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Motorleistung und Fahrwerk in Harmonie: Selbstüberschätzung führt zum Sturz

Motorräder werden immer stärker - aber auch zunehmend sicherer. Fahrwerk, Bremsen und Reifen sind heutzutage in Balance mit der Motorleistung. Was bleibt ist der Risikofaktor Mensch. Mit seiner Selbstüberschätzung steht er sich selbst im Weg - und nicht der Baum.

Von Peter Ilg

Die Vmax von Yamaha wird geliebt und gehasst wie kaum ein anderes Motorrad. Es ist ihr bärenstarker Motor, für den das Motorrad bei seiner Einführung vor über 20 Jahren Beifall erntete. Hoffnungslos überfordert war das Fahrwerk mit den 140 PS. Jetzt hat Yamaha angekündigt, das Kult-Bike aufleben zu lassen. Ab November 2008 kann die neue Vmax gekauft werden. Zwar im limitierter Stückzahl, dafür mit reichlich Leistung. Der V4-Motor mit 1679 ccm Hubraum leistet 200 PS. Das ist gewaltig. Doch ihrem Namen wird die Maschine nicht gerecht: ein Elektronikbauteil regelt bei 220 Stundenkilometern ab. Wer will auch schon Geschwindigkeitsrekorde auf einem Naked-Bike brechen? Wohl niemand. Dafür verspricht die Neuauflage der Vmax höchste Sicherheit: "Das Fahrwerk ist auf gleichem Niveau wie die Motorleistung", teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit. Motorradfahren ist insgesamt sicherer geworden, davon sind Experten überzeugt.

Harald Rüttgers ist beim TÜV-Rheinland in Köln für die Homologation von Motorrädern und -teilen zuständig. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine umfangreiche Prozedur, damit die Fahrzeuge in Deutschland zugelassen werden dürfen. Dabei geht es vor allem um Sicherheit. Rüttgers testet die Motorräder ausgiebig, auch auf der Straße. "Ich habe rund eine Million Kilometer auf zwei Rädern zurückgelegt", sagt der 48-jährige. Manche davon sogar richtig schnell. Als Suzuki mit der Hayabusa das erste Motorrad auf den Markt brachte, das über 300 Stundenkilometer laufen sollte, hat er das ausprobiert. "Morgens um vier auf der A31", sagt er. Aber nur ganz kurz, weil solche Geschwindigkeiten im höchsten Grad physisch und psychisch anstrengend, zudem total sinnlos seien. Deshalb ist er überzeugt: "Motorradfahrer testen ein einziges Mal, ob ihre Maschine tatsächlich hält, was der Hersteller verspricht. Dann ist gut und sie fahren künftig gemäßigt weiter."

Technik verzeiht leichter Fahrfehler

Dass aktuelle Maschinen ihrer Leistung gewachsen sind, davon ist der Mann vom TÜV überzeugt. Rüttgers: "Bei den Reifen, dem Fahrwerk und den Bremsen hat die Technik in den vergangenen Jahren wahre Quantensprünge gemacht." Motorradunfälle gehen nach seiner Einschätzung deshalb zurück, "weil die Maschinen heute Fahrfehler leichter verzeihen".

Das Statistische Bundesamt vermutet andere Gründe für den Rückgang. 362 Menschen starben nach vorläufigen Ergebnissen bei Straßenverkehrsunfällen im April 2008 in Deutschland. Das waren 121 Personen oder ein Viertel weniger als im April 2007. Das sei allerdings auf die unterschiedlichen Witterungsverhältnisse zurückzuführen. Während in diesem Jahr das für den April typische Wetter vorlag, wurden im April 2007 wegen des sommerlichen Wetters mehr Verunglückte gezählt - vor allem auf Zweirädern.

Fieser Crash beim Driften

Leistung im Überfluss bedarf Selbstbeherrschung

17 Prozent aller im Straßenverkehr getöteten Personen sind Motorradfahrer. Das ist viel im Vergleich zu den zugelassenen Fahrzeugen insgesamt: etwa vier Millionen Motorräder stehen fast 50 Millionen Autos gegenüber. Rein rechnerisch ist die Gefahr fast viermal höher, mit dem Motorrad auf der Straße ums Leben zu kommen, als mit dem Auto. Dass dies mit hoher Geschwindigkeit zu tun hat, dem widerspricht Dr.-Ing. Achim Kuschefski: "Zwischen Motorleistung und Unfallwahrscheinlichkeit besteht kein Zusammenhang." Seine Aussage begründet der Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit e. V. in Essen mit den Ergebnissen des Forschungsprojekts MAIDS. Die Abkürzung steht für Motorcycle Accident In Depth Study. Für die Studie wurden europaweit Motorradunfälle detailliert ausgewertet. Kuschefski teilt die Meinung seines Ingenieur-Kollegen Rüttgers: "Fahrwerk und Leistung sind heutzutage in Balance, Motorradfahren ist sicherer denn je." (siehe Interview).

Wo aber ist die Leistungsgrenze dafür, was ein Fahrwerk aushält? Dazu Yamaha: "Die Entwicklung von Fahrwerk und Motor läuft immer parallel und beides wird aufeinander abgestimmt. Eine absolute PS-Zahl zu nennen, ist daher unmöglich." Helmut Kury, Kriminologe und Professor für Psychologie an der Universität Freiburg stellt allerdings schon 100 PS starke Motorräder in Frage. "Dafür sind wir nicht geschaffen." Er meint nicht die Höchstgeschwindigkeit auf den Autobahnen, wo ohnehin eher sportliche Autos als Raser unterwegs sind. Er meint den einen Zentimeter mehr oder weniger am Gasgriff, der das Motorrad in eine Waffe verwandelt. Mit der Leistung im Überfluss umgehen zu können, bedarf es einem gehörigen Maß an Selbstbeherrschung.

Macht der Gewohnheit nimmt Reiz

Starke Motorräder verleihen dem Fahrer Macht im Straßenverkehr. "Wer eine Maschine mit viel PS fährt, geht völlig bewusst ein hohes Risiko ein und braucht die Sensation", charakterisiert der Professor den Typ Mensch, der sich eine Super-Sport-Maschine kauft. Das gefährliche daran sei: je öfter man damit fährt, umso ungefährlicher und unspektakulärer scheint die Sache zu sein. Das ist beim Bungee-Jumping nicht anders als beim Motorradfahren. Mit der Zeit entsteht das Gefühl, sicher unterwegs zu sein, auch wenn die Geschwindigkeit still und heimlich, bewusst oder unbewusst zunimmt. Und irgendwann ist die Grenze erreicht und die Kurve nicht mehr zu schaffen. "Es ist die Macht der Gewohnheit, die den Reiz nimmt," sagt Kury "und die Selbstüberschätzung, die letztendlich zum Unfall führt." Das Fahrzeug ist dabei nur Mittel zum Zweck.

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