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VW Passat: Nicht alles neu, aber alles besser

Er ist Dienstwagen und Dauergewinner, Pampers-Bomber und Biedermann. Seit 37 Jahren fährt der VW Passat auf der Pole Position in der Mittelklasse und beglückte bislang über 15 Millionen Kunden in 100 Ländern. Nun tritt Generation sieben an - und dürfte die Konkurrenz erneut deklassieren.

Von Michael Specht

Ein leichter Tritt in den Hintern zeigt bisweilen Wirkung - auch bei Autos. Es genügt, seinen Fuß unter den hinteren Stoßfänger zu schwingen, schon öffnet der Kofferraumdeckel. Wer jemals eine Kiste in den Händen hielt, aber den Schlüssel noch in der Hosentasche hatte, weiß diese höfliche Erfindung zu würdigen. Man fragt sich, warum eigentlich nicht schon früher jemand darauf gekommen ist.

Das Easy Open, wie VW es nennt, ist nicht das einzige Feature, das die Wolfsburger Autobauer dem neuen Passat mit auf den Weg gegeben haben. Die mittlerweile siebte Auflage des Millionensellers steckt bis unters Dach voller Hightech - natürlich nur, wenn die Extraliste komplett geordert wird. Wenn der Fahrer ermüdet, ermahnt ihn der Computer. Passt er einen Moment nicht auf, bremst der Computer. Überfährt er unbeabsichtigt eine Linie, lenkt der Computer. Will er ein- oder ausparken, übernimmt dies der Computer. Weiß der Fahrer nicht, wie schnell gefahren werden darf, zeigt ihm dies der Computer. Insgesamt 19 neue Sicherheits-, Assistenz- und Komfortsysteme kann der Ku^nde für den neuen Passat mittlerweile wählen. Es sieht so aus, als wolle VW der Konkurrenz mal wieder zeigen, wo im Automobilbau der Hammer hängt. "Unser Ziel war es, Innovationen aus der Oberklasse in die Mittelklasse zu bringen", sagt Entwicklungschef Ulrich Hackenberg. Kein anderer Volumenhersteller kann das so wie Volkswagen.

Nicht alles ist neu, aber alles ist besser

Auch optisch passt sich der neue Passat der Oberklasse an, in diesem Fall dem Flaggschiff Phaeton. Die Front erhielt das horizontale und stärker profilierte Familiengesicht, die gesamte Karosserie wurde "geschärft", wie Designchef Klaus Bischoff es beschreibt. Und endlich hat auch jemand den Passat von seinen schrecklichen Rückleuchten befreit. Bis auf das Dach sind alle Blechteile neu. Belassen hat man lediglich die Grundarchitektur (Antriebsplattform und Fahrwerk), so dass Kritiker nicht von einem komplett neuen Modell, sondern nur von einer umfangreichen Modellpflege (Facelift) sprechen. Ähnliches wurde auch vom Golf VI behauptet. Richtig ist das schon, doch dem Kunden kann es letztlich egal sein. Er bekommt mit dem neuen Passat ein in allen Punkten optimiertes Auto. Hackenberg: "Wir sind bis in den hintersten Winkel des Autos gekrochen und haben jedes Detail hinterfragt."

Bestwerte beim Verbrauch

Auffällig wird dies im Innenraum. Verarbeitung und Materialien im Cockpit liegen auf Oberklassenniveau. Die Analoguhr in Armaturenbrettmitte soll ein wenig Phaetonfeeling verströmen. Auch in Sachen Geräuschentwicklung und Fahrkomfort haben die Wolfsburger Ingenieure nochmals nachgelegt. Nie war ein Passat leiser, nie rollte er komfortabler ab. Lenkpräzision und Kurvenverhalten liegen auf hohem Niveau. Alles funktioniert mit einer solch subtilen Geschmeidigkeit, dass man glaubt, nicht mehr in einem Mittelklassemodell zu sitzen. Und dies sogar unabhängig von der Motorisierung. Wir fuhren in einem ersten Test den Zweiliter-Diesel mit 140 PS (ab 28.025 Euro), zu Recht der meist verkaufte Antrieb im Passat. Durchzugsstärke und Laufruhe sind vorbildlich. Gleiches gilt für den Verbrauch, den VW mit 5,2 Litern, mit BlueMotion Paket sogar mit nur 4,6 Litern angibt. Wer es noch niedriger haben will, muss den 1,6 TDI Blue Motion mit 105 PS wählen, der die Limousine mit 4,2 Litern zum sparsamsten Passat aller Zeiten macht.

Schade nur, dass bei so viel Engagement und Liebe zum Detail das Sitzkonzept im Fond etwas zu kurz gekommen ist. Beim Variant, bei uns mit rund 90 Prozent Anteil der absolute Liebling, müssen noch immer recht umständlich die Sitzkissen hochgeklappt und die Kopfstützen aus den Lehnen gezogen werden, möchte man den Laderaum von 603 auf 1731 Liter maximieren. Ärgerlich, mit diesem Manko wird jeder Variantbesitzer regelmäßig konfrontiert. Ein Tribut an die alte Bodenstruktur. Sie wird erst in drei Jahren verschwinden - wenn VW den Passat Nummer acht an den Start schickt.

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