Tuner-Wahnsinn Düsentriebs Lachgasnummer


Einheitsbrei ist nichts für Feinschmecker Daniel Kurz. Deshalb will er seinem Pocket-Bike auch Lachgas anstelle ordinärer Luft gönnen. Nur: Verträgt der Mini-Motor den daraus resultierenden Leistungszuwachs?
Von Peter Ilg

Dienstagabend, 18:00 Uhr, auf einem abgesperrten Privatgelände in Röhlingen. In dem 2000-Seelen-Dorf am Rande der Ostalb gibt es alles, was der Schwabe braucht, um glücklich und zufrieden zu sein: ein gutes Bier, eine funktionierende Dorfgemeinschaft und Arbeit. Fürs Häusle bauen ist Daniel Kurz mit seinen 21 Jahren aber noch zu jung. Er hat anderes im Kopf. Sinnloses würden gestandene Dorfbewohner dazu sagen – hätte er sie nach ihrer Meinung gefragt. "Ist es nicht frustrierend, mit zehn Motorrädern auf einem Rundkurs zu fahren und jedes Bike läuft exakt gleich schnell", stellt der gelernte Automechaniker die Sinnfrage. Schlimmer noch: Bei den Fahrten auf einer gemieteten Bahn sind Kollegen dabei, die behaupten, die kleinen Motoren seien bis ans Limit ausgereizt, da könne man nichts mehr machen.

Etwas geht immer noch

"Schande über meine Kumpels", schimpft Daniel. Ein echter Schwabe muss seiner Meinung nach auch ein richtiger Tüftler sein. Basta! Und genau deshalb hat er an seine Maschine eine Lachgaseinspritzanlage gebaut. "Etwas geht immer, kein Motor läuft am Limit", davon ist Daniel Düsentrieb fest überzeugt, wie er fortan genannt wird. Heute Abend will er es ganz genau wissen: Zum ersten Mal überhaupt wird er in wenigen Minuten den roten Schalter am linken Lenkergriff umlegen, damit über die gelbe Kunststoffleitung Lachgas in den Vergaser strömt. Zehn Gramm fasst die Kartusche. Das ist ausreichend für die 49 ccm des Einzylinder-Zweitakters. "Vielleicht frisst der Kolben oder die Karre geht in Flammen auf", mutmaßt der Erbauer und zugleich Testfahrer. Eventuell passiert gar nichts. Daniel Düsentrieb hofft aber insgeheim auf einen "ordentlichen Schub, wenn das Lachgas verbrennt". Seine Aufregung kann er nur schwer verbergen. Schließlich geht es auch um die Berufsehre. Was auch immer passiert, sein Fahrzeug führt er festlich geschmückt auf die scheinbare Schlachtbank.

Billig mit Billig-Teilen

Der junge Automechaniker gehörte vor drei Jahren zu den Ersten, die sich ein sogenanntes China-Bike gekauft hatten, ein Billigprodukt aus dem Fernen Osten. Laut Bedienungsanleitung leistet der luftgekühlte Motor 2,5 KW bei 8700 Umdrehungen pro Minute. Als Daniel die Mini-Maschine auspackte, ging es ihm wie vielen anderen Käufern auch. Der Motor wollte einfach nicht anspringen. "Die schwachen Kraftstoffleitungen waren eingeknickt, sodass kein Sprit im Vergaser ankam", erinnert er sich. Ordentliche Benzinschläuche, gleich mit einem größeren Durchmesser, waren die ersten Teile, die er austauschte. Kurz darauf folgte der Kraftstofffilter, weil der alte nach wenigen Kilometern vom Benzin zerfressen war. Im Juni diesen Jahres zerlegte er das Bike komplett und ließ die Verkleidungsteile in einem Fachbetrieb lackieren.

Edler Speziallack

Das Motorrad, das auch vorher schon schwarz war, wurde wieder schwarz, allerdings gründlich schwarz und mit sogenannten Flakes im Klarlack. Die Farbe hatte Daniel beim GTI-Treffen am Wörthersee gekauft. Beim anschließenden Zusammenbau tauschte er die 0,45 Millimeter Vergaserdüse gegen eine mit 0,7 Millimeter Querschnitt aus. Nun strahlte die Fuhre zwar wunderschön in der Sonne, von den Maschinen der Kumpels setzte sie sich aber immer noch nicht entscheidend ab. Jetzt kam Kollege Zufall in Spiel. Beim Surfen im Internet entdeckte er eine Lachgaseinspritzanlage für Rocket-Bikes, das sind Pockets mit 110 ccm-Motoren. Das wird schon auch an meiner Maschine funktionieren, dachte er sich und bestellt online Steuerelement mit Schalter, zugehörendem Schlauch und acht Ersatz-Kartuschen Lachgas a’ 10 Gramm. Die Lieferung erfolgte prompt, beim Einbau gab es einige Probleme zu lösen.

Roter Schalter

"Die Lachgasdüse hat am Hinterrad gestreift", so Daniel. Deshalb verlegte er den Luftfilter von der Rahmenmitte an den rechten Fahrzeugrand und tauschte zudem den Original- gegen einen offenen Sport-Luftfilter aus. Die Luft oder das Lachgas gelangt nun über einen um 90 Grad abgewinkelten Kühlschlauch vom Golf II in den Vergaser. Mit der Montage einer Doppelrohr-Auspuffanlage und einem Schlüsselschalter anstelle des einfachen Ausschalters beendete er die Um- und Aufrüstungsarbeiten an seiner Maschine. Die reinen Materialskosten beliefen sich zusammen auf rund 200 Euro, der Arbeitsaufwand: ein Acht-Stunden-Tag. Nach einer kurzen Testfahrt nahm er die Grundeinstellungen für den Vergaser vor – ohne den roten Schalter umzulegen. Den Augenblick sparte sich der Tüftler für die folgenden Minuten auf.

In einem Passat-Kombi wurde das Pocket-Bike Teststrecke, einem privaten Feldweg, gefahren. Nach dem dritten oder vierten Zug am Anlassriemen lief der Motor, nach einer kurzen Warmfahrphase schließlich richtig rund. Daniel zog seine Jacke über, setzte den Helm auf und fuhr langsam zum Startpunkt. Es war abgesprochen, dass er in Richtung des Fotografen fährt und exakt auf dessen Höhe die Lachgaseinspritzung zündet.

Mehr Sauerstoff, mehr Leistung

N2O, auch Di-Stickstoffmonoxid oder Lachgas genannt, ist ein ungiftiges, unbrennbares und farbloses Gas, das Zahnärzte zur Betäubung und Mechaniker zur Leistungssteigerung verwenden. Das Prinzip dabei: Je mehr Benzin verbrannt wird, umso höher ist die Leistung. Damit ein Motor ordentlich verbrennt, braucht er Sauerstoff. Während in der Atemluft der Anteil an Sauerstoff rund 20 Prozent beträgt, liegt er in Lachgas fast doppelt so hoch. Wird nun Lachgas in den Ansaugtrakt eines Motors eingespritzt, gelangt sauerstoffhaltigere Luft in den Zylinder und die Verbrennung wird effektiver. Das dafür notwendige mehr an Kraftstoff gelangt über die größer dimensionierten Benzinschläuche und Hauptdüse zum Motor. Doch damit nicht genug der Erklärung. Lachgas hat eine Temperatur von rund 90 Grad Minus. Wenn das N2O in den Ansaugtrakt gelangt, verdampft das Gemisch sofort. Technisch bedeutet das, dass wesentlich weniger Raum für deutlich mehr Gemisch benötigt wird. Die logische Konsequenz ist eine Leistungssteigerung. Experten gehen bei serienmäßigen Saugmotoren von 25 bis 30 Prozent aus, warnen aber gleichzeitig vor kapitalen Schäden oder einer deutlich verkürzten Lebensdauer des Triebwerks durch überhöhte Beanspruchung der mechanischen Teile.

Vielleicht ein Düsenantrieb

Daniel kommt angefahren, aus den zwei Rohen der Abgasanlage qualmt verbranntes Zweitakt-Gemisch. Wie abgesprochen legt er auf Höhe des Fotografen mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht den roten Schalter um – und das Pocket-Bike legt enorm an Geschwindigkeit zu. Solange er den Schalter hält, wird Lachgas eingespritzt und die Maschine läuft um die 70 Kilometer pro Stunde. Reguläre Pocket-Bikes bringen es auf 50, gute auf 55 Stundenkilometer. Daniel lässt den Schalter los, hält an, hebt die Arme als Zeichen des Sieges (und der Erleichterung) und zieht den Helm vom Kopf. "War das geil", ist seine spontane Reaktion. Nun bleiben seinen Kumpels die langen Herbstabende, um darüber nachzudenken, wie sie ihm nun folgen können. "Ein Düsenantrieb wäre der Clou", lacht Daniel, lupft seine völlig unversehrte Maschine vorsichtig in den Kofferraum des Autos und fährt mit sich und der Welt zufrieden nach Hause.


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