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Panzer-Nachbau: Heiße Liebe zum kalten Stahl

Im westfälischen Rheine baut ein ehemaliger Panzerschlosser der Bundeswehr den legendären Kampfpanzer Tiger nach – originalgetreu und zwar im Maßstab 1 zu 1.

Von Roland Brockmann

Es begann als Liebesgeschichte. Der Fernfahrer Stefan Wübbelmann (46) besuchte seine damalige Freundin in Lettland - und entdeckte den Panzerkampfwagen VI der Wehrmacht, genannt "Tiger". Jedem Mythos, jedem Gerücht ging er in Riga nach, suchte mit einer Spezialsonde in umliegenden Sümpfen und ehemaligen Schützengräben; aber bis auf alte Stahlhelme oder Munitionskisten fand er nichts: keine Spur vom legendären Tiger. Da kam ihm die Idee: "Ich baue mir das Ding einfach selbst."

Seine Freunde erklärten den gelernten KFZ-Mechaniker anfangs für verrückt: Das schaffst Du nie. Aber der ließ sich nicht beirren. "Inzwischen zollen auch die ehemaligen Skeptiker Respekt", erklärt Stefan Wübbelmann, sechs Jahre später, stolz neben seinem Tiger stehend: einem 15-Tonnen-Koloss aus Stahl - 8,5 Meter lang und 3,14 Meter breit. Martialisch ragt die 88-mm-Kanone in die Werkstatthalle auf dem Gelände der ehemaligen Gellendorf-Kaserne. Heute werden in der riesigen Halle eigentlich die LKWs der elterlichen Speditionsfirma gewartet.

Ein passender Ort für den Panzerbauer. Denn in genau dieser Kaserne hatte Wübbelmann einst seinen Wehrdienst abgeleistet - als Panzerschlosser. Daher also sein Know-how. "Das Wissen war da, man muss aber auch die Hände dafür haben", erklärt der Mann im blauen Overall: "Und die Verrücktheit."

Enorme Kosten

Rund siebzig Tausend Euro hat er bereits in sein ungewöhnliches Hobby gesteckt. Viel Geld für einen Fernfahrer. Dafür könnte man sich eine schicke Motoryacht leisten. Aber die braucht Stefan Wübbelmann nicht "und auch kein Einfamilienhaus". Mit seiner Freundin wohnt der 46-Jährige in einer Einliegerwohnung bei seinen Eltern. Die neue Lebensgefährtin stammt aus Kasachstan und zeigt für die Tiger-Leidenschaft ihres Freundes so gar kein Interesse. Obwohl der Panzerfan seinen Nachbau sogar nach ihr benannt hat: "Irina" steht es Weiß auf Grün in Frakturschrift auf dem Kanonenrohr.

Verkehrssünder benutzen verbotenerweise den Standstreifen.

Eine symbolische Geste, die jedoch nicht über die wahren Prioritäten des Mannes hinweg täuschen kann: Vor die Entscheidung gestellt, zwischen der Irina aus Kasachstan und Irina, dem Panzer aus Rheine, wählen zu müssen - Wübbelmann würde nicht lange zögern. "Aber das wusste meine Freundin auch von Anfang an."

Wenige erhaltene Originale

Auch mit der Liebe in Lettland war es bald vorbei, als er beschloss den Panzer nicht mehr zu suchen, sondern nachzubauen. Denn statt nach Lettland zog es den Tigerfan nun nach England. Im Panzermuseum von Bovington machte er zunächst Fotos von einem der wenigen erhaltenen Original-Tiger.

Exakt 1355 Stück wurden damals im Auftrag der Wehrmacht von der Firma Wegmann hergestellt. Sie kamen vor allem in Tunesien, an der Ostfront oder in der Normandie zum Einsatz und wurden wegen ihrer Feuerkraft bald zum Mythos.

"Übrig sind heute weltweit nur noch sechs Panzerkampfwagen VI", erklärt Wübbelmann. "Zwei stehen im Russischen Museum Kublinka, einer - ziemlich zerschossen - als Denkmal bei Moskau und das einzig fahrbereite Gerät in Bovington. Außerdem gibt es nur noch einen Original-Tiger in den USA und natürlich den im französischen Freilichtmuseum von Saumur."

Dahin pilgert der Panzerbastler nun regelmäßig. Bewaffnet mit Zollstock und Winkeleisen klettert er dort auf dem Original herum, nimmt Maß für seinen Nachbau. Was die französischen Anwohner immer wieder irritiert. Wiederholt riefen sie die Polizei. Die schüttelte nur den Kopf über den Mann. Inzwischen kennt man sich. "Die lachen, lassen mich aber machen."

Original Unterlagen immer noch geheim

Zwar würden "im Safe von Krauss-Maffei Wegmann" bis heute Bauzeichnungen von damals lagern, aber die, so fand Wübbelmann heraus, "unterliegen der Geheimhaltung, weil noch immer Details in neue Panzerkonstruktionen übernommen werden". Und selbst Pläne vom Panzerglas für die Scheinwerfer gelten als geheim, weil das damals militärischen Zwecken diente.

Die einzigen Pläne, die Stefan Wübbelmann auftreiben konnte, waren die eines Miniaturmodells im Maßstab 1:16. Zunächst wollte er die dann einfach auf 1:1 umrechnen, musste aber schnell feststellen, dass das so nicht klappen kann - "dann passt am Ende nämlich gar nichts."

Und absolute Genauigkeit ist ihm sehr wichtig - jedenfalls von außen: "Den Panzer auch innen nachzubauen, ist fast unmöglich", räumt der Panzerfan ein. "Allein eine Original-Antenne kostet etwa 600 Euro. Natürlich hätte ich die gerne, kann das aber nicht bezahlen." Außer dem Benzinkanister entsteht "Irina" daher in Handarbeit völlig neu: In der Werkshalle seiner Eltern schneidet und schweißt Wübbelmann alles selber. Und zwar so, dass selbst Fachleute keine Fehler entdecken würden. Etwa bei den Schweißnähten: "Damals kannte man noch kein Schutzgas, schweißte mit Edelstahlelektroden. Also arbeite ich die Schweißnähte nach, so dass sie aussehen wie damals."

Auch die Farben sind natürlich originalgetreu. Während der Farbton "RAL 8000" der Tunesien-Version des Tigers noch immer angeboten wird, ist "RAL 7028" des Standartmodells allerdings längst von der Farbkarte verschwunden. Wübbelmann ließ sich den Farbton eigens nachmischen.

Ein optisches Replikat

Grenzen setzt ihm allerdings das "Waffenkontrollgesetz". Denn bei "Irina" handelt es sich schließlich nicht um einen nachgebauten Trecker, sondern ein Kriegsgerät mit Kanone und damit offiziell um eine "Anscheinswaffe" - auch wenn sie tatsächlich keinen Schuss abgeben kann. Um die Legalität seines eigenwilligen Vorhabens zu prüfen hat der ehemalige Panzerschlosser sich rechtzeitig schlaugemacht und beim Wirtschaftsministerium angerufen.

Dort fragte man ihn nur, woraus denn die Kanone seines Panzers bestünde. "Kunststoff", antwortete Wübbelmann. Und damit war die Sache klar. Kein Problem. Dem Panzerfreund geht es ohnehin "allein um die Optik, das Ding muss nicht schießen können."

40.000 Euro für die Ketten

Eine echte Herausforderung stellt inzwischen vielmehr die Kette des Panzers dar. Sozusagen das letzte fehlende Teilstück, um den Tiger zumindest stehend komplett zu machen. Doch das kommt richtig teuer. Wübbelmann rechnet mit weiteren Investitionen von 40.000 Euro. Online hat er bereits ein Original-Kettenglied ersteigert, und per Flugzeug nach Riga transportiert. Dort wird in seinem Auftrag nun die Kette stückweise gegossen. "Entsprechend meiner eigenen Finanzlage."

Turm und Wanne zu bauen, war noch relativ einfach. Nach vier Jahren Bauzeit und tausenden Arbeitsstunden ("gezählt habe ich die nie") sieht Irina bereits so gut aus, dass sich auch Fernsehteams für das seltsame Projekt interessieren. Und auch einen 200 PS-Motor hat Wübbelmann bereits eingebaut. Denn fahren, das soll der Tiger aus Rheine irgendwann schon. Ferngesteuert über Joysticks aus dem Kommandoturm. Dann wäre es das größte ferngesteuerte Kettenfahrzeug der Welt - für den Panzerbauer die erste Anerkennung nach all den Mühen und Qualen: eine Eintragung ins Guinnessbuch der Rekorde.

"Vielleicht biete ich den fertigen Panzer irgendwann auch Hollywood an", sagt der Fernfahrer. "Für Filme wie Der Soldat James Ryan. Da konnte ja jeder sehen, dass die nur einen einfachen Aufbau auf ein russisches Fahrgestell montiert hatten."

Und sonst? Wozu das alles? "Ich mache das für mich. Es ist eine Art Lebensaufgabe", erklärt der stämmige Mann mit den weichen Gesichtszügen, während er für heute das Licht in der Halle der ehemaligen Gellendorf-Kaserne ausschaltet. Es ist Sonntag. Seine Freundin Irina hat gerade angerufen. Das Mittagessen wartet.

Die Irina aus Stahl verschwindet im Dunkel der Halle. Kalter Stahl, leblos - und geduldig. Nur ungern verlässt ihr Erbauer die Halle. Um morgen, nach Feierabend, wieder zum geliebten Tiger zurück zu kehren.

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