Concorso d'Eleganza Demut und Diven


In der Sonne Italiens treffen sich einmal im Jahr die schönsten Autos zum Concorso d'Eleganza. Während PS knattern und Champagnerkorken knallen, diskutiert eine Gruppe von Fachleuten über das Thema: "Ist Bescheidenheit der neue Luxus?"
Von Marina Kramper

In frühlingshaftem Blau erstrahlt der Comer See im Sonnenschein des Morgens. An den steilen Uferbergen hängen die umliegenden Villen wie riesige Vogelkäfige und signalisieren Schönheit, Reichtum und Geschmack. Auch George Clooney zählt zu den illustren Besitzern.

Seit achtzig Jahren treffen sich Autosammler einmal im Jahr in der Villa d´Este am Comer See, um der Presse und der Öffentlichkeit ihre Spielzeuge zu präsentieren: Lack- und Chromglänzende Oldtimer.

Seit 10 Jahren findet das Spektakel unter der Schirmherrschaft von BMW statt. BMW, zu dessen Stall neben Mini auch die Nobelkarossen von Rolls Royce zählen, hat sich bestens eingelebt in diesem Treffen in Norditalien. Die Italiener lieben die Autos mit den drei Buchstaben, deren Wert auf einer Mischung aus sportlicher Technik und verschärftem Design basiert.

Sportliche Autos sind die eine Seite des Concorso, das oberitalienische Ambiente die andere. Aus vollster Brust schwärmte ein angereister Norweger: "Wenn Deutsche nach Italien reisen, wird es romantisch." In diesem Ambiente von Geld, Lebensart und Wohlstand klingt das Motto der diesjährigen Podiumsdiskussion des Veranstalters:"Ist Bescheidenheit der neue Luxus?" fast wie ein schlechter Scherz.

Lieber protzen als bescheiden

Keiner der Automobilbesitzer dürfte Interesse an der propagierten Bescheidenheit zeigen, das Event lebt aus dem Geist des Schaulaufens. Rasseln gehört zum Handwerk. Die Männer mit den Schraubenschlüsseln und die Gattinnen mit dem umgehängten Geschmeide. Man trägt modische Sonnenbrillen und einen Seidenschal zum Jackett. Die Damen erscheinen mit großen Hüten, die in den alten, großräumig dimensionierten Autos nicht fürchten müssen, geknautscht zu werden. Es sind wunderschöne alte Autos, die erst ein kleines Vermögen verschlingen und frisch restauriert, ein großes Vermögen wert sind. Wie passt diese Welt zwischen Luis und Vuitton zusammen mit einer Gesprächsrunde zum Thema "Neue Bescheidenheit"?

Adrian van Hooydonk, seit drei Monaten neuer Chefdesigner bei BMW, Thomas Demand, Fotokünstler aus Deutschland, Alfredo Häberli, mit Preisen überhäufter Schweizer Designer mit argentinischen Wurzeln, Louisa Hutton, Architektin aus England, in Deutschland vor allem durch ihre Post-Maueröffnungsgebäude in Berlin bekannt und Inga Sempé, französische Designerin beantworteten Fragen zu den Themen "Luxus, Bescheidenheit, Nachhaltigkeit und Design".

Bescheidenheit ist nicht Armut

Diese Kardinalstugenden des modernen Marketings verkörpern sich im "Loha". "Lohas" so der aktuelle Fachterminus, sind die neuen, die bewussten Konsumenten: Lifestyle of Health and Sustainability - Lifestyle auf der Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Lohas sind reich, selbstbestimmt und verantwortungsbewusst.

Der Luxus des "Loha", so postulierten es die kreativen Köpfe, sei kein Swimmingpool im Versace-Design oder eine Anhäufung von Luxushandtaschen. Luxus habe nichts mit Reichtum oder Einkommen zu tun, sondern damit, wie man besondere Momente seines Lebens genießen kann, schwärmten die versammelten Gestalter.

Als "Zeit, die man mit Freunden verbringen kann", stellte sich Alfredo Häberli, ein langgliedriger argentinischen Schweizer mit schwarzgrauem Wuschelkopf, gebräuntem Gesicht und Designerfummel um den Hals drapiert, seinen Luxus vor. Louisa Hutton im modischen knittergrünen Seidenhosenanzug sieht Luxus als: die Fähigkeit "frei denken zu können" und nicht "nicht überhäuft zu sein von äußeren Dingen". Inga Sempé, die äußerlich aus der eleganten Runde etwas heraus fiel, trug lila Strumpfhosen zu knallroten Riemchensandalen. Luxus war für sie "Art, die Dinge zu betrachten", es bedeutete, "die Dinge verbessern zu können und die Freiheit der Wahl zu besitzen". Werte, die keinem wirklich wehtun und die, mit einigen Modifikationen, auch ein Arbeitsloser für sich beanspruchen kann.

Die Krise als Chance für neue Autos

An den mittelosen Genießer wurde in Wirklichkeit natürlich nicht gedacht. Die Frage, warum BMW in der viel besungenen Krise ausgerechnet einen neuen "Fünfer Gran Tourisme" als Reiselimousine auf den Markt bringt, ist an Adrian van Hooydonk, den neuen Chefdesigner, gerichtet. Der gebürtige Holländer im modischen dunklen Anzug mit breiten weißen Streifen, lackschwarzen Halbstiefeln und unvermeidbarem Schal passte mit seinen langen Beinen fast nicht in die Podiumssessel des Design-Übervaters Le Corbusiers. "In der Krise", so Designer van Hooydonk, "definiert jeder seine Prioritäten neu. Das heißt nicht, dass keiner mehr Auto fahren will, sondern dass der Käufer sich genau überlegt, welches Auto er kaufen und fahren möchte. Der neue Fünfer hat verdeckten Luxus und steht eindeutig für innere Werte und nicht für Angeberei."

Auf die Frage, ob denn jemand aus der Runde den Luxus verteidigen wollte, meldete sich Inga Sempé: "Immerhin", so die Französin mit erfrischender Natürlichkeit, "haben reiche Leute schöne Häuser und kaufen schöne Dinge, man muss sie nicht zu schlecht darstellen." Thomas Demand im weißen Hemd ohne Krawatte betonte, dass ihm das BMW Design schon immer gefallen habe: "BMW", so der Künstler, "hat eine Langsamkeit in seinen Designs, man mag sie nicht auf den ersten Blick, dafür aber sehr lange. BMW Design birgt die Möglichkeit in sich, seine Wünsche in das Auto hinein zu produzieren" Dass das so sei, konnte Chefdesigner van Hooydonk bestätigen, aber nicht erklären. "Wir wissen nicht, wie wir das machen, aber es funktioniert. Aber sicher nicht, weil wir unsere Kunden manipulieren wollen. Wir Designer arbeiten daran, unseren Autos Charakter zu verleihen. Wenn ein Produkt Charakter hat, dann erkennt man es auch noch in zwanzig Jahren als einzigartig an. Alle Autos die heute hier auf dem Concorso sind, haben Charakter. Und das ist der Grund, warum das Publikum sie liebt."

Pech für Handtaschensammlerinnen

Alle Antworten der Podiumsgäste waren unter dem Strich, Antworten von Topverdienern, die in der Gesellschaft fest verankert und mit großer Anerkennung gesegnet sind. Die beschworene Bescheidenheit ihrer Kunden ist eine Geisteshaltung und keine ökonomische Notwendigkeit. Wenn der neue BMW eine lange Liebe stiftet, kann das Auto in die Kategorie "Loha"-Kategorie "Nachhaltigkeit" fallen, unter "Bescheidenheit" ließe es sich nur schwer einordnen. Nur eines ist irgendwie ungerecht. Nicht nur die Mitarbeiter bei Louis Vuitton werden es kaum einsehen, warum man in der Krise einen neuen BMW als guten Luxus kaufen sollte, eine durable Handtasche hingegen nur als schnöder Protz gilt.


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