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Mikromobilität: Die Elektro-Scooter sind los – diese Regeln und Gefahren sollten Sie kennen

Seit Mitte Juni sind Elektro-Scooter auch in Deutschland erlaubt. Hier erfahren Sie, wo Sie die Scooter benutzen dürfen und wo nicht. Und auch wieso diese flotten Flitzer ganz schön gefährlich sind.

Scooter-Fahren wirkt kinderleicht, solange bis eine Gefahrensituation entsteht.

Scooter-Fahren wirkt kinderleicht, solange bis eine Gefahrensituation entsteht.

Getty Images

In Ballungsräumen wie Berlin und Hamburg stehen die Scooter schon überall in der City und warten auf Kunden. Seit Mitte Juni sind Elektro-Scooter auch in Deutschland erlaubt. Doch das sind reine Verleihgeräte – aber auch Privatpersonen können sich einen eigenen Scooter zulegen.

Nichts geht ohne ABE

Wichtigste Voraussetzung für alle Geräte: Sie benötigen eine allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) für Deutschland. Geräte, die diese Genehmigung nicht haben, dürfen nicht im öffentlichen Verkehr benutzt werden. Die Geschwindigkeit der "legalen" Scooter ist auf Tempo 20 begrenzt. Besitzer von Alt-Scootern sind dumm dran, ihre Geräte sind praktisch wertlos. Wird so ein Gerät dennoch benutzt, haftet keine Versicherung für den Schaden. Ein Unfall kann den Scooter-Piloten ruinieren.

Doch auch wer jetzt einen Elektro-Scooter kaufen will, muss aufpassen. Nur wenige Geräte besitzen derzeit eine ABE. Doch im Internet werden viel mehr Modelle angeboten. Nur wer die Anzeigen sehr aufmerksam liest, wird den Hinweis finden, dass diese Scooter im Straßennetz nicht benutzt werden dürfen. In kurzer Zeit werden weitere "legale" E-Scooter auf den Markt kommen, es ist allerdings zu erwarten, dass sie teurer sein werden, als Internet-Schnäppchen ohne Zulassung, die es schon für 300 Euro gibt. Die Erfahrung in anderen Ländern zeigt, dass die Anzahl der Leihscootern, die der privaten Geräte weit übersteigt.

Versicherung ist Pflicht

Bei einem Leihgerät ist die Versicherung kein Problem, darum kümmert sich der Anbieter. Eine Privatperson muss eine eigene Haftpflichtversicherung ähnlich wie beim Mofa abschließen. Die Privathaftpflicht deckt anders als beim E-Bike – Typ Pedelec bis 25 km/h - keine Unfallschäden durch einen Scooter ab. Zu Bedenken bleibt: Die Haftpflichtversicherung tritt für Sach- und Personenschäden ein, die der Scooter bei einem Unfall verursacht. Der Fahrer selbst ist nicht versichert. Sollte er stürzen und schwere Schäden davontragen, wird er weder Schmerzensgeld noch Entschädigung erhalten, solange keine dritte Person den Unfall verursacht hat. Wer sich überschätzt und selbst einen Unfall verursacht, hat bei einem bleibenden Schaden ein großes Problem. Das ist allerdings keine Besonderheit des E-Scooter, bei einem Fahrrad ist die Rechtslage genauso. Wegen der hohen Unfallhäufigkeit der Scooter stellt sich das Problem hier dringlicher. Für die E-Scooter wird kein Führerschein benötigt, es gilt jedoch ein Mindestalter von 14 Jahren. Eine Helmpflicht gibt es nicht. Das Tragen eines Helmes ist unserer Meinung nach noch wichtiger als beim Fahrrad – da die Leihscooter keinen Helm mit anbieten, dürften die meisten Nutzer ohne Kopfschutz unterwegs sein.

Gehwege, Parks und Fußgängerzonen sind tabu

Zunächst war geplant, dass die Scooter in Deutschland auch auf Gehwegen und in Fußgängerzonen benutzt werden dürfen. Dieser Plan wurde von den Bundesländern gekippt. E-Scooter dürfen nur auf Radwegen und der Straße gefahren werden. Problematisch wird es bei Flächen, die eigentlich nur Fußgänger benutzen dürfen, bei denen die Benutzung für Fahrräder eigens freigegeben wurde. Das können zum Beispiel die Wege in Parkanlagen sein.

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Noch kann man in Deutschland nicht absehen, ob und wie Kommunen den Gebrauch und das Abstellen der Scooter reglementieren werden. In Paris werden jetzt sehr rigide Regeln und strenge Bußen eingeführt, dort sind aber auch 20.000 Leihscooter im Einsatz. Grundsätzlich muss auch in Deutschland damit gerechnet werden, dass einzelne Kommunen den Gebrauch von Scootern einschränken könnten.

Keine Freude auf großen Straßen

Da kaum eine deutsche Stadt über ein funktionierendes Netz von Radwegen verfügt, werden die E-Scooter häufig auch auf der Straße unterwegs sein. Auf mehrspurigen Hauptverkehrsstraßen ist das ein zweifelhaftes Vergnügen. Das Fahren auf Radwegen mit Schotter ohne feste Decke ist wegen der kleinen Reifen ebenfalls problematisch.

Mit E-Scooter kam es in der Vergangenheit gehäuft zu Unfällen. "Wir wissen aus internationalen Studien und Daten, dass das Verletzungspotenzial beim E-Scooter-Fahren sehr hoch ist", sagte Christopher Spering von der Klinik für Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen, der DPA.  Häufig waren Leichtsinn, Unaufmerksamkeit und Überschätzung der Fahrer Schuld. Davon abgesehen hat ein Scooter bauartbedingte Nachteile.

Der Scooter von BMW demonstriert der Versuch einen "sicheren" Roller zu bauen und zeigt auch die Problematik: Der X2City ist sehr groß und schwer und teuer. Alle Leihscooter gehen einen anderen Weg: Sie erfüllen die staatlichen Normen, legen aber mehr Wert auf die kompakte Form als auf die Sicherheit.

Die Form limitiert die Sicherheit

Diese Scooter haben zwei Grundprobleme: Ihre kleinen Reifen und die Position des Piloten. Kleine Reifen reagieren sehr empfindlich auf Schlaglöcher, Längsspalten und Kantsteinkanten. Große Räder können das alles besser wegstecken, zudem stabilisiert ihre Rotation die Fahrt des Zweirades. Grundsätzlich ist der Bremsweg bei einem Scooter deutlich länger als bei einem Rad.

Bei einer scharfen Bremsung besteht zudem die Gefahr eines Sturzes. Ein Fahrrad ist so gebaut, dass die Bewegung des Körpers beim Bremsen über den Lenker einen höheren Anpressdruck des Vorderrads erzeugt und sich der Oberkörper über die Arme abstützt. Nur bei starkem Gefälle kann es geschehen, dass der Radler von der eigenen Bremswirkung über den Lenker nach vorn geschleudert wird. Wegen der ganz anderen Geometrie eines Scooters funktioniert das beim E-Roller nicht.

Abflug bei starker Verzögerung

Der Lenker eines Scooters liegt fast senkrecht über der Reifennabe – diese Konstruktion macht den Scooter kompakt, ist für ein sicheres Bremsen aber alles andere als optimal. Durch die senkrechte Lenkstange kann der Ruck beim Bremsen nicht über den Lenker und die Reifen abgestützt werden. Das Gewicht des Fahrers wirkt nach vorn – der Roller will kippen. Da die Körpermaße weit oberhalb des Lenkers positioniert ist, wird der Körper über den Lenker hinweg beschleunigt. Geübte Piloten können diese Effekte durch die Haltung des Körpers kompensieren. Doch das sind geübte Akrobaten – der Tourist auf dem Leihscooter kann das nicht. Bei einem Sturz wird der Fahrer vom Scooter weg katapultiert – viele Verletzungen entstehen, weil der schwere Boden des Scooters, die die Batterien enthält, die Biene einquetscht oder auf den Körper prallt. Bei einer Kollision mit einem Fußgänger kann der Passant von dem schweren und kompakten Trittbrett getroffen werden.

Generell kann man sagen: Alle Bremsmanöver, die bei einem Fahrrad oder Motorrad schwierig sind, werden beim Scooter mit seinen Mini-Rädern noch kritischer – etwa das Bremsen bei Gefälle in einer Kurve.

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