HOME

Tödliche Zündschlösser: Der General-Motors-Skandal

51 Tote, 77 Verletzte: Über ein Jahrzehnt lang wusste man beim Autobauer General Motors, dass ein massenhaft verbautes, mangelhaftes Zündschloss zu Unfällen führte. Der Rückruf folgte erst 2014.

Von Harald Kaiser

Mehrere Unfälle mit dem Modell Chevrolet Cobalt, einer GM-Tochter, sind auf Zündschloss-Pannen zurückzuführen

Mehrere Unfälle mit dem Modell Chevrolet Cobalt, einer GM-Tochter, sind auf Zündschloss-Pannen zurückzuführen

Einfach abhaken das letzte Jahr? Schön wär‘s. So gern das Mary Barra täte, es geht nicht. Auch wenn es ein Jahr zum Vergessen war für die 53-Jährige, die ihren Job als Chefin vom Automobilhersteller General Motors (GM) Anfang Januar 2014 angetreten hatte. Kurz darauf begann der Horror: Bis Ende 2014 musste GM in 84 Rückrufaktionen international mehr als 30 Millionen Autos in die Werkstätten rufen. Das hat es in der Geschichte des Automobils noch nicht gegeben.

Neben Bremsen- und Airbag-Defekten waren allein bei 13,1 Millionen GM-Autos fehlerhafte Zündschlösser in verschiedenen Baureihen die Rückrufursache. Anfang Februar hat GM bestätigt, dass die Probleme mit den Zündschlössern zu Unfällen mit mindestens 51 Toten und 77 Verletzten führten. Angesichts dieses Desasters kann die GM-Chefin nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Außerdem hat sie sich bei einer Anhörung vor dem US-Kongress wegen dieses Skandals nicht nur rechtfertigen müssen, sondern auch verpflichtet: "Ich werde nicht ruhen, bis die Probleme gelöst sind." Auf Trab gehalten wird sie zudem von einer Armada von Anwälten, die Schadensersatzansprüche in Milliardenhöhe von den Hinterbliebenen prüfen. 1,8 Milliarden Dollar an Entschädigungen sind bereits ausbezahlt worden, weitere 1,2 Milliarden Dollar werden vorgehalten. Es liegen 4180 Anträge auf Entschädigung vor, von denen bisher 128 anerkannt worden sind.

Mangelhaftes Zündschloss eingebaut

Der Schrecken nahm seinen Lauf, als im Herbst 2002 entschieden wurde, ein bestimmtes Zündschloss des Zulieferers Delphi in verschiedene Modelle der Baureihen Chevrolet, Saturn, Pontiac und Cadillac einbauen zu lassen. Eines, dessen Qualität "weit unter den GM-eigenen Spezifikationen lag", urteilte Anton R. Valukas. Der ehemalige US-Bundesstaatsanwalt hatte im Auftrag von GM die ganze Affäre untersucht und einen 325-seitigen Bericht abgeliefert, der dem stern vorliegt. Valukas: "Die Probleme, die durch das Zündschloss ausgelöst werden können, waren GM bekannt."

Das Zündschloss hatte serienmäßig eine Macke. Es reichte, mit dem Knie gegen den Zündschlüssel zu stoßen, um das Schloss in die Aus-Stellung zu bringen. Der gleiche Effekt trat auch ein, wenn das Gewicht eines schweren Anhängers am Zündschlüssel eine Drehung im Schloss auslöste. Ursache war eine zu schwache Feder, die den Schlüssel nicht in der Fahrstellung halten konnte. Damit fällt die Bremskraftunterstützung weg, die Lenkung hat keine Servo-Hilfe mehr und auch die Airbags sind deaktiviert.

Dreistes Manöver: Instant Karma: Dieser ungeduldige Fahrer überholt das falsche Fahrzeug

Zündschlossausfall tötet 37-jährige Mutter

Genau das passierte am Saturn Ion von Shara Lynn Towne, als sie am 4. Juli 2004 gegen ein Uhr mittags allein im Auto von Visalia in den Nachbarort Fresno unterwegs war. Der kleine Ort Visalia liegt am Highway 99 zwischen Los Angeles und San Francisco. Plötzlich stellte sich der Motor ab. Der nunmehr unkontrollierbare Saturn rumpelte über einen Randstein, hob ab und knallte gegen einen Strommast. Die 37-jährige Mutter von fünf Kindern war, obwohl angeschnallt, sofort tot. Zunächst vermutete die Polizei überhöhte Geschwindigkeit, weswegen Towne die Kontrolle über ihr Auto verloren haben könnte. Doch bei einer genauen Untersuchung des Wracks stellte sich heraus, dass das zu schwache Zündschloss den Motor abgestellt hatte.

Dieser Unfall war der erste mit Todesfolge in der Zündschloss-Affäre. Wer glaubt, die Verantwortlichen von General Motors hätten damals auf den Fall von Shara Lynn Towne rasch reagiert und die in Frage kommenden Modelle in die Werkstätten beordert, irrt. Obwohl die Manager das Problem genau kannten, war Verzögern und Vertuschen angesagt. 2005 wurde nach diversen Sitzungen von GM-Ausschüssen ein Rückruf als zu teuer abgelehnt. Anton R. Valukas schreibt dazu in seinem Report: "Obwohl GM viele Berichte von Händlern bekam, die das Problem beschrieben, und verschiedene GM-Gremien deswegen auch immer wieder tagten, übernahm am Ende keiner Verantwortung. GM betrachtete die Sache sogar als "Komfortproblem der Kunden". Es ist die Geschichte eines elf Jahre langen Scheiterns."

Oma und Enkelin sterben bei weiterem Unfall

Auch ein anderer, besonders tragischer Fall brachte die GM-Manager nicht zum Umdenken. Am 9. April 2009 war die 73-jährige Ester Matthews am Steuer ihres Chevrolet Cobalt auf einer Landstraße im Clarion County/Pennsylvania unterwegs. Auf dem Beifahrersitz saß ihre 13-jährige Enkelin. Ein entgegenkommendes Auto verließ die eigene Fahrspur und knallte frontal in den Cobalt von Ester Matthews. Oma und Enkelin waren sofort tot.

Die Straßenverkehrsbehörde NHTSA, inzwischen durch die Vielzahl der Meldungen über die Zündschlossproblematik sensibilisiert, leitete eine Untersuchung ein. Es stellte sich heraus: Eine Sekunde vor dem Aufprall hatte sich der Motor des Chevy Cobalt infolge des zu schwach ausgelegten Zündschlosses abgestellt, der Unfallverursacher war betrunken und die beiden Personen im Cobalt nicht angeschnallt. Doch wenn die Airbags im Cobalt wegen der ausgeschalteten Zündung nicht deaktiviert gewesen wären, hätten die beiden Insassen mutmaßlich überlebt.

Versucht das Desaster ihrer Vorgänger zu beheben: Mary Barra, seit gut einem Jahr Chefin von General Motors

Versucht das Desaster ihrer Vorgänger zu beheben: Mary Barra, seit gut einem Jahr Chefin von General Motors

Umdenken erst im Februar 2014

Obwohl die Affäre intern längst als "Bombe" bezeichnet wurde, geschah bis Februar 2014 nichts. Gutachter Anton R. Valukas konstatierte: "Noch im Dezember 2013 erkannten die Leute, die mit der Sache befasst waren, nicht die Dringlichkeit." Gut sechs Wochen später platzte schließlich die Bombe und Mary Barra, erst wenige Wochen im Amt, musste ein Zeichen setzen. Um die Affäre in den Griff zu bekommen, hat sie 15 Schlüsselpositionen neu besetzt und zwei Qualitätskommissare ernannt. Ferner hat sie veranlasst, dass Berichte unterer Ebenen zu solchen Problemen erstmals in der Geschichte von General Motors direkt an den Vorstand geschickt werden können. Vorher versandeten die zumeist in den Gremien darunter, so dass die Führung oftmals sehr spät Kenntnis von solchen Vorgängen bekommen hat.

Ob Barra der Kulturwandel tatsächlich glückt, ist schwer zu beurteilen. Eine peinliche Panne konnte durch die Strukturveränderungen nicht verhindert werden: Als die Rückrufaktionen im vollen Gang waren, bekamen auch einige der tödlich verunglückten Besitzer von GM-Autos Briefe mit dem Aufruf, zum Austausch des Zündschlosses in die Werkstatt zu kommen. Die Familie eines 16-jährigen Mädchens, das 2005 beim einem Unfall mit einem Chevy Cobalt ums Leben kam, berichtete, dass sie innerhalb einer Woche sogar zweimal aufgefordert wurde, ihr Auto in die Werkstatt bringen.

Wissenscommunity