind fand ich sie einfach nur lustig, später war sie dann eine preiswerte und praktische Fortbewegungsmöglichkeit für Schüler und Studenten, allerdings durfte man nicht leicht seekrank werden - und musste Zeit mitbringen.

Mein eigenes "Enten-Coming-Out" kam erst spät: Ich tauschte meinen alten Honda gegen das schönste, beste, tollste, faszinierendste Gefährt auf vier Rädern: Eine feuerrote Ente mit stattlichen 27 PS! Sie stammte aus der letzten Produktion aus Portugal und hatte einen weiten Weg hinter sich bis sie endlich bei mir landete. Von Portugal flog sie über Frankreich, Deutschland in die USA (ein GI hatte sie kurzerhand nach Kalifornien mitgenommen) und kam dann wieder zurück. Meine Familie schüttelte den Kopf, aber ich konnte nicht anders: Da stand sie auf dem Hof eines Autohändlers und schien mir mit ihren kreisrunden Scheinwerferaugen geradezu zuzuzwinkern. Ich unternahm eine Probefahrt - und es war um mich geschehen!

Von Berufswegen hatte ich ja dauernd mit Autos zu tun, dies hier war jedoch das absolute Gegenteil von allem, was ich sonst so durch die Gegend bewegte: Keine technischen Helferlein, kein ABS, kein ESP, kein Bremsassistent, keine Airbags, ja nicht mal eine Servolenkung. Servo ist und bleibt ein Fremdwort, denn Enten-Fahrer können sich vor allem in der Stadt an dem mächtigen Steuerrad so richtig austoben - und gleich ein paar Muckis aufbauen. Bi-Xenon-Licht gab es damals nicht und wenn, hätte man keines in einer Ente gefunden. Die Lichtausbeute ist nach wie vor eher auf dem Niveau von zwei Kerzen oder Taschenlampen.

Endloser Kampf gegen Steigungen

Aber: Das Lebensgefühl Ente-Fahren entschädigt für all das! Das Fahrverhalten ist mit Worten kaum zu beschreiben. Die Ente schwankt, rüttelt und schaukelt. Überholvorgänge müssen genau geplant werden und sorgen für den Ausstoß von jeder Menge Adrenalin. In Frage kommen sowieso nur landwirtschaftliche Zugmaschinen oder Lkw und zudem sollte man die Gunst eines kleinen Gefälles nutzen. Die nächsten fünf Minuten darf dann allerdings auch kein Gegenverkehr kommen. Überholen am Berg kann man sofort knicken, ich bin ja schon froh, wenn ich überhaupt einen Berg hinauf komme - vor allem wenn auch noch Beifahrer an Bord sind.

Ein beherzter Griff zum Schaltstock und mit etwas Geduld und dem unüberhörbaren Protest meines geliebten Federviehs kämpfen wir dann gemeinsam diese bösartige Steigung nieder. Herrlich übrigens dieser Schaltstock, weil man so einen durchgehenden Fußraum hat, den man prima mit bunten Teppichen auslegen kann, um einerseits Rostlöcher zu verdecken und andererseits das von unten hoch spritzende Regenwasser aufzusaugen.

Back to the Basics

Doch ansonsten hat die Ente einfach alles, was man wirklich fürs Fahren braucht: Motor, Getriebe, Blinker, Räder, Bremsen und sogar Rückspiegel. Das Platzangebot ist überzeugend! Mein Viertürer bietet reichlich Platz - vor allem nach oben, wenn man das Faltdach, das Beispiel Sardinenbüchse vor Augen, nach hinten gerollt hat. Die mechanische Dach-Öffnung hat allerdings etwas gegen Fingernägel. Aber was soll's: Ist dieser Striptease erst mal erledigt, versöhnt einen das völlig neue Gefühl von Frische und Freiheit.

Während man bei anderen Autos viel Geld locker machen muss, um sie zu individualisieren, ist das mit der Ente vergleichsweise preiswert und unkompliziert: Einfach ein Paar Turnschuhe an die Stoßstange gehangen und ein kleines Michelin-Männchen noch dazwischen befestigt - schon hat man die persönliche Note geschaffen. Und der gestrenge TÜV-Wächter grinst und meint: "Keine schlechte Idee die Turnschuhe, da wird jeder Aufprall noch etwas mehr abgeschwächt". Ob er mich da wohl auf den Arm nehmen wollte? Sei`s drum. Mein Lieblingsauto hat momentan seine tierische Phase: Die Töchter haben zu schwarzer Wasserfarbe gegriffen und das feuerrote Spielmobil in einen knuffigen Marienkäfer verwandelt. Wollen wir hoffen, dass es jetzt nicht zu bald regnet.

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