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VW Touareg: (V)olks-(W)ühler

Wenn Autohersteller vom perfekten Kompromiss sprechen, lohnt es sich immer, nochmals genauer hinzuschauen. Wir haben auf einer Teststrecke bei Barcelona dem VW Touareg auf den Zahn gefühlt.

Wenn Autohersteller vom perfekten Kompromiss sprechen, lohnt es sich immer, nochmals genauer hinzuschauen. Wir haben auf einer Teststrecke bei Barcelona dem Offroad-Sportwagen-Mischling VW Touareg auf den Zahn gefühlt.

Wie ein klobiges Gelände-Ungeheuer wirkt Volkswagens nächstes Prestige-Objekt wahrlich nicht. Eher schon wie ein Phaeton-Kombi auf Stelzen. Langweilig, werden Kritiker jetzt sagen - zeitlos schön deren Kontrahenten. Die Wahrheit liegt - wie immer - irgendwo dazwischen. Offensichtlich ist jedoch, daß man in Wolfsburg ganz bewusst darauf verzichtet hat, das gute Stück mit Offroad-Zierrat zu verunstalten. Nicht einmal eine sichtbare Antenne wurde dem neuen Volkswagen verpasst.

Offiziell beruht die designerische Zurückhaltung auf der Tatsache, dass auch ein hochbeiniges Spaßmobil ins VW-Bild zu passen hat. In ein VW-Bild, das sich freilich mehr am Phaeton als am Golf orientiert.

Weichspül-Karosserie

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Groß ist die Offroad-Sportwagen-Lifestyle-Mischung allemal: Bei einer Höhe von 1,7 Metern ist er stattliche 4,7 Meter lang. Damit überragt er viele seiner Mitbewerber mühelos - und wirkt dennoch erstaunlich kompakt. Dafür sorgen unzählige Design-Tricks, die der jüngste Wolfsburger natürlich vom großen Bruder Phaeton gelernt hat. Harte Ecken und Kanten sucht man beim Touareg vergebens. Statt dessen sind alle Flächen der Karosserie leicht gewölbt und immer wieder von schwungvoll gezeichneten Linien durchbrochen. Bestes Beispiel: die wuchtige Motorhaube mit den zu den Kotflügeln abgesetzten Scheinwerfern.

»Das Beste aus drei Welten«

Was VW mit dem Touareg im Schilde führt, ist nicht schwer zu durchschauen. Das SUV (Sports Utility Vehicle) soll aus dem Stand die Spitze des Marktsegments erobern, in dem es »das Beste aus drei Welten bietet«, tönt es selbstbewusst aus Wolfsburg. Nach den ersten Fahreindrücken im Gelände und auf der Straße ist klar: VW hat es tatsächlich geschafft, einen ungeheuer ansprechenden Kompromiss aus Offroader, Sportwagen und Luxus-Limousine auszubrüten.

Konkurrenzloser Innenraum

Wie bei einem SUV üblich, gleitet der Touareg-Passagier aufs edle Gestühl: kein Bücken, kein Festhalten. Dafür aber anerkennendes Kopfnicken. Einen Geländewagen hat man eigentlich anders in Erinnerung. Billiges Plastik und LKW-Athmosphäre sucht man an Bord des Toureg jedoch vergeblich. Statt dessen schmeichelt edles Phaeton-Dekor Augen, Nase und Händen. Anfassen erlaubt - wohlfühlen sowieso.

Die Bedienelemente sind allesamt sinnvoll angeordnet und versprühen eine scheinbar unerschütterliche Solidität. Die Drehregler für die Klimaanlage beispielsweise sind mit den feinen Aluminium-Beschlägen eingefasst - da wird jede Benutzung zum Erlebnis. Das Platzangebot ist über jeden Zweifel erhaben. Groß gewachsenen Menschen lassen die Verstellbereiche der Sitze alle Freiheiten.

Über all dem schwebt ein Hauch von Exklusivität, die auch schon Phaeton-Fahrer begeisterte. Verantwortlich für die gute Verarbeitung sind Skoda-Arbeiter, denn der Touareg wird im Werk Bratislava gebaut.

Gewühlt wird per Drehknopf

Bei so viel Oberklassen-Luxus fällt es schwer, an wildes Offroad-Gewühle zu denken. Lässt sich aber nicht vermeiden. Beim Blick auf Schalthebel oder Automatik-Wählhebel fällt mindestens ein Drehschalter ins Auge, der in normalen Luxus-Schlitten nichts zu suchen hat. Mit ihm lassen sich die serienmäßige Geländeuntersetzung und die Differentialsperren steuern. Ein weiterer Drehknopf kommt hinzu, wenn man sich bei der Touareg-Bestellung für die Luftfederung CDC entschieden hat. Damit lässt sich dann die Bodenfreiheit des Touareg den verschiedensten Gegebenheiten anpassen.

Die Verbindung aus modernster Technik und traditionellem Geländewagen-Zubehör erweist sich in der Praxis als ideale Kombination. Selbst wer lediglich den Einstiegs-Touareg mit V6-Benzinmotor (220 PS) und herkömmlichen Stahlfedern zur Verfügung hat, braucht haarsträubende Steigungen und enge Abfahrten nicht mehr zu scheuen. Die Geländeuntersetzung erledigt ihren Job vorzüglich. Und in Verbindung mit der optional erhältlichen Differentialsperre an der Hinterachse wird der Touareg zum echten Offroader.

Assistenten, wohin der Gasfuß tastet

»Und jetzt gehen Sie mal vom Gas - ohne anschließend zu bremsen«, fordert mich der nette Instruktor auf, der sich mit mir durch ein abgesperrtes Gelände in Spanien wühlt. Eigentlich eine klar Anweisung, wenn mein Tourag nicht just in diesem Moment dabei wäre, einen steilen Hügel zu erklimmen. Wie steil? Auf jeden Fall steil genug, um an der Zurechnungsfähigkeit des VW-Mitarbeiters zu zweifeln. Einige unsichere Blicke zu ihm machen klar, der Kerl meint das tatsächlich ernst. Na denn - todesverachtend nehme ich den Fuß vom Gas und bete, dass der Touareg sämtliche Überschlagstests ordentlich hinter sich gebracht hat. Wie erwartet, wird das Fahrzeug langsamer und langsamer und bleibt schließlich stehen. Einfach so. Kein Zurückrollen, kein Überschlag. Nichts. »Das ist unser Berg-Anfahr-Assistent. Der hält das Auto am Anstieg fest«, kommentiert Mr. Instruktor grinsend. Ich fühle mich toll. Man kann schließlich nicht jeden Tag behaupten, dass man einen Touareg an einen Hügel geklebt hat.

Das System funktioniert übrigens auch umgekehrt. Der »Berg-Abfahr-Assistent« aktiviert sich im Gelände automatisch und sorgt dafür, dass der schwere Schlitten ohne zu Bremsen ganz langsam die Böschung hinunterzuckelt. Ähnlich beeindruckend: die Wasserdurchfahrt. Anders als seine Konkurrenten, steckt der Touareg eine Wassertiefe von 50 Zentimetern locker weg. Ist die Luftfederung mit an Bord, erhöht sich die so genannte Wat-Tiefe gar auf 55 Zentimeter.

Das virtuose Spiel mit dem Gasfuß und der richtige Einsatz der Differentialsperren - der Touareg nimmt seinem Fahrer die Arbeit ab. Puristen werden verächtlich die Nase rümpfen. Der Spaß geht dabei keinesfalls verloren. Im Gegenteil. Man kann sich so ganz aufs Fahren konzentrieren.

Überzeugend auch auf der Straße

Steht so ein SUV auch auf der Straße seinen Mann? Bisher waren Asphaltpisten das alleinige Herrschaftsgebiet die BMW X5. Geht es nach den VW-Strategen, steckt der Touareg den hochbeinigen Bayern jedoch auch in dieser Disziplin locker in die Tasche. Ganz so schwarz muss man die Zukunft des X5 jedoch nicht sehen. Vor allem, wenn im Touareg nur die Stahlfederung verbaut ist und unter der Haube lediglich der Sechszylinder seiner Arbeit nachgeht. Dann muss auch der schwere VW seinem Gewicht Tribut zollen. Die Physik ist da relativ unbestechlich.

Starker, aber störrischer Super-Diesel

Ganz anders sieht die Sache jedoch aus, wenn man den gut 68.000 Euro teuren V10 TDI mit der dann serienmäßigen Luftfederung ordert. Dann lässt sich der 2,5 Tonnen-Koloss beeindruckend flott bewegen. So richtig verwunderlich ist das nicht. Der mit 313 PS stärkste Serien-Dieselmotor der Welt stellt den vier Touareg-Rädern ein gewaltiges Drehmoment von 750 Newtonmetern zur Verfügung - und brummelt dabei wie ein Schiffsdiesel. Lediglich das Ansprechverhalten des Triebwerks in Verbindung mit der Sechsgang-Automatik konnte im Test nicht überzeugen. Gasstöße wurden oftmals erst mit erheblicher Verzögerung in die Tat umgesetzt.

Am Ende des Tests diagnostizierte der Bordcomputer bei unserem V10 einen Durchschnittverbrauch von 12,2 Litern. Das ist für die gebotenen Fahrleistungen in dieser Klasse konkurrenzlos.

Fazit

Die Konkurrenz muss sich warm anziehen. Der Touareg überzeugt durch Tugenden, die in dieser Perfektion bisher noch nie in einem einzigen Fahrzeug kombiniert wurden. Die Frage nach dem Sinn eines solchen Ungetüms in der VW-Modellpalette, ist jedoch nicht ganz unberechtigt. Käufer, die nicht unbedingt 68.000 Euro für den V10 TDI ausgeben möchten, sollten sich noch etwas gedulden. Im nächsten Jahr bekommt der Touareg einen Fünfzylinder-Diesel, der dem Fahrzeug gut zu Gesicht stehen wird und preislich in etwa auf dem Niveau des Sechszylinder-Benziners (39.300 Euro) liegen wird.

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