Moskau Diesellok des Aufschwungs


Die "Chaussee der Enthusiasten" vor Moskau führte einst in den Gulag. Den umgekehrten Weg nimmt stern-Korrespondent Matthias Schepp und kommt dabei in eine Stadt, die ein ganzes Land vorantreibt.
Von Matthias Schepp

Zufrieden und gleichmäßig gluckern die Motoren unserer Seitenwagen-Bikes, als wir über die "Chaussee der Enthusiasten" nach Moskau einrollen. Der Name der sechsspurigen Trasse stammt aus der Zeit, als die Sowjetunion davon träumte, Amerika zu überholen: Als Wasseringenieure daran arbeiteten, die großen Flüsse umzuleiten, als Jurij Gagarin als erster Mensch ins Weltall flog, als sich der Staatsführer Nikita Chrustschow damit brüstete, Raketen so schnell zu produzieren wie Würstchen und sich Tausende Freiwillige meldeten, um das "russische San Francisco" zu bauen, die Stadt Wladiwostok an der Pazifikküste. Viele der wuchtigen, mit massiven Sandsteinblöcken errichteten Wohnhäuser wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von deutschen Kriegsgefangenen gebaut.

Zur Zarenzeit hieß die Straße noch Wladimir-Weg, benannt nach der Klosterstadt 200 Kilometer nördlich von Moskau. Damals und unter Stalin war sie der Beginn des grausamen Weges, den Oppositionelle und Verbrecher antraten, wenn sie zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt wurden. Nun ist aus der Straße des Gulags eine Straße des Kapitalismus geworden.

Unaufhörlich rollen die Lastwagen, und zwar in beide Richtungen. Die einen aus Sibirien nach Moskau. Sie bringen Fernseher und Kassettenrekorder aus China und Obst und Gemüse aus den ehemaligen Provinzen der Sowjetunion in Zentralasien, die heute selbständige Staaten sind: Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan. Die anderen rollen aus Moskau nach Sibirien: Sie haben Mercedeslimousinen, Snickers und Kleider geladen. In Moskau arbeiten 300.000 Chinesen, viele von ihnen illegal.

Chinesen sind bereits fünftgrößte Volksgruppe

Sie sind inzwischen die viertgrößte Volksgruppe nach den Russen, Aserbaidschaner und Tartaren. In Untergrundfabriken nähen chinesische Frauen Kleider - für den osteuropäischen, aber auch für den chinesischen Markt. Aus dem Ausland importierte Kleider gelten in China als schick und können teuerer verkauft werden. Menschen aus den armen Provinzen Chinas verdingen sich gerne in Russland als Gastarbeiter. Dort sind die Löhne höher. Das Durchschnittseinkommen der Russen ist dreimal so hoch wie das der Chinesen.

Über das boomende Moskau ist viel geschrieben worden, über seine hyperteuren Nachtclubs, die Glitzerreklamen, den Bauboom. Russland hat sich neben China und Indien zu einem Pfeiler des weltweiten Wirtschaftswachstums gemausert, wächst seit drei Jahren um mehr als fünf Prozent. Der Außenhandelsüberschuss wird in diesem Jahr mehr als 60 Milliarden Dollar betragen.

In Moskau wimmelt es von Geschäftsleuten

Die Fünf-Sterne-Hotels sind voll von ausländischen Investoren und Geschäftsleuten. "Es geht aufwärts in Russland", erzählt uns Alexander Timaschew, Chef der russischen Software-Firma Antor Business Solutions. Antor ist der Hauptsponsor unserer Motorradrallye und erstellt Straßenkarten für den Transport von Gütern durch Russland.

Gerne hört der Manager, was wir auf unserer Pressekonferenz im Moskauer Baltschug-Kempinski-Hotel über Sibirien zu erzählen haben. In meiner Zeit als Moskauer stern-Korrespondent von 1992 bis 1998 hatte ich das unendlich weite Land oft bereist. Damals war es schwer, ein Hotel zu finden, in dem mir die Kakerlaken nicht nachts über das Gesicht liefen. Nun ist mir auf unserm 6000-Kilometer-Trip von der chinesisch-russischen Grenze bis zum Ural nicht ein einziges dieser Tiere begegnet.

Damals waren die Hotels heruntergekommen und leer, heute sind viele auf westlichen Standard gebracht. Ewroremont, europäische Renovierung, sagen die Russen dazu. Es ist schwer, Zimmer zu bekommen. Rick, der britische Geschäftsmann, der mit uns fährt, schwärmt: "Das Land schreit förmlich nach Investitionen." Wenn er zurück ist, will er Geld für eine Motelkette auftreiben.

Die Straßen werden besser, die Menschen sind schöner angezogen, die Krankenwagen erinnern nicht mehr an Oldtimer, sondern sind jüngeren Baujahres. Vor allen Dingen aber haben die Russen aufgehört zu klagen. Fast alle, die wir auf unserer langen Reise getroffen haben, sagen, dass es ihnen ganz gut geht. Diejenigen aus unserem Team, die Russland nicht kannten, sind überrascht. "Schön überall. Die leben nicht so schlecht. Läuft besser bei denen, als man in den Medien mitkriegt", sagen sie. Und Verbrecherbanden sind uns auch nicht über den Weg gelaufen.

Langsam aber sicher breitet sich der Wohlstand von Moskau, eine Stadt, in der es praktisch keine Arbeitslosigkeit gibt, ins Hinterland aus. Die Hauptstadt, die aus dem rohstoffreichen Sibiren einst mehr als achtzig Prozent des Steueraufkommens aufsaugte, gibt endlich wieder etwas zurück. Sie wird zur Lokomotive, die den Rest des Landes nachzieht. Kein Schnellzug, eher wie eine Diesellok - langsam aber sicher.


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