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Fahren in Russland Mit Gott und Radarwarner

Immerhin kommen die Busse gut durch
Immerhin kommen die Busse gut durch
© press-inform - das Pressebuero
Autofahren in Russland ist eine Herausforderung: Entweder geht gar nichts, wie im Dauerstau der Hauptstadt - oder es ist ein schicksalhaftes Abenteuer.

Moskau, kurz vor 20:00 Uhr an einem ganz normalen Werktag. Vor dem Jaroslawler Bahnhof in der russischen Hauptstadt gehr nichts mehr. Stoßstange an Stoßstange parken die Autos mehr, als dass sie sich bewegen. Fahrspuren sind auf der breiten Straße kaum noch zu erkennen - alles steht kreuz und quer. Die hundert Meter bis zur nächsten Ampelkreuzung dauern mehr als eine halbe Stunde. Moskau ist verstopft.

Immerhin: Der Stau auf den Magistralen der russischen Hauptstadt macht sie alle wieder gleich. Zu Hauptverkehrszeiten schieben sich Lada und Bentley in gleichem Schleichgang Meter um Meter vorwärts. Nur die Taxis haben zwischen all dem Gewusel und Verknote die Magie gefunden, schneller voran zu kommen, als alle anderen. Erst ein wenig abseits der großen Straßen Moskaus wird es auffallend ruhig. Selbst zur Rushhour kommt man dort noch relativ flott voran. Es gibt mittlerweile Apps, die ihre Besitzer gezielt nur noch durch das Einbahn-Gewirr der Nebenstraßen lotsen. Kein Wunder, dass die Moskauer Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer jeden Tag im Stau Millionenwerte durch die Auspuffendrohre jagen. Laut dem Stau-Index von TomTom hat Moskau die höchste Verkehrsbelastung von 161 Städten weltweit, gefolgt von Istanbul und Warschau. Die Moskauer Autobahnringe bilden zudem einen Kessel, der die Luftströme daran hindert, Ruß und Abgase aus der Stadt zu blasen.

Außerhalb Moskaus, dann, wenn der Verkehr rollt, herrscht Darwinismus auf den Straßen: Die Elite hat immer Vorfahrt. Und Elite drückt sich hier in der Fahrzeugklasse aus. Je protziger das Auto, desto weniger Regeln, an die sich sein Fahrer anscheinend halten muss. Der verdreckte Lada duckt sich weg, wenn die schwarz glänzende S-Klasse, der funkelnde Q7 oder der Porsche Cayenne erkennbar kampfeslustig von hinten oder von der Seite heranstürmt - gerne auch im Konvoi. Gepanzerte Nobelschlitten mit eingebautem Blaulicht auf dem Dach und in den Seitenspiegeln markieren die Spitze dieser Nahrungskette.

Beispiel Tempolimit. Eigentlich dürfte es auch auf vierspurigen Straßen in Russland nicht schneller zugehen als mit 90 km/h. Bei vielen Autofahrern steht die Tachonadel dagegen wann immer möglich bei 140 Plus. Einmal in Schwung gibt es offensichtlich nur zwei Tempobremsen: am Straßenrand aufgebaute Radarfallen der Polizei, die allerdings so gut wie immer rechtzeitig genug vom Radarwarner angezeigt werden - und Bahnübergänge. Die ähneln für gewöhnlich einer Baustellen. Nicht einmal ein russischer Autofahrer würde mit Schmackes über die Schlaglöcher und unkalkulierbar hoch herausragenden Schienen brettern. Zebrastreifen dagegen haben in der Regel nicht einmal empfehlenden Charakter. "Es gibt nur schnelle oder tote Fußgänger", verpackt es der Volksmund in Zynismus.

Russlands Autofahrer erinnern immer wieder an ihre todessehnsüchtigen Kollegen in muslimischen Ländern - die wissen mit beneidenswerter Sicherheit, dass ihr Leben nun mal in Allahs Händen liegt und nicht in den eigenen. Überholen wird denn auch in Russland immer wieder gerne zu einer Herausforderung des Schicksals. Warum man nicht auf einer geraden, langen Strecke ohne Gegenverkehr an einem gemächlich voraus polternden und dunkle, stinkende Wolken ausstoßenden Lkw vorbei zieht, sondern ausgerechnet dann, wenn eine kaum einsehbare Kurve naht - des russischen Autofahrers Gedankengänge sind unerforschlich. Zwar gibt es auch auf russischen Straßen Regeln. Erst im September 2013 wurden die Strafen für 46 Verkehrsverstöße drastisch angehoben. Seither sind das Überfahren einer roten Ampel, Trunkenheit am Steuer, Geschwindigkeitsüberschreitungen oder das Befahren des Seitenstreifens deutlich kostspieliger geworden. Die Höchststrafe wuchs um das Zehnfache auf umgerechnet knapp 1.500 Euro. Doch das neue Ordnungswidrigkeitengesetz (KoAP) scheint in den Köpfen der meisten russischen Autofahrer noch nicht angekommen zu sein - oder es ist ihnen schlicht egal.

Eine Ursache sieht man gefühlt alle hundert Kilometer am Straßenrand stehen: Wie soll der russische Autofahrer Respekt vor den Verkehrsregeln haben, wenn die Verkehrspolizei selbst wenig respektabel ist. Unzählig die Geschichten und Erzählungen, die fast jeder Russe auf Lager hat und die von korrupten Polizisten handeln. Von solchen, die selbst davor nicht zurück schrecken, Tempofallen zu inszenieren und dann genüsslich grinsend das "Bußgeld" in die eigene Tasche zu stecken. Wer nicht gerade mit einem teueren Westauto Macht und Einfluss suggeriert und gar ein Moskauer Kennzeichen hat, der kommt bei Ausflügen über Land kaum an dieser Form der Straßenmaut vorbei.

Das robuste Verhältnis der russischen Autofahrer zu den Regeln zeigt auch die Statistik. Mit 24 Unfalltoten je 100.000 Einwohner weist sie Russland den traurigen Platz 1 in Europa zu. Fast 43 Millionen Verkehrsdelikte werden pro Jahr in Russland gezählt. Inklusive rund 200.000 Verkehrsunfällen, bei denen etwa 28.000 Menschen starben und 250.000 verletzt wurden. "Wir sind kein besonders gesetzestreues Volk," wird denn auch Viktor Trawin, ein russischer Experte auf dem Gebiet der Gesetzgebung zur Verkehrssicherheit, gern zitiert.

Weil das so ist, rüsten Russlands Autofahrer technisch auf. Alle paar Kilometer piepst der Radarwarner und zeigt an, wie weit es noch zur nächsten Tempofalle ist. Oben mittig an der Windschutzscheibe klebt die Dashcam, die permanent das Verkehrsgeschehen voraus auf Video bannt und zur gerichtsfesten Beweissicherung dient. Vom Armaturenbrett hoch ragt das Smartphone, das zur Navigation und Stauprognose dient in einem riesigen Land, in dem Wegweiser selbst in Metropolen Mangelware sind. Und dazu hängen vom Mittelspiegel noch ein Duftbaum, diverse bunte Bänder und Metallplaketten herunter. Autofahren in Russland braucht Glück, Nerven, schnelle Reflexe und viele technische Helferlein.

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