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Werkstatt E-Bike – so verwandelt man ein normales Pedelec in ein Mountainbike

Mit dem Entice kann es auch mal über einen  Feldweg gehen, aber bei starken Steigungen schaltet der Motor ab. 
Mit dem Entice kann es auch mal über einen  Feldweg gehen, aber bei starken Steigungen schaltet der Motor ab. 
© PR
Die meisten Kunden kaufen ein Trekkingrad und sind enttäuscht, wenn es trotz eines starken Motors keine Steigungen hinaufkommt. Dieser Trick macht auch aus Ihrem Pedelec eine Bergziege.

Die am meisten verkauften E-Bikes sind Trekkingräder. Mit ihnen und anderen Pedelecs, die keine ausgewiesenen Mountainbikes sind, erwartet viele Fahrer eine üble Überraschung. Am Hang machen die Räder schlapp, obwohl der Motor eigentlich stark genug ist. Bis zu Steigungen um die zehn Prozent geht alles gut, aber darüber hinaus stirbt die Unterstützung. Das Rad wird immer langsamer, und der eigentlich potente Motor hilft immer weniger – solange bis man absteigen und schieben muss.

Derartige Steigungen findet man selten auf großen Landstraßen, doch kleine Zufahrtsstraßen oder Feldwege gehen so steil hinauf. Selbst im flachen Hamburg können manche Auffahrten nicht im Sattel bewältigt werden. Wir zeigen Ihnen, wie man sein Pedelec flott für große Steigungen macht.

Der Motor macht schlapp

Doch zuerst: Woran liegt der Kraftverfall? Der Motor benötigt eine gewisse Umdrehungszahl, um mit voller Leistung zu arbeiten, andernfalls schaltet er zurück. Am häufigsten sind Mittelmotoren vertreten. Hier bedeutet das: Die Pedale müssen in einer bestimmten Frequenz getreten werden, damit der Motor schnurrt. Das bedeutet häufig, auch im kleinsten Gang muss das Rad 12 km/h und schneller sein. Eigentlich kein Problem, doch bei großen Steigungen reichen Muskelkraft und Motorpower nicht aus, um diese Geschwindigkeit zu erreichen. Das Rad wird langsamer, der Motor leistet dann noch weniger. Anfahren am Hang ist gar nicht möglich. Nur echte Mountainbikes sind so ausgelegt, dass der Motor auch bei wenigen Umdrehungen volle Power gibt. Im Flachland macht sich das mit einem teils rabiaten Sprung nach vorn beim Start bemerkbar.

Kein illegales Tuning

In die Ansteuerung des Motors darf und kann man nicht eingreifen. Dennoch lassen sich normale E-Bike fit fürs Gebirge machen, zumindest dann, wenn ein Mittelmotor verbaut ist. Ein Nabenmotor ist direkt mit der Umdrehung des Rades gekoppelt, hier lässt sich für den Laien nichts verändern. Der im Folgenden skizzierte Trick optimiert die Art und Weise, wie der Motor seine Leistung abgibt. Es ist aber kein Tuning. Das jeweilige Drehmoment und die Dauerleistung des Motors werden nicht erhöht. Bei 250 Watt Motorleistung muss man schon mithelfen, wenn das Rad nach oben soll. Außerdem wird die Geometrie des Rades nicht verändert. Wer sich sein Rad so aufgebaut hat, dass der gemütlich auf einem gepolsterten Sattel thront und den Lenker nur locker umfasst, muss sich bei Steigungen umgewöhnen. Er muss sich dann stark nach vorne beugen, um Gewicht auf das Vorderrad zu bringen.

Beim Mittelmotor kann man in die Übersetzungsverhältnisse zwischen Antrieb und Reifen eingreifen: Vorne am Motor muss ein möglichst kleines Ritzel eingesetzt werden und hinten ein möglichst großes. Im Prinzip geht das auch mit einer Nabenschaltung, besser ist eine Kettenschaltung.

Ritzel und Kassette wechseln

Bei vielen Boschmotoren haben die kleinsten Ritzel 14 Zähne. Ersetzen Sie es ein Ritzel mit 20 Zähnen durch ein 14er, gewinnen Sie 30 Prozent. Hatte das alte Ritzel 18 Zähne, liegen Sie immerhin bei 22 Prozent. Hier haben Sie den stärksten Hebel. Für den Wechsel gibt es zahlreiche Anleitungsvideos. Wenn Sie die Arbeit selbst durchführen wollen, benötigen Sie an normalem Handwerkszeug einen Knarrenkasten und einen Set Inbusschlüssel, dazu brauchen Sie aber auch Spezialwerkzeug. Werkzeug für Fahrräder und ein Werkzeug für den Motor. Die Kurbel auf der Seite des Ritzels wird einem Kurbelabzieher demontiert. Für das Ritzel brauchen Sie einen Spider oder auch "Lockring Tool" genannt, der Spider muss zum jeweiligen Motor passen.

Spezialwerkzeug ist nötig

In vielen Fällen sollte das Austauschen des Ritzels ausreichen. Wenn Sie den Berg noch leichter hinauf pedalieren möchten, müssen Sie das Ritzel hinten an der Nabenschaltung austauschen oder die Kassette bei einer Kettenschaltung. Anders als beim Motor kommt es nun darauf an, ein Ritzel mit möglichst viel Zähnen in der Kassette zu haben. Beispiel: 10-fache Kassette.

Beim Kalkhoff Entice passte die Kassette mit dem großen, schwarzen Kranz problemlos. 
Beim Kalkhoff Entice passte die Kassette mit dem großen, schwarzen Kranz problemlos. 
© stern

In einem modernen Trekkingrad ist meist eine 10-fach Kassette eingebaut. Das größte Ritzel hat 32 oder 34 Zähne. Das tauschen Sie gegen eine Kassette mit 40 oder gar 42 Zähnen aus. So verändern Sie die Übersetzung noch einmal um etwa 20 Prozent. Wenn Sie den Umbau selbst machen wollen, benötigen Sie eine Kettenpeitsche und ein Verschlussring-Werkzeug. Kassetten können sich sehr festziehen, beide Werkzeuge müssen daher hochwertig sein. Wenn Sie auf 42 Zähne gehen, kann es passieren, dass die alte Kette zu kurz ist und ebenfalls ausgetauscht werden muss.

Was bringt das?

Rechnen wir einmal nach. Wenn ursprünglich 20 Zähne vorn und 32 Zähne hinten waren, hat das Rad mit einer Pedalumdrehung ungefähr 137 Zentimeter zurückgelegt. Das Austauschen allein des vorderen Ritzels führt dazu, dass das Rad nur noch 100 Zentimeter voran musste. Wird hinten zudem eine Kassette mit einem 42 Ritzel eingebaut, sind es nur noch 73 Zentimeter.

Was bedeutet das: Starb die Motorunterstützung vorher bei 12 km/h ergeben sich nun 8,7 km/h oder beim Tausch beider Ritzel sogar nur 6,4 km/h.

Und die brauchen Sie auch, bei 14 Prozent Steigung müssen ihre Muskeln 100 Watt auf die Pedale geben, damit kommen Sie und der Motor (250 Watt) etwa auf 7,5 km/h. Das ist für einen unsportlichen Radler noch realistisch, im Flachen würden Sie mit 100 Watt und ohne E-Motor etwa 19 km/h erreichen.

Sie können also sehr langsam und kraftsparend fahren und haben dennoch die volle Unterstützung des Motors. Beschädigt wird der Motor dadurch nicht, denn es wird nur die äußere Übersetzung geändert, intern dreht der Motor ebenso schnell wie vorher. In Einzelfällen kann es dazu kommen, dass der Motor die Übersetzung nicht akzeptiert und Fehlermeldungen ausgibt. Dann muss die Software von der Fachwerkstatt angepasst werden. Diese Veränderung ist übrigens absolut legal. Ihr Rad fährt danach nicht schneller, an der Abregelung bei 25 km/h ändert sich nichts.

Kosten und Fähigkeiten

Die Kosten für den Umbau sind überschaubar (Ritzel 10 Euro, Lockring Tool 10 Euro, Kassette ab 40 Euro), wenn Fahrradwerkszeug vorhanden ist. Das Werkzeug ist wiederverwendbar, doch Kurbelabzieher und das Set zum Wechsel der Kassette kosten zusammen etwa 70 Euro. Wer schon einmal am Rad echte Reparaturen wie Wechsel der Tretarme, Austausch des Kurbellagers oder der Kassette durchgeführt hat, bekommt diesen Umbau locker hin. Wir haben die Operation im Urlaub mit teils improvisierten Werkzeug an einem Kalkhoff Entice vorgenommen, das Ganze dauerte keine 45 Minuten. Jemand, der nicht einmal seine Schaltung einstellen kann, sollte die Finger davonlassen.

Anmerkung: Alle Angaben über Leistung und Geschwindigkeit sind Abschätzungen, die ja nach Fahrer und Fahrrad variieren.

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