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Lincoln Towncar: Die US-S-Klasse

Die Amerikaner lieben Luxus und entsprechend ausstaffierte Limousinen. Was den Deutschen seit rund 30 Jahren ihre Mercedes S-Klasse ist den Amerikanern der Lincoln Town Car.

Die Lincoln Town Cars gehören zu den wenigen Eigengewächsen, die sich in den USA derzeit nicht die Reifen auf den Verkaufsgeländen platt stehen. Die Kundschaft der edlen Ford-Tochter Lincoln gilt als durchweg treu und leider gnadenlos überaltert. Wer genügend Geld hat und dies mit der Wahl seines fahrbaren Untersatzes nach außen hin imageträchtig unterstreichen möchte, der kauft sich seit Jahren ein Importmodell - zumeist aus deutscher Produktion. Und wenn schon keine Mercedes S-Klasse, ein Jaguar XJ oder der bei vielen noch beliebtere 7er BMW, dann greift man zumindest zum einem Lexus LS 600h oder einem Luxus-SUV von Porsche, Lexus oder Audi. Kaum jemand unter 65 Jahren hat ein Lincoln Town Car auf seinem Kaufzettel. Dabei hat die edelste Möglichkeit, einen Amerikaner zu fahren, seit Jahrzehnten seinen ganz besonderen Reiz.

Die Bezeichnung Town Car im Hause Lincoln stammt aus den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ähnlich den europäischen Landaulets war das amerikanische Town Car eine Karosserieform, bei dem der Fahrer im Freien saß und steuerte. Die Herrschaften saßen in einem eigenen Fondabteil mit festem Dach und schwelgten in Modellen von Bentley, Mercedes, Duesenberg oder Lincoln in größtmöglichem Luxus. Nach dem Krieg erlebte der Begriff "Town Car" seine Wiederauferstehung in den späten 60er Jahren. Das ehemalige Topmodell Lincoln Continental war mit einer besonders edlen Ausstattung als Sondermodell auf den Markt gekommen und wurde mit dem Zusatz "Town Car" nach außen hin kenntlich gemacht.

Klientel hat sich kaum geändert

Doch erst Anfang der 70er Jahre wurde der Begriff Town Car zum Inbegriff des automobilen US-Luxus'. Elektrische Ledersitze, Klimaanlage, verlängerter Radstand und alle noch erdenklichen Extras bot der Lincoln Continental in der Ausstattungsvariante Town Car bereits ab Werk und wurde so zur Luxuslimousine der Schönen und Erfolgreichen zwischen Detroit und Los Angeles. Hotels drehten Cadillac den Rücken und Banker in New York ließen sich fortan mit einem zumeist schwarz lackierten Lincoln zur Arbeit oder dem kurzen Lunch am Mittag fahren. Im Laufe der Jahre war der Begriff Town Car den meisten weitaus geläufiger als Continental, der kurz darauf verschwand.

Die Automarke Lincoln, von Henry M. Leland und seinem Sohn Wilfried im Jahre 1917 gegründet, ging 1922 in die Ford Motor Company über. Bis Anfang der 90er Jahre wurde unter anderem der jeweilige amerikanische Präsident mit entsprechend gepanzerten Sonderversionen aus dem Hause Lincoln chauffiert. Mittlerweile setzt das Weiße Haus zumeist auf Produkte aus dem General-Motors-Konzern. An Klientel und Anspruch des Lincoln hat sich in den letzten 25 Jahren kaum etwas geändert. Noch immer ist der Town Car - zusammen mit seinem Gegenüber Cadillac DTS - die exklusivste und luxuriöseste Möglichkeit, ein Fahrzeug aus amerikanischer Produktion zu fahren. Gerade in Europa kennen viele den Lincoln Town Car nur als weiße oder schwarze Stretch-Version, doch bereits das Standardmodell gehört zu den längsten Versuchungen auf dem Markt der Serienfahrzeuge. Bereits das Basismodell ist mit 5,47 Meters Gesamtlänge ein gutes Schullineal länger als Mercedes S-Klasse, Audi A8 oder 7er BMW - jeweils als Langversion.

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Hightech sucht man vergeblich

Trotz opulenter Dimensionen und Luxusausstattung bleiben die Amerikaner ihrer Linie treu, das Luxus nicht teuer sein muss. Das bereits exklusiv ausstaffierte Basismodell, der Lincoln Town Car Signature, kostet gerade einmal 46.000 US-Dollar. Dafür gibt es einen seidenweichen 4,6-Liter-V8, 177 kW / 240 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von abgeregelten 180 km/h. Selbstverständlich sind elektrische Ledersitze, Klimaautomatik, Soundsystem und weitere standesübliche Annehmlichkeiten. Noch mehr Luxus bietet der verlängerte Town Car Signature L (5,62 Meter lang) für knapp 52.000 US-Dollar. Dann gibt es Xenonlicht, Sitzheizung vorne und hinten, Keyless Go und 18 Zoll große Alufelgen. Optional wird der Lincoln sogar mit Vinyldach und goldenen Beschlägen angeboten.

Doch so edel die Town Cars auch ausgestattet sind, Hightech sucht man in ihnen vergeblich. Kopfstützen hinten, eine getrennte Klimaregelung, DVD-Entertainment, Xenonlicht, Luftfederung oder gar ein Navigationssystem ist im Serienumfang nicht enthalten. Das Fahrwerk ist butterweich, die Lenkung mit Wohlwollen schwammig zu nennen und die Schaltvorgänge übernimmt eine betagte Viergang-Automatik aus den frühen 80er Jahren. Das 1998 eingeführte und 2003 überarbeitete Grundmodell verfügt immerhin über eine elektrische Heckklappe, eine Einparkhilfe hinten, elektrisch einstellbare Pedale und eine Schließanlage mit Zahlenschloss. Wer will, kann im Town Car nicht nur hinten, sondern auch vorn drei Personen befördern. Einfach die breite Mittelarmlehne nach hinten klappen und man ist - falls gewünscht - zu sechst unterwegs. Zumeist ist eine derartige Limousine jedoch mit einem Fahrer im Volant sowie ein bis zwei Fondpassagieren unterwegs. Oder das wohl situierte Rentnerpärchen sitzt vorne Seit' an Seit' und legt hinten Jacken oder Golftasche ab. Die meisten Kunden wissen scheinbar, wohin es geht. Statt eines standesgemäßen Navigationsbildschirms gibt es im Lincoln Town Car eine klägliche Analoguhr und als Option eine portables Navigationssystem aus dem Hause Garmin. Armes Amerika.

Auf immer und ewig verfallen

Kein Wunder, dass die rund zwei Tonnen schweren Town Cars den Sprung nach Europa oder Asien nicht geschafft haben. Fahrdynamik ist ihnen ebenso fremd wie jegliche Art von Modernität. Die betagten US-Kunden lieben ihre Lincoln-Modelle jedoch ohne Einschränkung und sind ihnen scheinbar auf immer und ewig verfallen. Betrachtet man den Markt der Stretch-Limousinen in den USA, so sind mehr als 70 Prozent Town Cars. Unter den US-Luxuslimousinen haben sie einen noch höheren Marktanteil. Außer dem Cadillac DTS gibt es keine echte einheimische Konkurrenz. So war das Geschrei auch groß, als Ford vor ein paar Jahren überlegte, die Produktion des Town Cars einzustellen. Zwar wurde das ehemalige Werk in Michigan geschlossen, doch wird der Nobel-Lincoln seit kurzem auf den Anlagen von Ford Crown Victoria und Mercury Grand Marquis in Ontario / Kanada produziert. Doch kein Zweifel daran: der Lincoln Town Car ist Kult und das sollte auch noch ein paar Jahre so bleiben. Und wo gibt es automobilen Luxuskult zu diesem Preis heute noch als Neuwagen?

Stefan Grundhoff; press-inform / press-inform

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