Autokauf Finger weg vom Neuwagen


Die Autoindustrie klagt, die Bundesregierung gewährt Steuernachlässe, nun soll der Bürger Vollzug melden und zuhauf Neuwagen kaufen. Dabei spricht vieles dagegen, vor einer drohenden Wirtschaftskrise das Geld mit vollen Händen auszugeben.
Von Gernot Kramper

Die Versuche der Bundesregierung, die lahmende Autokonjunktur mit Steuerrabatten anzufeuern, sind vollkommen ungeeignet. Wer sowieso einen neuen Wagen kauft, kann die Prämie mitnehmen. Ein echter Kaufanreiz können die ausgelobten Summen nicht auslösen, dafür sind sie viel zu gering. Für einen Vier-Zylinder-Benziner gibt es meist deutlich weniger als 400 Euro Steuerersparnis. Dass es für große Geländewagen zum Teil deutlich höhere Staatssubventionen gibt, ist ein Skandal, reizt aber auch nicht zum Kauf. Denn auch eine Subventionssumme von 1500 Euro kann bei Wagen dieser Preisklasse nicht ernsthaft die Kaufentscheidung beeinflussen. Unschlüssige Käufer sollten sich von derartigen PR-Gags nicht beirren lassen. In der Tat gibt es viele gute Gründe in unsicheren Zeiten, das Geld nicht für den Autokonsum auszugeben. stern.de stellt die wichtigsten vor.

Autos sind oft Luxus

Niemand kauft einen Neuwagen oberhalb der Poloklasse, um ein reines Beförderungsbedürfnis zu befriedigen. Bei Preisen von 30.000 Euro aufwärts für einen Mittelklassewagen ist eine Selbstverständlichkeit. Ein Auto ist auch ein Lifestyleprodukt. Und zwar ein sehr potentes Produkt. Anders als Schmuck und handgenähte Schuhe macht ein Auto jedem auf den ersten Blick klar, wer man ist und wo man finanziell steht.

Ein Auto ist daher auch ein Imageprodukt - vergleichbar mit Designer-Kleidung. Nur, dass ein Wagen im Vergleich zum Oberhemd bei Neukauf mächtig zu Buch schlägt. So sehr, dass nur die wenigsten den Wagen aus dem Ersparten bestreiten können. Wer einen Neuwagen kauft oder least belastet sich mit Verbindlichkeiten. In Zeiten der Unsicherheit ist es nicht klug, sich mit Schulden für Luxuskonsum zu versehen.

Autokäufer sind verschuldet

Früher wurden Autos bar bezahlt, das ist lange vorbei. Der überwiegende Teil der Kunden "finanziert" heute den Neuwagen. Dabei ist es im Grunde egal, ob es sich Leasing nennt, der Kredit vom Autohaus unter schönen Namen vermittelt wird oder ob er von der eigenen Bank kommt. Gerade in Krisenzeiten sollte man wissen, ob man sich für ein langlebiges Konsumgut langfristig verschulden möchte.. Nagelprobe: Wenn die Kosten für das neue Fahrzeug inklusive Rate nur bei vollem Einkommen aufgebracht werden können, sollte man die Anschaffung vor einer Wirtschaftskrise gründlich überdenken. Einen persönlichen Ruin kann man wegen des schicken Fahrzeugs nicht riskieren. Ein Ausstieg aus dem Vertrag oder ein Notverkauf ist nur mit erheblichen Verlusten möglich. Sollte ein Einstieg in die Selbständigkeit geplant sein oder notwendig werden, belastet eine laufende Fahrzeugfinanzierung übrigens das persönliche Schufa-Konto. Bei wegbrechendem Einkommen gilt man schnell als "überschuldet".

Neu spart nicht immer

Rechnet sich der Neukauf eines im Verbrauch günstigen Wagens nicht auch? Wenn man den Nachrichten glaubt, scheint ein sparsamer Wagen der ideale Weg zu sein, die Kosten zu senken. Das wird gern behauptet, es stimmt einfach nicht. Natürlich gib es ausnahmen von der Regel. Wer einen Geländewagen mit Achtzylinder-Benzin-Turbo-Benzinvernichter fährt, kommt mit einem "Skoda Greenline" deutlich günstiger weg. Praxisgerecht sind derartige Vergleiche meist nicht.

Wirkliche Ersparnis ergibt sich nicht durch den bloßen Umtausch Alt gegen Neu. Spareffekte ergeben sich erst bei Verzicht. Wer bereit ist von einem Wagen der oberen Mittelklasse (BMW 5er) in das Segment von Polo und Konsorten umzusteigen, kann wirklich eklatante Summen einsparen. Wer aber im gleichen Segment bleibt (alter Golf gegen neuen Golf), wird den finanzierten Neukauf kaum gegen die Ersparnis bei Sprit und Steuer aufrechnen können. Wer ohnehin schon "unten" angekommen ist, weil er einen alten Corsa fährt, dessen Downsizing-Potenzial ist weitgehend ausgeschöpft. Das Rechenexempel: In der Praxis kann man im gleichen Segment mit Glück etwa 2-Liter-Verbrauch auf 100 Kilometer einsparen. Bei 10.000 Kilometern Jahresleistung wären das 200 Liter, eine Ersparnis von unter 300 Euro.

Zu arm für den Neuwagen

In der Öffentlichkeit entsteht ein vollkommen verzerrtes Bild des Autokunden. Die Fahrzeugflotte sei überaltet, heißt es in den Nachrichten. Man solle doch bitte vom 14 Jahre alten Golf in ein nagelneues Modell umzusteigen. Die Fahrer der alten Wagen, werden natürlich nicht gefragt. Denn schon beim ersten Augenschein wäre dann klar, dass die Frau aus dem Uralt-Kadett mit Restwert 1000 Euro sich kaum einen Neuwagen leisten könnte, sondern Angst vor den Kosten des fälligen Bremsencheck hat.

Auch politische Maßnahmen, die sogenannte "alte Stinker" teuer machen und neue Wagen entsprechend attraktiver, führen nicht dazu, dass die Fahrer alter Wagen zum Hybrid-Prius greifen. Für sie wird die Mobilität schlicht immer teuerer. Vor dem Hintergrund stagnierender oder zurückgehender Realeinkommen erinnern die Appelle der Politik an Marie Antoinette, die dem hungernden, nach Brot schreienden Volk bekanntlich den Kauf von Kuchen empfohlen hat.

Einfach aufschieben

Derjenige, der sich einen Neuwagen leisten könnte, fährt in aller Regel einen Wagen der höchstens vier Jahre alt ist. In seinem Fall macht ein Neukauf finanziell fast nie Sinn. Technisch ist eine Mittelklasse-Limousine mit 80.000 Kilometer Fahrleistung auch in den nächsten Jahren über jeden Zweifel erhaben. Der Wagen ist in aller Regel vollkommen abbezahlt. Sicher schreitet der Wertverlust weiter voran – aber deutlich langsamer. Außerdem nagt der Verlust an der Substanz, dann fallen keine Zinsen mehr an. Das ist psychologisch etwas ganz anderes als eine neuerliche Ratenzahlung von z. Bsp. 400 Euro für ein Mittelklasseauto. Der vorsichtige und verantwortungsbewusste Familienplaner tut also gut daran, seinen vier Jahre alten Audi A6 einfach zu behalten. Disziplinierte Naturen können die entfallene, eingesparte Rate sogar sicher anlegen. Nach der Krise wäre der nächste Wagen dann schon vorfinanziert.

Verzicht spürt man nicht

Wer am fast neuen Auto spart, merkt den Verzicht nicht wirklich. Mag sein, dass das Ego etwas angeknackst ist, weil man den Wagen nicht mehr alle zwei Jahre "updatet". Andere Einschnitte mit einem vergleichbaren Einsparpotenzial von mindestens 200 Euro im Monat führen nicht nur zu gefühlten sondern zu echten Verzicht. Dann müssten der Ski-Urlaub, die Sprachferien der Kinder oder auch nur der regelmäßige Gang zum Italiener gestrichen werden.


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