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Reportage: Essen Motor Show: Prall wie nie zuvor

Mitten im Jammertal von steigenden Spritpreisen und Tempo-Diskussion kuschelt sich die Vollgas-Gemeinde warm zusammen und freut sich über die zwei Konstanten im Tuning-Universum: Schnelle Autos und schöne Frauen.

Wir schreiben das Jahr 2047. An einem warmen Novembertag fahren wir in unserem Brennstoffzellenauto an ganz vielen Windrädern vorbei Richtung Autobahn, zahlen brav unsere Mautgebühr und lassen uns vom Autopiloten zur 80. Essen Motor Show kutschieren. Da holen wir uns dann breitere Energiespar-Reifen, ein schickes Holo-Navigationssystem und das neueste Retro-Soundmodul mit V8-Klang. Denn unser Zero-Emission-Flitzer darf alles sein, nur eins nicht: Genauso wie alle anderen.

Doch noch zeigt der Kalender natürlich 2007. Und die Essen Motor Show ist erst für 40 Geburtstagskerzen gut. Doch sie steht da wie ein Fels in der Brandung. Die Tuning-Industrie hat in Deutschland laut Branchenverband VDAT im letzten Jahr 4,6 Milliarden Euro umgesetzt. Gegen die Spritpreise scheint ein getuntes Auto immun zu sein: Der Trend zu mehr PS bleibt ungebrochen. Das Leistungsplus wird bei vielen Tunern sozusagen stillschweigend vorausgesetzt. Im Rampenlicht steht die Optik – und die darf in diesem Jahr so prall sein wie nie zuvor.

Das beste Beispiel dafür ist das Thema Räder. Da jeder Hersteller mittlerweile ab Werk fette Felgen anbietet, müssen Tuning-Räder eben noch krasser aussehen. Goldene Felgen von Oxigin kann man in Essen genauso bestaunen wie Barracuda-Räder mit farbigem Rand oder Hankook-Reifen in grellem Orange.

Schwarz-gold mit 720 Pferden

Selbst bei manchen großen Marken-Tunern ist Unicolor zurzeit out. Audi-Tuner Abt präsentiert einen veredelten R8 mit einer wuchtigen Frontschürze, die zum Teil aus rotem Sichtcarbon besteht. Auch der Abt S5 kommt mit einer zweifarbigen Lackierung daher. Selbst dem Tiguan haben die Veredler aus Kempten farblich abgesetzte Radläufe verpasst – allerdings in dezentem Grau.

Ein gesundes Selbstbewusstsein braucht man dagegen im Carlsson Aigner CK65 RS: Das Geschoss auf Mercedes CL-Basis trägt eine gewagte schwarz-goldene Zweifarblackierung zur Schau. Falls man sich dafür doch einmal schämen sollte, kann man sich dank der 720 PS nach 3,9 Sekunden mit 100 Km/h aus der Affäre ziehen. Bei 320 Sachen wird abgeregelt, damit der Fahrer keinen Pilotenschein braucht.

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Auch die Autohersteller geben sich farbenfroh. Ford zeigt in Essen zum ersten Mal den facegelifteten Focus ST - und das in gewohnt knalligem Orange. Das Gegenstück zu dieser 225 PS-Asphaltfräse ist der Focus ECOnetic, der mit einem 109 PS starken Turbodiesel nur 115 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt.

Knuddel-Autos mit dicken Backen

VW bleibt farblich zwar beim schon von anderen Messen bekannten Weiß und Blau, präsentiert in Essen aber einen aufgemotzten Golf Variant. Der RaVe 270 ist mit 270 PS satt motorisiert - doch noch satter ist die 1400 Watt starke Soundanlage mit Suppenteller großen Boxen im Kofferraum. Dazu schwenken zwei 12-Zoll-Monitore aus der Decke. So etwas gehört in der MTV-Serie "Pimp my Ride" zwar zum Standardumbau, aber wer schaut das schon in Wolfsburg.

Auch Fiats Knutschkugel Cinquecento kommt in Essen nicht ungetunt davon. MS Design aus der Schweiz bietet einen kompletten Bodykit für den neuen Fiat 500 an. Wer es lieber elegant mag: Handgefertigte Leichmetall-Drahtfelgen von Borrani verleihen dem 500 eine besondere Note.

Ein anderer Autozwerg bekommt dicke Backen: Lorinser zeigt das Smart Fortwo Cabrio Speedy – tiefer, breiter und mit 104 PS auch etwas stärker als das Basismodell. Der Tuning-Verband VDAT hat ebenfalls seine Liebe zum Kleinwagen entdeckt: Der Brabus-Smart Ultimate 112 im Streifenwagen-Look soll für Sicherheit beim Tuning werben.

Moralische Unterstützung

Neben all den Neuheiten gibt es bei der 40. Essen Motor Show auch jede Menge altes Eisen zu sehen. Einige Hallen sind mit Old- und vor allem Youngtimern geradezu voll gestopft. Auch Fans amerikanischer Klassiker kommen auf ihre Kosten: Immer wieder sieht man funkelnde alte Mustangs, top-restaurierte Muscle Cars oder extrem getunte Hot Rods.

Das Jubiläum feiert man auf der Show neben vielen Veranstaltungen auch mit Sonderausstellungen. Eine davon zeigt Designstudien diverser Autohersteller. Eine andere legendäre Rennwagen – zum Beispiel einen Lotus-Flitzer von Jim Clark oder Schumis Sieger-Ferrari aus der Formel 1-Weltmeisterschaft von 2000.

Eins wird sich übrigens auch bei der 80. Essen Motor Show im Jahr 2047 garantiert nicht ändern: Viele Autos bekommen zur moralischen Unterstützung (mindestens) eine nette Dame zur Seite gestellt, bei der es bekleidungsmäßig gern etwas knapper zugehen darf.

Schon 2007 ist aber auch für die weiblichen Messe-Besucher (doch, die gibt es) vorgesorgt. Der "Ladies Corner" mit Kaffeebar, Info- und Kinderspielecke sowie Internetzugang und Entspannungsbereich soll das schwache Geschlecht beschäftigen, damit das starke Geschlecht beim Anblick der Autos in Ruhe schwach werden kann.

Sebastian Viehmann / pressinform / PRESSINFORM

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