HOME

Autobahnraser-Prozess: "Ich bin gar nicht so, wie man mich dargestellt hat"

Er soll für den Tod von Jasmin A. und ihrer zweijährige Tochter Rebecca verantwortlich sein. Rolf F. macht in Wirklichkeit einen eher schüchternen Eindruck.

Zwei Holzkreuze, ein größeres und ein kleineres, stehen 50 Meter vor dem Autobahnparkplatz "Höfenschlag" an der A5, Fahrtrichtung Frankfurt. Regen und Fahrtwind der vorbeirasenden Fahrzeuge lässt die roten Friedhofskerzen immer wieder erlöschen, die hier seit Juli vergangenen Jahres an Jasmin und Rebecca erinnern - aber immer wieder entzündet sie jemand neu.

Weil an dieser Strecke zwischen den Anschlussstellen Karlsruhe-Durlach und Bruchsal keine Geschwindigkeitsbegrenzung besteht, sehen die meisten Fahrer die Kreuze - wenn überhaupt - nur für Sekunden. Man muss schon auf den Parkplatz fahren und ein Stück zurück gehen, um an einer der Kiefern die abgerissene Rinde zu erkennen. Hier zerschellte am 14. Juli ein blauer KIA Rio. In dem Wagen starben die 21-jährige Jasmin A. und ihre zweijährige Tochter Rebecca.

Dunkle Mercedes-Limousine beobachtet

Ein tödlicher Verkehrsunfall wie unzählige andere im vergangenen Jahr - und doch einer, der die Republik aufwühlte wie kein zweiter. Zeugen hatten kurz vor dem Unfall eine dunkle Mercedes-Limousine mit hoher Geschwindigkeit beobachtet, die auf der linken der drei Fahrspuren dicht auf den Kia aufgefahren war. Offenbar geriet dessen Fahrerin in Panik und verriss das Steuer - mit tödlicher Folge. Der Mercedes-Fahrer fuhr unerkannt davon.

Soko "Raser"

Noch am selben Tag startete die Sonderkommission "Raser" der Autobahnpolizei eine bundesweite Fahndung nach dem mutmaßlichen Unfall-Verursacher. Über 400 Hinweise gingen bei der Soko ein. Das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg ermittelte 650 in Deutschland zugelassene, schwarze oder dunkelblaue Mercedes-Modelle mit Doppelauspuff. Mit einem solchen Aufwand war noch nie nach einem Unfallverursacher gefahndet worden. "Polizei jagt Todes-Drängler" titelte die "Bild"-Zeitung.

Rolf F. verhielt sich "sehr merkwürdig"

Der Verdacht der Ermittler fiel schon bald auf Mitarbeiter des Autokonzerns DaimlerChrysler. Vier Ingenieure waren an jenem Tag mit Testwagen vom Daimler-Werk in Esslingen und Sindelfingen bei Stuttgart zu der rund 600 Kilometer entfernten Versuchsanlage ATP (Automotive Testing Papenburg) im nördlichen Niedersachsen gestartet. Einer von ihnen, der 34-jährige Ingenieur Rolf F., verhielt sich bei seiner ersten Vernehmung am 19. Juli noch auf dem Testgelände in Papenburg "sehr merkwürdig", wie ein Ermittler sagt. Mehrfach habe Rolf. F. seine Angaben danach korrigiert, was man ihm direkt nachweisen konnte.

Von Tankbelegen unter Druck gesetzt

So will Rolf. F. erst eine halbe Stunde nach dem Unfall die Stelle an der A5 passiert haben, sagte er den Beamten. Dort sei ihm ein auf dem Standstreifen abgestelltes Polizeiauto aufgefallen. Tatsächlich standen aber zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Sanitätsfahrzeuge am Unglücksort, die Autobahn war nur einspurig passierbar. Als die Ermittler ihm seinen eigenen Tankbeleg vorhalten, wonach er um 5.20 Uhr im Daimler-Werk seinen Testwagen, einen 476 PS starken Mercedes CL 600 volltankte, versucht sich Rolf F. abermals herauszuwinden. Er scheint zu ahnen, dass es von nun an um Minuten geht, dass allein die Zeit ihn entlasten kann: Hat er es in der fraglichen halben Stunde bis zum Unfallort schaffen können? Nein, sagt er also den Beamten, er habe noch den Reifendruck überprüft, die Scheiben geputzt und sei erst gegen 5.30 Uhr losgefahren.

Rekonstruktion der Fahrt

Zwei Mal fahren die Fahnder mit einem Audi-Quattro die Strecke nach. Um diese Uhrzeit ist die Autobahn leer und an die Geschwindigkeitsbegrenzungen muss sich Rolf F. ja nicht gehalten haben. Zweimal schaffen es die rasenden Polizisten, die etwa 90 Kilometer lange Strecke zwischen Werk und der Unglücksstelle in einer halben Stunde zurückzulegen - genau die Zeit, die Rolf F. benötigt haben muss, wenn er der "Todesdrängler" war. Und noch ein Indiz spricht gegen ihn: Seinen ersten Zwischenstopp legt Rolf F. an der Autobahnraststätte Siegerland an der A45 ein. Punkt acht Uhr. Wieder ist es ein Tankbeleg, der ihn belastet. Die Ermittler errechnen für seine Fahrt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern. Rolf F. muss an jenem Morgen wie ein Wahnsinniger über die Autobahn gerast sein.

Druck der Vorgesetzten

Noch einmal will Rolf F. seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, diesmal mit Hilfe eines Kollegen, der ebenfalls von Stuttgart aus in Richtung Papenburg unterwegs war. Sie hätten auf der Strecke mehrmals die Wagen getauscht, behaupten beide, wer an der Unfallstelle mit welchem Wagen gefahren sei, wüssten sie nicht mehr. Erst als die Vorgesetzten der beiden Druck machen, knickt der Kollege ein: Zwischen Karlsruhe und Bruchsal sei Rolf F. am Steuer des dunklen CL 600 gesessen.

Nur dieser Wagentyp aber hat die auffällige rechteckige Doppelauspuff-Anlage, die einem Zeugen aufgefallen war. Michael M. war kurz zuvor von einem solchen Mercedes mit hoher Geschwindigkeit überholt worden - dabei fuhr er selbst rund 200 Stundenkilometer schnell. 150 Meter vor ihm kam es dann zur Katastrophe. Er ist der Hauptzeuge des Verfahrens, denn von Polizeipsychologen in eine Art Trancezustand versetzt, erinnerte er sich an Teile des Nummernschilds - sie passen zum Wagen von Rolf F..

"Im übrigen gilt für uns die Unschuldsvermutung"

Dem Stuttgarter Autokonzern waren die wochenlange Schlagzeilen um einen ihrer Testfahrer mehr als unangenehm. Bei DaimlerChrysler fürchtete man einen Imageschaden - schließlich stehe die Marke Mercedes für Noblesse und nicht für Rowdytum. Doch nach außen hielt sich die Firmenleitung zurück. Alle Testfahrer seien angehalten, sich auf öffentlichen Straßen an die Straßenverkehrsordnung zu halten, teilte Konzernsprecherin Nicole Lagage lediglich mit, "und im übrigen gilt für uns die Unschuldsvermutung: So lange ein Mitarbeiter nicht verurteilt ist, gibt es keinen Grund für uns, ihn zu entlassen oder zu versetzen." Rolf F. arbeitet bis heute in der Versuchsabteilung.

Dem stern sagte der jetzt angeklagte Ingenieur: "Selbst wenn ich es gewesen sein sollte, etwas besonderes aufgefallen ist mir auf meiner Fahrt jedenfalls nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, einen Unfall hinter mir wahr genommen zu haben."

Rolf F. lebt zusammen mit seinen Eltern

Rolf F., von "Bild" als Rambo und Lebemann beschrieben, macht in Wirklichkeit einen eher schüchternen Eindruck. Bis heute lebt er zusammen mit seinen Eltern in einem Einfamilienhaus in Münsingen auf der Schwäbischen Alb, von wo er jeden Morgen mit seinem goldfarbenen Mercedes SLK rund 65 Kilometer nach Sindelfingen fuhr. Seit dem Unfall lässt er sich von einem Arbeitskollegen abholen - er selbst hat vorläufig keinen Führerschein mehr.

Stolz auf den Job bei "Daimler"

Er war stolz, dass er den Sprung nach acht Jahren bei der Bundeswehr im nahe gelegenen Auingen über ein Fernstudium "zum Daimler" geschafft hatte. Seinen ehemaligen Teamkameraden vom Fußballclub SV Bremelau, bei dem er jahrelang in der Bezirksliga zwischen den Pfosten gestanden hatte, galt er als einer, der es zu etwas gebracht hatte. "Aber auch später konnte man den immer anrufen, wenn unser Torwart mal ausfiel", sagt sein ehemaliger Trainer. Dann zog sich Rolf F. sein altes Trikot wieder über. "Der Rolf, der war ein echter Kamerad."

Seinen auffälligen Sportwagen, so sagt er selbst, habe er nicht aus Prahlerei gefahren. Das Auto war wegen seiner goldenen Farbe nur schwer verkäuflich gewesen, das Werk in Sindelfingen habe ihn gebraucht und sehr günstig angeboten. Ganz Schwabe schlug er zu. Es klingt fast wie die Bitte um Gnade, wenn Rolf F. sagt: "Ich bin gar nicht so, wie man mich in den Medien dargestellt hat."

An jenem 14. Juli war er schon gegen 4 Uhr von Münsingen losgefahren, um den Testwagen in Esslingen abzuholen. Mit vier Kollegen sollte er mehrere Tage lang auf der Versuchsanlage in Papenburg das Fahrverhalten und die Innenraumgeräusche des Luxuscoupés CL 600 testen. Das fast 1000 Hektar große Versuchsgelände war von DaimlerChrysler 1998 gebaut worden und wird heute von mehr als 125 Auto- und Zuliefererfirmen als Erprobungsareal genutzt. Dabei wird die Erhitzung von Reifen bei Hochgeschwindigkeiten ebenso gemessen, wie das Verhalten von Fahrzeugen bei regennasser Fahrbahn. "Das beste Testgelände in ganz Europa", urteilte vor kurzem die englische Fachzeitschrift "Testing Technology".

Bis zu vier Jahre Haft

Das Urteil über Rolf F. wird komplizierter: Vom kommenden Montag an muss Richterin Brigitte Hecking am Amtsgericht Heidelberg "zweifelsfrei" zu der Überzeugung gelangen, dass Rolf F. tatsächlich der "Todes-Drängler" war. Wegen fahrlässiger Tötung, gefährlicher Straßenverkehrsgefährdung und Unfallflucht drohen ihm bis zu vier Jahren Haft.

Eins steht inzwischen fest: Die beiden Fahrzeuge haben sich nicht berührt. Das ergaben aufwendige Untersuchungen an Wrack und dem Mercedes-Coupé. Wie dicht der Verfolger aber tatsächlich aufgefahren ist, kann allein der Haupt-Zeuge berichten.

Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf ein Gutachten, in dem der Verkehrsexperte Dr.-Ing. Reinhard Köhler den Schluss zieht, allein das dichte Auffahren von Rolf F. habe den tragischen Unfall verursacht. Dies sei "ursächlich für die tödlich verlaufenden Fahrmanöver der 21-Jährigen" gewesen.

Gegengutachten der Verteidigung

Das Gegengutachten der Verteidigung entlastet den Testfahrer. Der Zeuge könne den Abstand zwischen voraus fahrendem und nachfolgenden Fahrzeug auf keinen Fall richtig einschätzen. Auf der kerzengeraden Strecke sei dazu sein Blickwinkel viel zu steil gewesen. "Es kann ja auch so gewesen sein", argumentiert Ulrich Schweizer, der Anwalt des Angeklagten, "dass mein Mandant sich dem Auto der Frau über einen längeren Zeitraum näherte, sie ihm schließlich Platz machte und kurz darauf aus ungeklärter Ursache verunglückte."

In diesem Fall könnte man Rolf F. nicht einmal wegen Fahrerflucht belangen, allenfalls das Nichteinhalten des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes (halber Tachowert) wäre mit einem Bußgeld zu beanstanden.

An der Verhandlung nehmen auch die Eltern der getöteten Jasmin A. sowie deren Lebensgefährte und Vater von Rebecca als Nebenkläger teil. Ihn hatte Jasmin an jenem Morgen zur Arbeit ins nahe gelegene Ettlingen gebracht, bevor sie auf dem Heimweg verunglückte. Für den Tod seiner Freundin und seines Kindes will Walter M. Gerechtigkeit - und Schadensersatz. Dem Regen und Fahrtwind zum Trotz zündet er an der A5 fast täglich die roten Kerzen an.

Philipp Mausshardt

Wissenscommunity

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.