Walter Röhrl Der Gott hinter dem Lenkrad


Wohl nur wenige Menschen haben in ihrem Leben so viele Insekten mit den Seitenscheiben ihres Autos gekillt wie Walter Röhrl. Begonnen hat der Gott des Lenkrades als bischöflicher Chauffeur, nun wird er 60.
Von Michael Specht

Jede Kurve quer, immer schön den Hintern raushängen lassen. Keiner warf diese Rallye-Geräte so gekonnt ums Eck wie der schlacksige Leptosom aus Regensburg. Seine spektakulären Drifts begeisterten Millionen Fans, ob an der Strecke oder vor dem Fernseher. Niki Lauda nannte ihn einst "Genie auf Rädern". Röhrl ist zweifacher Rallye-Weltmeister, vierfacher Sieger der Monte Carlo. Er ist der erste Fahrer in der Welt, der die 20,8 km der Nordschleife mit einem serienmäßigen Auto, einem Porsche 911 GT3, in unter acht Minuten fuhr. Als 40-jähriger prügelte er einen kurzen Audi Sport quattro S1 durch 150 Kurven mit ständiger Absturzgefahr 20 Kilometer lang den Pikes Peak in Colorado/USA hoch. So schnell, dass nach ihm keiner mehr je diese Zeit erreichen sollte.

Am 7. März 2007 wird Walter Röhrl 60 Jahre alt – und anscheinend kein bisschen leise. Wer die Gelegenheit hat, mit ihm heute ein paar Runden um den Rennkurs zu drehen, steigt danach mit weichen Knien und flauem Magen, doch voller Begeisterung aus. So schrieb jüngst ein Beifahrer ins Gästebuch seiner Homepage www.roehrl-walter.de: "Er hatte noch Zeit, an seiner Uhr die Zeiten zu stoppen, während ich dachte, dass er schon laaaange bremsen sollte. Wahnsinn, der Gott des Lenkrades!"

Der Bischöfliche Sekretär

Manche glauben ja wirklich, die göttliche Fahrkunst rühre aus seiner Vergangenheit. Als der junge Walter als Bischöflicher Sekretär des Ordinariats Regensburg jährlich zigtausend Kilometer abspulte, weil er gleichzeitig Dienstfahrer des Bischofs war. Wie er seinen Chef durch die Gegend kutschierte, ist allerdings nicht überliefert.

Eher schon, wann und wie seine Renn- und Rallyelaufbahn begann. Prinzip Jungfrau zum Kind. 1968 überredete ihn ein Freund, bei der Rallye Bavaria teilzunehmen. Hierfür zwängt sich der 1,96-Meter-Röhrl hinters das Lenkrad eines Fiat 850 Coupé. Doch der kleine Hecktriebler hält nicht durch. Ein Jahr später schon jagt der Mann einen BMW 2002 ti als Zweiter durchs Ziel. Nun geht es Schlag auf Schlag. Röhrl sitzt im Alfa oder fährt Rallyes auf Porsche und Ford, stets als Nebenjob. Denn noch immer ist er Chauffeur des Bischofs.

Erste Jahre

Röhrls Vater, ein Steinmetz, hätte es lieber gesehen, dass sein Sohn den gleichen Beruf erlernt wie er. Doch dem Heranwachsenden juckt es mehr im Gasfuß, als Hammer und Meißel in die Hand zu nehmen. 1973 heuert er bei Opel an, schafft nach zwei Jahren seinen ersten WM-Sieg – mit 60 Minuten Vorsprung vor dem Zweiten. Doch die Opel-Kadett GT/E sorgen auch für eine Menge Frust. 1977 folgt das schwärzeste Jahr seiner Karriere: fünf WM-Starts, fünf Ausfälle. Böse Zungen behaupten, nicht immer seien es technische Mängel gewesen. Nach Rallye-Zwischenstationen bei Fiat (131 Abarth) und Lancia (Stratos und Monte Carlo Turbo) sowie Rundstreckenrennen auf Porsche 935 (Sieg 1981 bei den 6 Stunden von Silverstone) holt Opel 1982 den Regensburger zurück nach Rüsselsheim und Röhrl wird zum ersten Mal Weltmeister.

Nichtraucher und Asket Röhrl versichert bis heute glaubwürdig, dass es ihm stets um den harmonischen Bewegungsablauf, um die Schönheit des Fahrens in Extremsituationen gegangen sei. Nicht nur um gute Zeiten. Autofahren soll nach seiner Vorstellung funktionieren wie Skifahren. Ohne Nachdrücken, ohne Rutschen, den Schwung einmal ansetzen, dann muss er passen. Im Idealfall wird das Auto zu einem Körperteil.

Mit Röhrl wird es billiger

Für sein fahrerisches Können interessiert sich auch der damalige Audi-Chef Ferdinand Piech. Er verfügt 1984 kurzer Hand: "Der Röhrl kommt zu uns. Es ist billiger, mit ihm, als gegen ihn zu fahren." Die "Ehe" klappt. Röhrl, ohnehin scharf auf Allradantrieb, begeistert die Traktion des Audi quattro. Und er gewinnt die Monte. Walter Röhrl liebt diese Strecke wie keine andere, mit ihren tückischen, engen Ecken, mit ihrem wechselnden Untergrund zwischen trockenem Asphalt und blankem Eis, hält es wie Frank Sinatra mit New York. "Wenn du es hier kannst, kannst du es überall".

Dennoch verabschiedet sich Röhrl in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre von Schnee, Schotter und Staub, bleibt zwar bei Audi, wechselt aber auf die Rundstrecke. Obwohl ihm die nicht sonderlich behagt. Der Kampf Mann gegen Mann sind nicht sein Ding, er fährt lieber gegen die Uhr, liebt den Ritt im Grenzbereich.

Fanatiker der Präzision

Porsche holt ihn 1993. Für die Zuffenhausener gilt Röhrl als Perfektionist. Die Ingenieure schätzen seine Analysen nach Testfahrten. Und natürlich, dass er im selben Jahr die 24-Stunden von Le Mans gewinnt. Sein letztes Langstreckenrennen. Und heute, mit 60? Von Vorruhestand keine Spur. Noch immer steht Walter Röhrl auf der Porsche-Pay-Roll, als Repräsentant und Testfahrer des Sportwagenbauers. Sein Terminkalender ist entsprechend voll. Es bleibt wenig Zeit für Hobbys. Ski-, Trial- und Radfahren. Und neuerdings auch Golf. Es ist die Präzision der Schlagtechnik, die ihn fasziniert. Röhrl weiß, dieser Sport verzeiht keine Fehler, wenn man gut sein will. Er kennt das – aus alten Rallye-Tagen.


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