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Folgen der Abwrackprämie: Schnäppchenhysterie am Automarkt

Wenn der Preis stimmt, verlieren die Deutschen alle Hemmungen. Konsumforscher erklären, warum die Abwrackprämie gerade bei uns so gut ankommt. Allerdings könnte die staatlich subventionierte Schnäppchenjagd das Käuferverhalten für immer verändern.

Das Konjunkturprogramm "Abwrackprämie" führt zur staatlich organisierten Massenhysterie. Die Zahl der Anträge hat die Millionen-Marke geknackt. Schon befürchtet der Einzelhandel, dass den Deutschen vor lauter Abwrackerei die Lust am Konsum anderer Güter vergehen könnte. Die Autobauer strahlen. Suzuki etwa hat bis Ende März in Deutschland 17.361 Fahrzeuge verkauft, fast 8500 Autos mehr als im ersten Quartal 2008. Opel hat im ersten Quartal 2009 annähernd 122.000 Fahrzeuge verkauft - eine Steigerung von fast 60 Prozent und das beste Quartalsergebnis seit zehn Jahren. Fiat hat im März mit 28.876 Zulassungen ein Rekordergebnis in der Unternehmensgeschichte erzielt. Der Marktanteil der italienischen Pkw-Marke wuchs auf 7,2 Prozent. Ford verzeichnete von Januar bis März 99.459 Pkw-Bestellungen, fast 65 Prozent mehr als im Vergleichzeitraum 2008.

Wie viele der Bestellungen auf die Abwrackprämie zurückzuführen sind, lässt sich schwer einzuschätzen - bei Ford zum Beispiel liefen die neuen Modelle Ka und Fiesta schon vor der Abwrackprämie gut an. Bei Renault wagt man immerhin eine Schätzung: "Wir schätzen, dass derzeit etwa 70 Prozent der Mehrverkäufe vorwiegend auf die Umweltprämie zurückzuführen sind. Außerdem gehen wir davon aus, dass sich etwa 70 bis 80 Prozent der derzeitigen Kunden zum ersten Mal ein neues Fahrzeug kaufen und dies ohne die Einführung der Abwrackprämie zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich nicht getan hätten", so Renault-Sprecherin Nadine Bartmann.

Das Geld vom Staat will jeder haben

Der Abwrack-Virus beschäftigt auch die Konsumforscher. "Der Verbraucher reagiert überaus positiv und sagt sich: Wenn der Staat mir 2500 Euro als Geschenk anbietet, nehme ich das natürlich gerne an. Doch durch den Vorzieh-Effekt werden jetzt viele Anschaffungen gemacht, die der Branche später fehlen werden", glaubt Rolf Bürkl, der bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg (GfK) die Verbraucherstimmung beobachtet. Außerdem werde durch die Umweltprämie nur eine Branche gezielt subventioniert. "Die Kunden kaufen sich zwar ein neues Auto, doch dafür fällt vielleicht die Urlaubsreise oder eine andere Anschaffung weg – das ist gesamtwirtschaftlich nicht unproblematisch", so der Konsumforscher. Als Knackpunkt wird sich nach Bürkls Ansicht die Entwicklung des Arbeitsmarktes erweisen. "Der reagiert immer zeitverzögert auf die wirtschaftliche Entwicklung. Wir erwarten in der zweiten Jahreshälfte noch viel stärkere Bremsspuren auf dem Arbeitsmarkt als bisher und damit auch eine Verschlechterung des Konsumklimas", so Bürkl.

Das Land der Discounter

Dass die Umweltprämie ausgerechnet die Deutschen in Scharen zu den Autohäusern treibt, liegt nach Ansicht der Forscher an der deutschen Handelsstruktur. "Die Bedeutung der Discounter ist über die Maßen hoch. Die Deutschen haben das Bedürfnis, sich möglichst günstig mit Waren einzudecken", so Bürkl. "Die Abwrackprämie ist nur die Variation anderer Promotion-Maßnahmen wie etwa "3 kaufen, 2 bezahlen"", ergänzt GfK-Marketingleiter Wolfgang Twardawa. Die Deutschen reagierten jedoch stärker auf solche Maßnahmen als andere Nationen. "Wir sind ein Volk von Schnäppchenjägern. Jeder zweite Discounter in Europa steht in Deutschland, und unsere Preise sind im europäischen Vergleich oft die niedrigsten. Die Franzosen lieben beim Einkaufen vor allem die Vielfalt, die Engländer legen besonderen Wert auf Service, doch die Deutschen kaufen vor allem über den Preis", berichtet Twardawa von den Forschungsergebnissen der GfK.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Glauben Sie, dass die Abwrackprämie auf Dauer die Preise für Autos nach unten zieht?

Viele Autohersteller gehen nicht davon aus, durch die Umweltprämie zu dauerhaften Preissenkungen gezwungen zu sein. "Die Gefahr der "Gewöhnung" an niedrigere Preise sehen wir so nicht, denn nicht jeder Käufer hatte ja Anrecht auf die Umweltprämie", sagt zum Beispiel Opel-Sprecher Michael Taube. Auch Suzuki-Sprecher Jörg Machalitzky glaubt nicht an einen Gewöhnungseffekt. "Die Kunden wissen, dass die derzeitigen Preise aus der staatlichen Umweltprämie resultieren", so Machalitzky.

Neues Anspruchsdenken

Die GfK-Forscher sind nicht so optimistisch. "Im Jahr 2010 wird die Automobilbranche zwei Probleme haben: Zum einen den Nachfragerückgang durch viele vorgezogene Käufe, zum anderen ein höheres Anspruchsdenken der Käufer. Und das gilt nicht für den Automarkt", glaubt GfK-Marketingleiter Twardawa. "Der Staat erzieht Verbraucher zu Schnäppchenjägern. Die Käufer gehen nun grundsätzlich davon aus, dass es solche Nachlässe gibt, und wollen sie auch haben. Selbst Leute, die jetzt die Umweltprämie nicht nutzen können – etwa weil nicht genug Geld da ist oder das eigene Auto noch keine 10 Jahre alt ist – beschäftigen sich mit diesem Thema. Also werden Autohändler nach dem Auslaufen der Umweltprämie andere Prämiensysteme anbieten. So etwas können Sie nicht stoppen - die Geister, die man rief, wird man nun nicht mehr los", warnt der Konsumforscher.

Schon jetzt weckt die PKW-Abwrackprämie auch Begehrlichkeiten in der Nutzfahrzeugbranche, die wegen der Wirtschaftsflaute massiv eingebrochen ist. "Die Krise muss mit Unterstützung des Staates auch zur ökologischen Erneuerung des gewerblichen Fahrzeugparks genutzt werden. Dazu schlagen wir eine Ausdehnung der Umweltprämie auf Transporter und leichte Nutzfahrzeuge vor", sagen Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, und Robert Rademacher, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes.

Sebastian Viehmann/PressInform / PRESSINFORM

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