Motorradtour 9 - Wolga Wolga, unsere Kräfte sind verzehrt


Getriebe verabschieden sich, Seitenwagen ebenso. Hunderte Kilometer von Schlaglochpisten liegen hinter uns. So etwas sollte zusammenschweißen. Stattdessen wird unsere Tour zu einem Big-Brother-Experiment.
Von Matthias Schepp

Nur 800 Kilometer vor Moskau droht unser Team zu zerbrechen. Wir haben die endlose Weite Sibiriens im Rücken und seit der Abreise aus Peking mehr als 8000 Kilometer zurückgelegt, sind hunderte Kilometer durch Schlaglochpisten gefahren, im Sand stecken geblieben, haben uns erschöpft den Schlamm aus dem Gesicht gewischt. So etwas könnte zusammenschweißen.

Mehr und mehr aber gleicht die Situation einem Big-Brother-Experiment. Sechs Leute kleben unter extremen Bedingungen drei Wochen eng aufeinander und gehen sich mit jedem Tag mehr auf die Nerven. Rene, der stille Badener, motzt öfters vor sich hin. Ihm stinken die vielen Stopps, bei denen wir Fotos für unsere Sponsoren machen. Wenigstens hat sein Arbeitgeber in Indonesien, das Hotel Shangri-La, seinen Urlaub bis zum 10. Juli verlängert.

Rene wird die Tour beenden können, ohne dass ihm die Entlassung droht. Rick, der britische Geschäftsmann, bricht oft aus der Gruppe aus und fährt stundenlang für sich alleine. Ihm geht es zu langsam. Er macht sich über Rene lustig, der konstant achtzig fährt. Rick hat mit seinem Fahrstil sechs Lichtmaschinen ruiniert und ein Getriebe zu Schrott gefahren. Das finden die Deutschen und der Chinese rücksichtslos. "Ich habe einfach keine Lust, stundenlang die Rücklichter der anderen anzuglotzen", sagt er. Peter, dem Teamleader, ist irgendwann die Führung entglitten. Keiner hält sich mehr an Absprachen.

Die Materialermüdung an den Motorrädern ist gewaltig: neun Lichtmaschinen verglüht, zwei Seitenwagen abgefallen, ein Kabelbrand, zwanzig Reifenwechsel, zwei Getriebe ruiniert. "Allmählich machen die Dinger schlapp", fürchtet Rene. Inzwischen sind es aber die Menschen, die das größere Risiko für unser Ziel Berlin darstellen. Seit Tagen hatte sich die Spannung in der Gruppe aufgebaut. Die Wolga, der mit 3400 Kilometern längste Fluss Europas, wollen wir am Abend erreichen. Wir alle kennen das Lied von den Wolgafischern.

"Wolga, Wolga, unsere Mutter, Ach du breiter, langer Strom. Hast uns durchgewalkt, gebeutelt, unsere Kräfte sind verzehrt", so die deutsche Übersetzung. Auch wir sind gebeutelt von Pannen und Gewitterregen. Die sagenumwobene Eleganz des Flusses ist lange schon keine Verheißung mehr. Nur ein Punkt auf unserer langen Fahrt nach Deutschland, ein Tagesziel. Längst verschwimmt die Schönheit der Landschaft in einer Mischung aus Erschöpfung und Ärger übereinander.

Peter, der Teamchef, und Rick, der Engländer, bekamen sich über die Wäsche in die Haare. Das Hotel hatte sie am Morgen falsch verteilt, Peter wollte die T-Shirts, Unterhemden und Socken mit vom Fahren schmutzigen Händen auseinanderdividieren. Rick sperrte sich, wollte das später nach dem Duschen machen. Beide motzten sich an. Eine Kleinigkeit. Aber wie in einer alten Ehe eskaliert der Streit. Seitdem ist Rick noch öfter alleine unterwegs. "Wir sind kein Team mehr", stellt der Chinese Shang fest. Meist geduldig und feinfühlend, manchmal fassungslos beobachtet er, wie die Langnasen sich bekriegen.

Am nächsten Tag kommt alles noch schlimmer. Eigentlich hatte er wunderbar angefangen. Nach einem 700-Kilometer-Gewaltritt und einem schweren Getriebeschaden hatten wir um Mitternacht Kasan erreicht, die malerisch an der Wolga gelegene Hauptstadt der Provinz Tartastans. Die Stadt ist das Tor zum Ural - nach Osten und nach Süden über die Wolga bis zum Kaspischen Meer. In Kasan besiegte Iwan der Schreckliche die Mongolen, die seit Dschingis Kahn weite Teile Russlands beherrscht hatten.

Wir entscheiden, bis neun Uhr zu schlafen, machen uns dann zum Wolgastrand auf. Wir trinken kaltes Bier, stürzen uns in den Fluss. Kinder in Badehosen hocken sich auf unsere Maschinen.

Gegen zwei Uhr verlassen wir Kasan. Nischnij Nowgorod, das nächste Tagesziel, ist 400 Kilometer entfernt. "Moskau ist der Bauch, Nischnij Nowgorod der Geldbeutel", sagt ein altes russisches Sprichwort. Hier lag der Stammsitz der Stroganows, des bekanntsten russischen Kaufmannsgeschlechts, das im 18. Jahrhundert Sibirien erschloss und zu sagenhaften Reichtum kam.

Kulinarisch leben sie in der Bezeichnung "Boeuf Stroganow" weiter. Wir haben vom Glanz der Handelsstadt gehört und hoffen am Abend auf einen Stadtbummel im Zentrum. Nach einer Stunde klappert es an Peters Seitenwagengespann schaurig. Er muss stoppen, die anderen aber preschen weiter voran.

"Keiner nimmt Rücksicht", schimpft er. Als er den Rest der Gruppe nach 60 Kilometer einholt, platz ihm der Kragen. "Macht Euren Kram alleine. Ich fahre alleine nach Deutschland weiter." Nach 150 Kilometern schließt er sich wieder der Gruppe an. Die Stimmung aber ist auf dem Nullpunkt. Weit nach Mitternacht rollen wir in Nischnij Nowgorod ein. Bis Moskau sind es nur noch 400 Kilometer. Nur das große Ziel in ungefähr einer Woche in Berlin einzurollen, hält die Gruppe noch zusammen.


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