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Ideenwettbewerb in Korea: Endlich kann man Liebesgrüße auf die Straße drucken

Beim Kreativwettbewerb von Kia und Hyundai steht die Kommunikation im Vordergrund. Ein Team installiert Druckerdüsen unter dem Stoßfänger, andere verwandeln das Auto in einen rollenden Bildschirm - mit loderndem Kaminfeuer auf der Autobahn.

Ein Traum! So kann man endlich Reklame auf die Straße drucken.

Ein Traum! So kann man endlich Reklame auf die Straße drucken.

Das hat gerade noch gefehlt, geht es Youngkyung Choi durch den Kopf, als die Taifunwarnung kommt. Eigentlich haben der 30-jährige Ingenieur und sein vierköpfiges Team die Vorbereitungen zu ihrer Teilnahme am Finale so gut wie abgeschlossen. Die Idee, ein Automobil mit 15 auf die Straße gerichteten Tintenstrahldüsen unter dem Stoßfänger auszurüsten, soll die Kommunikation in den Städten verändern: Das als übergroßer, mobiler Drucker. "Die Straße wird unsere Leinwand", sagt Choi. Den Anstoß zu dem Projekt gab ein Kinderbild, das Choi hochhält. Es zeigt ein Auto, das vorne und hinten mit Buntstiften bestückt ist.

Grüße auf die Straße drucken

Nach wochenlangen Berechnungen und Versuchen hat das Team um Choi die Einspritzmenge der wässrigen Tinte und deren Farbe auf den glatten Asphalt vor dem Entwicklungszentrum von und Kia abgestimmt. Ursprünglich sollte ihre Präsentation hier in Namyang, südlich von Seoul, unter freiem Himmel stattfinden. Das ideale Tempo, das ihr Auto bei der Vorführung fahren sollte, lag deutlich über Schrittgeschwindigkeit, aber unter 30 km/h. Alles passte, eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. Die Idee, mit wasserlöslicher Farbe flüchtige Botschaften auf die Straße sprühen zu können, soll neue Kommunikationswege im öffentlichen Raum eröffnen: Werbung in belebten Vierteln, Restauranttipps vor Hotels, Firmenlogos vor dem Sitz der Konkurrenz oder einfach nur "Happy Birthday " als Gruß, von einem Auto auf die Straße gedruckt. Doch dann kam der Sturm. 

Während das Tief namens Chaba den Süden unter Wasser setzte, Flughäfen lahmlegte und Bäume ausriss, streifte es den Ballungsraum Seoul jedoch nur. Trotzdem wirbelte es die Pläne von Choi und seinen Kollegen komplett durcheinander. Aus Sicherheitsgründen wurde das Finale, etwas voreilig vielleicht, in die Halle mit dem glatten Fliesenboden verlegt. Für Chois Mannschaft änderte sich dadurch alles: Kein Asphalt mehr – worauf sollten sie ihre Tinte sprühen? Kunstlicht – welche Farbe sollten sie nun benutzen? Außerdem durften sie in der Halle, kaum größer als ein Fernsehstudio, nur noch Schritttempo fahren. 

"Wir haben bis um drei Uhr morgens gearbeitet ", sagt Choi, als er endlich vor dem Publikum steht und sein Team und ihre gemeinsame Idee mit dem Titel "Kiss on the Road " vorstellt. Sie haben Turnmatten verlegt, wo das Auto Farbe auf den Boden sprühen soll. Choi sieht kein bisschen müde aus, und wirkt auch nicht nervös. Draußen scheint die Sonne. Er kann ohnehin nichts mehr ändern.

 Kommunikation aus dem Auto

"Wenn ich ein Mädchen sehe, das mir gefällt ", witzelt Jae Woo Kim, einer der Moderatoren, "dann könnte ich meine Telefonnummer auf die Straße schreiben. Und dann können wir ausgehen. " Kichern aus dem Publikum. Der Fahrer in dem roten Hyundai legt den Rückwärtsgang ein und lässt die Kupplung kommen. Der Wagen setzt zurück. Auf dem Boden kommt das Genesis-Logo zum Vorschein, das für die Luxusmarke des Konzerns steht. Riesenapplaus. Vorstandsmitglied Woong-Chul Yang, Schirmherr und Jurymitglied des Ideen-Wettbewerbs, hält es nicht auf seinem Stuhl. "Ich bin begeistert ", sagt er, "dass Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen so kreativ zusammenarbeiten. Diese Möglichkeit hatten wir früher nicht. " 

An diesem Donnerstag im Oktober präsentieren sieben Teams aus dem Entwicklungszentrum des Hyundai-Konzerns, zu dem auch die Marke gehört, die besten Beiträge, die es bis ins Finale des Ideen-Festivals geschafft haben. Mit dieser Veranstaltungsreihe ermutigt der Konzern seine 262.000 Mitarbeiter, querzudenken und die streng hierarchischen Strukturen, die in koreanischen Firmen herrschen, zu überwinden. Als Belohnung für die Gewinner lockt der Schirmherr mit Studienaufenthalten in Konzern-Einrichtungen in Übersee. 

Hyundais , der in diesem Jahr zum siebten Mal ausgetragen wird, steht auch für einen Wendepunkt in der noch jungen Autonation Südkorea. Ihren Aufstieg zur Nummer Fünf weltweit verdankt die Hyundai Motor Group, zu der seit 1998 auch Kia gehört, preisgünstiger Massenware. Knapp acht Millionen Fahrzeuge verkaufen die Koreaner jährlich. Doch mittlerweile drängen neue Konkurrenten aus China und anderswo nach, die ihrerseits die Weltmärkte mit Billigautos versorgen wollen.

Hyundais Strategie heißt deshalb Diversifizierung, und die lässt sich am besten mit Innovationen vorantreiben. 2012 hat der Konzern bereits eine eigene Akademie gegründet; ein Jahr zuvor den Ideenwettbewerb angeschoben. Vorbilder gibt es reichlich, wenn auch wenige aus der Autoindustrie: 3M, BASF, L'Oréal, der indische Tata-Konzern. Kreative Mitarbeiter, so der Gedanke, sind ein besonders wertvolles Kapital.

Bei Hyundai und Kia bekommt jede Mannschaft, die das Finale erreicht, für die Umsetzung ein Budget in Höhe von Neun Millionen Won, das sind umgerechnet rund 8000 Euro. Das Projekt muss jedoch außerhalb der Arbeitszeit vorangetrieben werden.

Auf diese Folie  kann man nur schreiben, wenn sie angehaucht worden ist.

Auf diese Folie  kann man nur schreiben, wenn sie angehaucht worden ist.

Über Monate haben Jin-Oh Kim und seine Kollegen jeweils mehr als 600 Stunden an ihrer Idee gearbeitet, den Schulweg koreanischer Kinder sicherer zu machen. "I Guardian " nennen sie ihren gelben Schulbus, der eine Art Hightech-Schutzengel sein soll. "Manche koreanische Autofahrer sind Rüpel ", sagt der Moderator, "sie befolgen die Regeln nicht ". Häufig komme es zu Unfällen, weil Autofahrer nicht wie vorgeschrieben anhalten, wenn der Schulbus stoppt. I Guardian sendet drahtlos nicht nur eine Nachricht an den nachfolgenden Verkehr, sondern er projiziert auch ein Kamerabild, das die Lage vor dem Bus aufnimmt, auf dessen Heckscheibe. So sind die Kinder für andere präsenter. Und hilft das immer noch nicht, fährt automatisch unter dem Bus eine Temposchwelle heraus und zwingt die Autofahrer zum Stopp – sozusagen als ultima ratio gegen Verkehrsteilnehmer, die die leichtsinnig Kinder allzu großer Gefahr aussetzen.

Schreibfolien zum Anhauchen

Zufall oder nicht – Kommunikation im Straßenverkehr ist ein zentrales Thema des Wettbewerbs. Autofahrer sind in ihren Vehikeln von anderen Verkehrsteilnehmern weitgehend isoliert – wie in einer Raumkapsel. Die Ingenieure, die am Ideenfestival teilnehmen, haben offensichtlich das ausgeprägte Bedürfnis, die Durchlässigkeit der Kabinenwand zu erhöhen. So hat eine Gruppe mit dem Projektnamen "Twinkle " sein Fahrzeug mit riesigen LED-Folien bezogen, um auf sich aufmerksam zu machen. Auf den Displays können nicht nur Musikvideos, Werbung oder Bilder von einem flackernden Kamin laufen. Bei Gefahr können die Bremslichter über das gesamte Heck erwachsen, oder das Auto zu einem gigantischem Blaulicht, das andere warnt. 

In der Jury des Ideen-Festivals sitzt auch ein Deutscher: Peter Schreyer, Chefdesigner des Konzerns, ist der höchstrangige Ausländer in einem koreanischen Unternehmen. "Mister Peter", wie ihn die Mitarbeiter nennen, hat natürlich seine eigenen Erfahrungen mit Wettbewerben. So arbeiten die weltweit verstreuten Designstudios tagtäglich zusammen, aber auch in Konkurrenz um die besten Ideen. Auch wenn diese oft weit von der Serienreife entfernt sind: "Es kommt drauf an, was im nächsten Schritt daraus wird ", sagt Schreyer. Für ihn ist "Sketchbook " der Favorit. Das Team dahinter hat eine Folie für die Seitenscheiben entwickelt, auf die man mit dem Finger schreiben oder zeichnen kann – wie auf eine beschlagene Scheibe. Der Witz bei Sketchbook: Man haucht die Folie an, um sie zu aktivieren. "Auf beschlagenen Scheiben haben wir früher schon gemalt, mit den Kindern in der Seilbahn auf dem Weg zum Skilaufen ", sagt der gebürtige Reichenhaller. "Und heute mache ich das immer noch, in der Limousine, auf dem Weg vom Flughafen ins Headquarter ". Sketchbook überträgt die Skizzen auf Knopfdruck auf das Tablet oder den Computer im Büro, damit man seine Ideen später weiterentwickeln kann. Und darum geht es hier ja schließlich.

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