Mobilität Reisen bald nur noch Reiche?


Runter mit den CO2-Emissionen! Das wollen alle, aber die fossilen Ressourcen werden teurer, bevor sie endgültig aufgebraucht sind. Hinter der Diskussion um EU-Grenzwerte lauert die Frage der Gerechtigkeit, wenn ein Porsche Cayenne mit einem kleinen Trick zum Klimafreund wird.
Von Christoph M. Schwarzer

"Klimaschweine". Mit rosa Farbe, Ohren und Ringelschwänzen verzierte Greenpeace vor der IAA Autos von Audi, BMW und Volkswagen. Der Vorwurf der Umweltschutz-Organisation: Mit ihrem hohen Verbrauch und den entsprechenden Kohlendioxid-Emissionen heizen die dicken deutschen Luftverschmutzer das Klima an. Und die Spar-Studien auf der Automesse seien nur "Scheinaktivitäten". Die eine Million Gäste, die zur IAA pilgern werden, sollte sich für mehr als nur das Klima interessieren. Denn die CO2-Emissionen gehen mit dem Verbrauch einher, und der müsste bei Rekordpreisen um 80 Dollar pro Rohöl-Fass eigentlich von allein sinken. Aber was passiert, wenn die breite Masse trotz hoher Preise noch Auto fahren will.

EU plant harte Obergrenzen

Das Problem ist bekannt. Die fossilen Ressourcen sind begrenzt, die Nachfrage steigt nicht nur wegen der Chinesen, und kleinste politische Unruhen können den Preis in die Höhe treiben. Sparen ist angesagt, und das sieht sogar die EU-Kommission so: Bis 2012 soll die Obergrenze beim Kohlendioxid 120 Gramm pro Kilometer betragen. Das entspricht etwa fünf Liter Verbrauch beim Benziner und 4,5 Liter beim Dieselmotor. Wie soll das ein Geländewagen vom Schlag eines Mercedes GL oder BMW X5 jemals schaffen? Das, so scheint die Position der EU, ist Aufgabe der Hersteller. Und die könnten unter Umständen, siehe Porsche, den Laden dichtmachen, weil die Ziele unerreichbar sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat darum Stellung bezogen: Die deutschen Hersteller hätten ihre Unterstützung bei der Forderung, dass die von der EU geforderte Reduktion des Treibhausgases Kohlendioxid auf die verschiedenen Segmente verteilt werden müsse. Was das in der Übersetzung heißt, ist wie so oft bei Angela Merkel nicht klar zu deuten. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) plädiert nämlich für eine Differenzierung der Grenzwerte nach Fahrzeuggewicht.

VDA ohne zukunftsfähigen Vorschlag

Im Klartext möchte der VDA also, dass schwergewichtige Autos, deren Hauptvertreter die großen Geländewagen - neudeutsch SUVs - sind, weniger scharfe Grenzwerte erfüllen müssen als Kleinwagen. Wie absurd diese Forderung ist, zeigt ein Vergleich innerhalb des Volkswagen-Konzerns. Ein Oberklasse-Audi A8 wiegt bei ähnlicher oder gleicher Technik wie ein VW Phaeton etliche Zentner weniger. Eine Regelung nach VDA-Vorstellung würde in der Folge den Druck von den Herstellern nehmen, endlich die Gewichtsspirale umzudrehen und leichtere, sparsamere Autos zu bauen.

Langsam packt den VDA offenbar die nackte Angst. Die Profitbringer der deutschen Autoindustrie, und zu denen gehören die fast ausnahmslos im Ausland produzierten schweren Geländewagen, könnten plötzlich entweder per Gesetz vom Markt verschwinden oder durch hohe Steuern im Absatz geschwächt werden. Da wird auch Frau Merkel nicht helfen: Wenn sie von der Verteilung der Reduktionsziele auf verschiedene Segmente spricht, hat sie bestimmt nicht die Erlaubnis für schwere Limousinen und Geländewagen im Auge, ungestraft höchste Verbräuche zu realisieren.

"Klimaneutral" durch Biosprit

Wahrscheinlicher ist, dass ihr ein Flottenverbrauch vorschwebt: Jeder Hersteller müsste im Durchschnitt der von ihm angebotenen Fahrzeuge einen Wert von 120 Gramm erzielen. Das ist leichter für alle Hersteller, die auch kleine Autos anbieten. Für die Vollsortimenter Opel und Ford trifft das ohnehin zu. Auch Mercedes hat mit A-Klasse, Smart und kommenden Brennstoffzellen-Autos Verbrauchssenker im Programm. Und bei BMW hilft der Mini. Einzig Porsche hätte ein Problem - es sei denn, die Baden-Württemberger kauften wirklich Volkswagen. So wären alle aus dem Schneider. Selbst ein paar kleine Strafzahlungen beim leichten Übertreten der Grenzwerte wären kein ernsthaftes Problem. Alle wären zufrieden, und die Kanzlerin hätte mal wieder gezeigt, was mit Kompromiss, Verstand und ein wenig List alles möglich ist. Von der EU droht den deutschen Autobauern also wenig Gefahr, zumal der Wert der CO2-Emissionen nominell auch durch den Einsatz von Biokraftstoffen gesenkt werden kann. Auf die Spitze getrieben könnte das bedeuten, dass ein Porsche Cayenne mit Bioethanol oder Biomethan vom eigenen Feld plötzlich als "klimaneutral" eingestuft werden könnte. Und gewonnen hätte wieder der, der sich den Ackerbau leisten kann. Der Normalo kann schon mal die Reifen von seinem Fahrrad aufpumpen.

Politik könnte Individualverkehr sichern

Sorgen machen muss sich die breite Masse der Autofahrer, die Pendler und Alltagsnutzer. Für sie droht Ungemach in Gestalt der kommenden, CO2-basierten Kfz-Steuer. Ein Luxusauto verbraucht drei bis vier Mal so viel wie ein Kleinwagen. Sollte die zukünftige Steuer linear gestaltet werden, und das könnte ab 2009 für Neuwagen der Fall sein, wäre dann eben auch nur das drei- bis vierfache an Steuern fällig. Ein Scherz für den, der es sich leisten kann. Politiker sprechen es ungern direkt aus: Verhaltensregulierung über der Preis bedeutet für das untere Ende der Einkommensspanne immer Verzicht. Eine ernsthafte Lenkungswirkung wäre wohl nur zu erzielen, wenn man einen erstrebenswerten Zielwert von zum Beispiel den 100 Gramm Kohlendioxid-Emissionen eines VW Polo BlueMotion annimmt, die darüber liegenden Autos überproportional besteuert und das Geld benutzt, um darunter liegende Fahrzeuge zu fördern.

Der Staat kann also durchaus Einfluss nehmen und die Mobilität der breiten Masse zu sichern. Die Ressourcen sind begrenzt, und mit welcher Begründung sollte einer mehr vom kostbaren Gut Rohöl verwenden dürfen als ein anderer? Die Konsequenz kann nur sein, dass Großverbraucher erheblich zur Kasse gebeten werden, um Konzepte zu fördern wie den Opel Flextreme oder den Citroen C-Cactus, die geringe Verbräuche für Autos im Massenmarkt schaffen würden. Wenn alles so bleibt, wie es ist, gehört die Autobahn irgendwann den Reichen. Dann gilt frei nach Brecht: Man siehet die, die fahren, die die nicht fahren, sieht man nicht.


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