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Betrug beim Gebrauchtwagen: Wie Tachomanipulation unterbunden werden soll

Fast jeder dritte Fahrzeug-Tacho ist manipuliert. Wer auf der Suche nach einem günstigen Gebrauchten ist, musste bislang dem Verkäufer vertrauen. Das soll sich ändern. 

Die meisten Tachos lassen sich mit wenigen Handgriffen zurücksetzen.

Die meisten Tachos lassen sich mit wenigen Handgriffen zurücksetzen.

Ein Mercedes C 220 CDI aus dem Jahr 2005. 167.562 Kilometer stehen auf dem Tacho –  circa 16.765 pro Jahr. Das ist weder zu wenig, noch zu viel um einen Betrug zu erwarten. Falsch gedacht. Denn der vermeintlich schicke Gebrauchtwagen hat bereits 585.844 Kilometer auf der Uhr. Dieser Fall ist extrem, doch selbst die durchschnittliche Manipulation von gut 65.000 Kilometern gibt zu denken.

Eine Beispielrechnung vom TÜV Rheinland verdeutlicht, wie lukrativ der Betrug sein kann: Reduzieren Kriminelle bei einer Mercedes-Benz E-Klasse, Baujahr 2011, die Laufleistung um 66.000 Kilometer von 114.000 auf 48.000, bedeutet das einen höheren Erlös von 5.400 Euro. Den jährlichen Schaden in Deutschland beziffert die Polizei auf fast sechs Milliarden Euro. "Neben der kriminellen Geschäftemacherei spielen bei Tachomanipulation auch Aspekte der Verkehrssicherheit eine Rolle", erklärt Jürgen Brauckmann, Bereichsvorstand Mobilität TÜV Rheinland: "Geht ein Käufer von einem erheblich geringeren Kilometerstand des Fahrzeugs aus, fährt er möglicherweise zu spät zur Inspektion. So können Defekte oder Verschleiß etwa an Bremse und Fahrwerkskomponenten unentdeckt bleiben."

Tachomanipulation geht zu leicht

Dabei spielt es keine Rolle, ob der Gebrauchtwagen von einem Privatmann oder einem Autohaus angeboten wird. "Der Mann mit dem Koffer", wie er in Fachkreisen genannt wird, macht auch Hausbesuche und braucht nur wenige Augenblicke für ein paar 10.000 Kilometer. An der Technik hat sich natürlich im Laufe der Jahre einiges geändert. So reichte noch vor 30 Jahren eine Bohrmaschine um einen VW Käfer zu verjüngen. Heute sieht es digitaler aus. Was negativ überrascht, ist die Häufigkeit. Laut Berechnungen der Polizei ist an jedem dritten in Deutschland verkauften Gebrauchtwagen der Tacho manipuliert worden.

Dahinter steckt ohne Zweifel ein hoher Grad an krimineller Energie, der "leider noch viel zu selten und milde bestraft wird", findet auch Mechthild Heil, Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. "Tachomanipulation ist kein Kavaliersdelikt, daher müssen wir die Strafen im Betrugsfall deutlich erhöhen. Wir wollen Kunden und Verkäufer besser schützen, indem wir die Möglichkeiten schaffen, die gesammelten Kilometerstände bei Hauptuntersuchung, Reifenwechsel oder Panne freiwillig in eine Datenbank einzuspeisen, ähnlich wie es heute schon in Belgien passiert." Das angesprochene Car-Pass Model im Nachbarland Belgien ist ein großer Erfolg. "Die Zahl neuer Fälle von Tachomanipulation ist seit der Einführung des Car-Pass Systems drastisch zurückgegangen, von 60.000 jährlich auf 1.239 in 2014", sagt Michel Peelman, CEO Car-Pass, Belgien.

Datenbanken könnten helfen

Auch in Deutschland mehren sich die Datenbanken, durch die sich ein Gebrauchtwagenkauf wieder zu einem ehrlicheren Geschäft wandeln soll. Ob nun die Initiative gegen Tachomanipulation, Motory oder Arvato - sie alle haben ein Ziel: Der Gebrauchtwagenkauf soll sicherer werden. "Unser Ziel ist es, mehr Sicherheit für Käufer und Verkäufer zu schaffen. Wir leisten damit einen Beitrag, fingierte Kilometerstände zu identifizieren, Tachobetrug einzudämmen und damit den Gebrauchtwagenkauf transparenter zu gestalten", sagte Frank Schlein, Geschäftsführer Risk Management bei Arvato.

Um Betrügereien und wirtschaftliche Schäden aus Kilometerzählermanipulationen zu minimieren, ist es das Ziel von Arvato, Kilometerstände über die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN) zu checken. Für jedes Kraftfahrzeug soll zukünftig vom Verkäufer abfragbar sein, welchen Kilometerstand es zu einem bestimmten, gespeicherten Zeitpunkt hatte. Die Kilometerstände sollen bei Versicherungen, Prüfgesellschaften und weiteren Partnern eingeholt werden. "Da der Datenschutz oberste Priorität hat, wird eine solche Lösung nur mit der Einwilligung des Verkäufers möglich sein", bekräftigte Schlein. Die andere Möglichkeit wäre eine generelle Veränderung seitens der Hersteller. Doch die drücken sich seit Jahren um den Einbau einer geeigneten Software. 

Die Zwischenlösung

Wer auf Software und selbst gepflegte Datenbanken verzichten muss, dem bleibt genau das, was bis heute jedem Autokäufer bleibt: Vertrauen und ein wenig Fingerspitzengefühl. Sollte sich ein Verkäufer weigern, aus was für Gründen auch immer, die letzten Werkstatt- oder Hauptuntersuchungsberichte hervorzuholen, riecht es zumindest schon ein wenig faul. Sollten die Unterlagen vorliegen und die jeweiligen Kilometerstände nicht nachvollziehbar sein, ist was faul. Dann heißt es: Finger weg und weitersuchen. Der richtige Gebrauchte kommt bestimmt.

mid
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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.
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